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Der Ort Windsor : Public Viewing zur royalen Hochzeit

Schaulustige haben es sich schon seit Freitagmorgen in Windsor bequem gemacht. Bild: EPA

Windsor hat ein viel zu großes Schloss, 30.000 Einwohner – und erwartet heute Hunderttausende Schaulustige.

          3 Min.

          Es hätte auch ihr großer Tag werden können. Anita Atkinson, die Königin der königlichen Andenken. Keine Memorabilia-Sammlung ist größer als ihre, darum auch steht die Einundsechzigjährige aus Durham im Guinness-Buch der Weltrekorde. Becher, Tassen, Flaggen, Bücher – sie sammelt alles über die Familie Windsor. Und am Tag vor dem großen Tag steht sie in der ersten Reihe, Windsor Castle fest im Blick. Ein Traum könnte wahr werden, doch ihre Tochter Ruth macht ihr einen Strich durch die Rechnung. Schon zum zweiten Mal. 1981, als Charles und Diana heirateten, lag Anita Atkinson mit Wehen darnieder und bekam ihre Ruth. Nun ist Ruth hochschwanger mit ihrem dritten Kind. „Ihr Termin ist morgen, ich kann sie doch nicht alleinlassen.“ Und so packt die royal geschmückte Anita Atkinson schon wieder zusammen und zieht schweren Herzens ab.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Der kleine Ort Windsor in der englischen Grafschaft Berkshire hat gerade einmal 30.000 Einwohner und ein viel zu großes Schloss. Ohne das Schloss und die Familie, die sich vor ziemlich genau 100 Jahren nach ihm und dem Örtchen benannt hatte, wäre Windsor ein verschlafenes Nest, das vom Nachbarörtchen Eton, das mit 2000 Einwohnern noch viel kleiner ist, aber eben eine berühmte Schule hat, überstrahlt würde. So aber ist Windsor ganzjährig ein überlaufener Touristen-Hot-Spot – und erst recht, wenn mal wieder Großes ansteht, eine Hochzeit im Hause Windsor zum Beispiel.

          Harry, der Bräutigam, wollte angeblich nicht in London heiraten (der Buckingham-Palast liegt etwa 34 Kilometer östlich von Windsor), sondern dort, wo die vermeintlich zweite und auch dritte Garde der Familie sich das Jawort zu geben pflegt. Harrys Onkel Edward zum Beispiel, der jüngste Sohn von Elisabeth II., oder auch Peter Phillips, der älteste Enkel der Königin. Auch Harrys Kusine Eugenie, Tochter von Prinz Andrew, wird im Herbst hier heiraten. Sogar der Thronfolger wich 2005 nach Windsor und die gotische Kirche im Schloss aus, allerdings nur, weil die Braut nicht Diana, sondern Camilla hieß und es seine zweite Hochzeit war.

          Die Hochzeit auf Leinwänden verfolgen

          Hochzeiten in Windsor sind kleiner, familiärer, als in der nahen Hauptstadt des Inselreichs. Wenn Harry und Meghan Markle an diesem Samstag in der St.-Georgs-Kapelle, in der Harry und Eugenie auch schon getauft wurden, vor den Altar treten, dann werden etwa 600 geladene Gäste die Zeremonie verfolgen – nicht 1900 wie vor sieben Jahren bei der Hochzeit von William und Kate in der Westminster Abbey im Herzen Londons. Es werden heute auch keine Staatsgäste anwesend sein, nicht einmal Premierministerin Theresa May wurde eingeladen, und die gekrönten Häupter aus aller Welt werden ebenfalls fehlen, auch wenn sie teilweise eng mit den Windsors verwandt sind. Eingeladen hat auch nur der Papa, der Prinz von Wales, und nicht die Königin, die es sich 2011 nicht nehmen ließ, die Hochzeit für ihren Enkel William, den künftigen König, auszurichten.

          Allerdings spendiert Elisabeth ein Mittagessen in der St.-Georgs-Halle im Schloss von Windsor. Zur abendlichen Feier wiederum bittet Charles 200 handverlesene Angehörige und Freunde des Brautpaars ins Frogmore House, eine weitere Residenz fußläufig von Windsor Castle entfernt, die so heißt, weil es dort von Fröschen nur so wimmeln soll.

          Die Hunderttausende, die nun in Windsor und um Windsor herum erwartet werden, haben nur nach der Trauung etwa gegen 13 Uhr Gelegenheit, Harry und Meghan zu sehen. Was in der Kirche passiert, können sie auf großen Leinwänden verfolgen – etwa im Park Alexandra Gardens unweit des Schlosses. Nur 2640 Auserwählte haben das Glück und dürfen sich innerhalb der Schlossmauern aufhalten. Die meisten von ihnen arbeiten für Wohltätigkeitsorganisationen, die Harry und Meghan besonders am Herzen liegen, oder sie haben sich um das Königreich verdient gemacht, wie der 30 Jahre alte Philip Gillespie aus Nordirland, der im Afghanistan-Krieg als Soldat sein rechtes Bein verloren und an den von Prinz Harry ins Leben gerufenen Invictus Games UK für Kriegsversehrte teilgenommen hat. Eingeladen wurde aber auch die zwölf Jahre alte Amelia Thompson aus Yorkshire, die den Terror-Anschlag in der Manchester-Arena im Mai 2017 überlebte.

          Nach der Trauung einmal durch Windsor

          Sie alle werden Harry und seinen Trauzeugen William schon vor der Kirche sehen, wie sie zu Fuß zur Kirche gehen. Auch die Ankunft der Familie, die im Chor der St George’s Chapel Platz nimmt, werden sie verfolgen können. Meghan erscheint zum Schluss und wird in der Kirche zunächst nur von ihren zehn Blumenkindern begleitet, dann tritt Prinz Charles, ihr künftiger Schwiegervater, an ihre Seite und begleitet sie in Vertretung für den erkrankten Vater durch den Chor zum Altar und zu ihrem Bräutigam.

          Da die Sonne scheinen wird – alle Welt redet in Windsor nur vom „königlichen Hoch“, das sich rechtzeitig über dem Königreich breitgemacht hat –, werden die beiden danach in einem offenen Ascot Landau einmal durch Windsor fahren, den Schlosshügel hinab und weiter über High Street und den Long Walk zurück zum Schloss. Traditionell gezogen wird die Kutsche von vier Windsor-Grey-Pferden, von Milford Haven, Sir Basil, Tyrone und Storm, die aus den königlichen Stallungen in Ascot stammen.

          Auf diesem Moment heute Nachmittag wartet auch schon Sharon McEwan, die am Freitagmorgen früh aus London angereist ist und nun an der Ecke von Castle Hill und High Street ihren Campingstuhl tapfer verteidigt. Und das will sie auch die ganze Nacht hindurch tun, auch wenn die Polizei das eigentlich untersagt hat. Sharon McEwan trägt natürlich Krone, um die Schultern den Union Jack und in den Händen einen Pappbecher mit kaltem Kaffee. Um sie steht ein Heer von Journalisten. Die Hausfrau und neunfache Großmutter strahlt übers ganze Gesicht und in jede Kamera. Für sie, die sich selbst als „coloured“ bezeichnet, geht ein Traum in Erfüllung: England bekommt eine „schwarze Prinzessin“. Was wohl die Queen dazu sagt? „Ich weiß“, sagt Sharon McEwan voller Überzeugung, „dass die Königin total glücklich darüber ist.“

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