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Winzer aus Leidenschaft : 72 Tage Haft für einen illegalen Roten

Große Rotweine statt Dornfelder

Das versprochene Haus, einen achteckigen Turm aus Naturstein, hat der Gerettete in den folgenden Jahren auf seinem Weingut in Handarbeit errichtet. Das Weingut für seine Retter kaufte er, nachdem er dem Sohn eines argentinischen Offiziers bei einer Bergtour in 6000 Metern Höhe das Leben gerettet hatte und über diesen hilfreiche Kontakte ins Nachbarland knüpfen konnte. Das war 1987 - und gerade rechtzeitig für die Cabernet-Sauvignon-Reben, die das rheinland-pfälzische Weinbauamt partout nicht in Ellerstadt stehen lassen wollte.

„Aber ich muss die Geschichte von vorne erzählen“, sagt Vollmer. Schon Anfang der Achtziger hatte er sich - ganz in der Tradition seiner französischen Lehrjahre - mit dem Gedanken beschäftigt, den international so hoch angesehenen, aber in Deutschland bis dato verbotenen Cabernet Sauvignon anzupflanzen. „Ich wollte große Rotweine machen und nichts mit Dornfelder und Neuzüchtungen zu tun haben.“ Also stellte er einen Antrag für einen Versuchsanbau und besorgte sich im Bordeaux tausend kleine Rebstöcke aus St.Emilion. Wegen des 1985 mit voller Macht aufgebrochenen Glykol-Skandals blieben die zuständigen Genehmigungsbehörden jedoch untätig und auch stur. So hatte Vollmer zwar eine Kofferraumladung Cabernet-Reben, aber keine Zulassung für den Anbau. „Ich habe natürlich trotzdem gepflanzt.“ Nicht auf einer bestimmten Fläche, sondern verteilt über seinen gesamten Besitz und nach einem geheimen Plan.

„Zwei Jahre später haben wir den ersten Wein aus diesen Reben gekeltert, gut 40Liter“, erinnert er sich. „Es war ein toller Tropfen, aber dann wurde ich denunziert.“ Erst Jahre später erfuhr er, dass es sich bei dem Verräter um einen Winzer aus Ellerstadt gehandelt hat. Das Motiv: „Neid und verletzte Ehre, weil ich sein Land gepachtet hatte.“ Als sei es gestern gewesen, erinnert sich Vollmer noch daran, wie morgens um sechs Uhr die Polizei und Vertreter der Weinkontrolle auf seinen Hof fuhren und alles durchsuchten. Die gerade abgefüllten Flaschen Cabernet mussten vor den Augen des Gesetzes vernichtet werden, und der renitente Winzer wurde vor Gericht zitiert.

Verurteilt zu symbolischer Geldstrafe

Bei der Verhandlung im Frühjahr 1987 in Neustadt an der Weinstraße wurde der Übeltäter zu 72 Tagen Haft oder 72 Tagessätzen zu je 100 Mark und der sofortigen Entfernung der Cabernet-Reben verurteilt. Er ging in Berufung, grub die Reben unter Polizeiaufsicht aus - und nutzte die Zeit bis zur nächsten Verhandlung, um die kostbaren Stöcke nach Argentinien auszufliegen. Wie er sie dort am Zoll vorbei zu seinem gerade erworbenen Weingut im Valle de Uco in der Region Mendoza schaffen konnte, ist eine weitere, typische Heinrich-Vollmer-Geschichte. Zurück in Deutschland wurde er jedenfalls in zweiter Instanz zu einer symbolischen Geldstrafe verurteilt und praktisch freigesprochen. An diesem Freitag ist das 25 Jahre her. Inzwischen bauen nicht nur in Ellerstadt viele Winzer Cabernet Sauvignon an, und auch Merlot, Syrah und sogar Tempranillo sind in Deutschland keine Seltenheit mehr.

„Das Ganze hat mich ein Jahr meines Lebens gekostet, dieser Stress“, sagt Heinrich Vollmer. Aber er hält sich zugute, dass mit Hilfe seiner Dickköpfigkeit die deutsche Weingesetzgebung liberalisiert wurde. Zum Jubiläum hat er sich im Übrigen etwas Besonderes überlegt: Er hat die Protagonisten von damals an den Tatort, in sein Weingut in Ellerstadt, eingeladen, den damaligen Oberamtsrat von der Weinkontrolle, den damaligen Staatssekretär im Weinbauminsterium, den früheren Weininspektor, den ehemaligen Oberbürgermeister von Ludwigshafen sowie Anwälte und Journalisten, die den Fall begleitet haben. Mit ihnen will er den Wein von damals trinken - „denn zwei Flaschen habe ich an jenem Morgen heimlich in Sicherheit gebracht“.

Und weil Heinrich Vollmer nur drei Tage nach dem Freispruch vom 11.Mai 1987 dann plötzlich doch noch die Genehmigung für den Versuchsanbau von Cabernet Sauvignon bekam, neue Rebstöcke pflanzte und seither jedes Jahr einen Wein aus den Trauben gekeltert hat, gibt es auch noch acht weitere Jahrgänge zu kosten. Vielleicht sogar den Cabernet Sauvignon aus Argentinien. Dort haben sich die Original-Stöcke von 1987 nämlich prächtig entwickelt und geben Jahr für Jahr einen körperreichen, feinen Cabernet Sauvignon - und einem Dutzend indigenen Familien ihr Auskommen.

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