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Deutsche in Saudi-Arabien : Viele Vorurteile hält Wilma für falsch

  • -Aktualisiert am

Wilma Ewerhart kommt aus dem Münsterland und lebt in Dahran Hills, einem Stadtteil von Kohbar. Anfangs hat sie sich in Saudi-Arabien fremd gefühlt.

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          Anfangs war für mich alles fremd“, sagt Wilma Ewerhart und blickt gedankenverloren in die Ferne. Das aufgeschlossene Mädchen mit den blauen Augen und kurzen dunkelblonden Haaren spricht von ihrem Umzug vor drei Jahren. Viermal in seinem Leben zieht der Durchschnittsdeutsche um, aber die wenigsten ziehen dorthin, wo Wilma jetzt ihr Leben verbringt. Es ist keine Besonderheit mehr, dass Muslime in einem christlich geprägten Staat leben. Dass aber Christen in einem muslimischen Staat leben, scheint eher befremdlich, schließlich heißt es, dass Muslime wesentlich unliberaler mit fremden Kulturen umgehen als Christen. Dennoch, genau dies haben Wilma, Petra und Georg Ewerhart getan: Die deutsche Familie lebt in Saudi-Arabien.

          Menschen aus Ländern der ganzen Welt

          In dem Königreich am Roten Meer und Persischen Golf gehören 73 Prozent der Einwohner der Haupt- und Staatsreligion an, dem salafistischen Islam, der Rest ist schiitisch oder sunnitisch geprägt. Hinzu kommt, dass in Saudi-Arabien die beiden heiligsten Stätten des Islams liegen: die Ruhestätte Mohammeds in Medina und die Kaaba in Mekka, ein quadratisches Gebäude, das als Wallfahrtsstätte dient. Deshalb pilgern jedes Jahr mehrere Millionen Gläubige in den absolutistischen Staat. Von all dem bekommt Wilma Ewerhart nur aus der Entfernung etwas mit. Sie lebt in Dahran Hills, einem Stadtteil von Kohbar. Bei diesem Stadtteil handelt es sich um einen Compound, von denen es noch mehrere andere in Saudi-Arabien gibt. Dort leben etwa 12000 Menschen aus Ländern der ganzen Welt. In Kontakt mit der arabischen Bevölkerung kommt sie selten.

          Wilma besucht eine internationale Schule, die das englische System hat und ziemlich strengen Regeln folgt. „Schmuck dürfen wir überhaupt nicht tragen, selbst ein Bändchen um den Arm ist zu viel. Außer einem unauffälligen Ohrring - der ist okay.“ Und wenn mal gegen eine dieser Regeln verstoßen wird? „Dann müssen wir zum Schuldirektor, den Schmuck entfernen und uns entschuldigen.“ Dabei trägt Wilma passend zu ihrem fröhlichen Charakter gern bunte Kleidung, die sie teilweise selbst näht. Wenn sie dann mal das Compound verlässt, gelten für sie die gleichen Regeln wie für den Rest der Bevölkerung. Für Frauen heißt das, sie müssen ein Kopftuch tragen oder sich im Auto fahren lassen.

          Der Vater arbeitet in der Öl-Branche

          Diese Erfahrungen sind für Wilma gar nicht so neu. Sie wohnte vorher schon einmal in Saudi-Arabien, ist dann wieder in ihr altes Heimatdorf nahe Münster gezogen, um dann erneut in den islamischen Staat zu ziehen, denn ihr Vater arbeitet dort bei einer der größten Ölfirmen der Welt. Doch seit ihrer Rückkehr hat sich einiges verändert. Keiner ihrer Mitschüler kam so wie sie aus Deutschland. „Man hatte mir gesagt, das es ein Mädchen gibt, dass Deutsch sprechen kann. Aber als ich sie traf, konnte sie mit Mühe Hallo und tschüs sagen.“ Außerdem gab es am neuen Haus keinen Pool. Das klingt vielleicht unbescheiden, aber bei einer Durchschnittstemperatur von 28 Grad im Jahr will man eine erfrischende Abkühlung nicht missen. Inzwischen hat sich Wilma an das Leben in dem fremden Land wieder gewöhnt, doch bleiben will sie auf keinen Fall. Sobald sie achtzehn ist, möchte sie zurück nach Deutschland. Zwar dürfen Frauen in Saudi-Arabien studieren, aber abgesehen davon, dass sie gar nicht allein im Land bleiben darf, sei der kulturelle Unterschied einfach zu groß.

          Ein gewisses Maß an Liberalität

          „Saudis sind nette Leute“, stellt Wilma fest. „Saudis schmeißen sich nicht mitten auf der Straße auf den Boden, um zu beten. Eigentlich bestimmt Shoppen ein Großteil des saudisches Leben.“ Insgesamt hält sie viele Vorurteile für falsch: Dass die Araber intolerant seien, sei völliger Blödsinn. Allein die Tatsache, dass nichtgläubige Menschen in dem muslimischen Land problemlos leben könnten, sei ein Zeichen für ein gewisses Maß an Liberalität. Der neue König sei das Gegenteil von konservativ. Er setze sich für die Rechte der Frauen ein, die seit gut einem Jahr nun im Verkaufsbereich arbeiten dürfen. Anders als viele denken, laufen gar nicht alle Frauen verschleiert rum, nur in Riad, dort muss jede ein Kopftuch tragen, gleich, welcher Nationalität sie angehört.

          „Das eigentliche Problem sind die Mutawwa. Ohne sie wäre in Saudi-Arabien manches einfacher“, sagt Wilma. Die Mutawwa kann man als die Erhalter der arabischen Sitte bezeichnen, sie stehen im Konflikt mit dem „modernen“ König. Die Macht der Überprüfer der Regeln baut auf die alte Geschichte des Landes auf, durch die der König in der Schuld der Mutawwa steht. Jetzt stellt sich die Frage, ob eine Einmischung des Westens sinnvoll wäre, um Saudi-Arabien an die Standards der Industrienationen anzupassen, die Demokratie einzuführen und die große Kluft zwischen den reichen Ölscheichs und der restlichen armen Bevölkerung aufzuheben. Wilma hält das für einen falschen Weg: „Das würde alles nur noch verschlimmern. Veränderungen werden von selbst Schritt für Schritt passieren.“

          Wilma meint, dass viele Saudis uns als Vorbild nähmen. Sie kann in dem Staat leben, ohne die Landessprache zu sprechen, ihre fremde Kultur wird akzeptiert, fast schon freundlich aufgenommen. „Und dennoch gibt es viele Missverständnisse auf beiden Seiten.“

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