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Will Smith : „Nummer 1 der Charts zu sein macht mich nicht mehr glücklich“

  • -Aktualisiert am

Nur der Oscar fehlt ihm noch: Will Smith. Bild: Bestimage

Sein Ehrgeiz gilt inzwischen anderen Dingen, sagt Will Smith. Der Hollywoodstar über seinen persönlichen Mount Everest, die Flüchtigkeit des Seins, den Buddhismus, Liebeskummer, Ehe - und den Oscar.

          7 Min.

          Will Smith sitzt in einer Suite eines Hotels in West Hollywood und kaut die letzten Bissen eines schnellen Mittagessens. Neben ihm sitzt eine Frau. Wie sich bei näherem Hinsehen herausstellt, ist es seine Partnerin Jada Pinkett Smith. Sie wolle nicht stören, betont sie und legt sich neben uns auf das große Sofa, um auf ihrem Smartphone E-Mails zu beantworten. Das wirkt eigenartig familiär, als sei man gerade zufällig in das Wohnzimmer der Smiths hereinspaziert.

          Seine Filme haben weltweit fast 6 Milliarden Dollar eingespielt. Das Einzige, was Will Smith karrieremässig noch fehlt, ist der Oscar. Anfang des Jahres stand er deswegen im Mittelpunkt der sogenannten „diversity debate“, einer Diskussion darüber, ob schwarze Künstler bei der Oscar-Verleihung von der weißen Mehrheit übersehen werden. Doch darüber will er nicht mehr sprechen. Das sei zu lange her, und jedes Wort zu diesem Thema könne ihm im Mund umgedreht werden. Akzeptiert.

          Stattdessen sprechen wir über seinen Vater (der leider nicht lange nach unserem Interview sterben wird). In seinem jüngsten Film, dem Drama „Verborgene Schönheit“, spielt Smith nun einen Mann, der sein Kind verliert, daran zerbricht und seinen Kummer mit Briefen an den Tod, die Zeit und die Liebe kompensieren will.

          Wenn wir dem Konzept Ihres Films folgen und Sie könnten jetzt einen Beschwerdebrief an den Tod, die Liebe oder die Zeit verschicken, wem würden Sie schreiben?

          Interessante Frage. Das ist wieder typisch deutsch. Immer mit Tiefgang ... (lacht). Aktuell würde ich gerade einen Brief an den Ärger schreiben. Denn ich glaube, Wut und Ärger verursachen in unserer Welt gerade mehr ernsthafte Probleme als Tod, Zeit und Liebe.

          Das könnte dann eine Fortsetzung des Films werden.

          Genau! „Wut, Toleranz und Mitgefühl“. So wird der Film heißen.

          Und Mel Gibson wird dann die Wut spielen?

          In diese Richtung werde ich Sie jetzt nicht begleiten, Kumpel. Das haben Sie gesagt... (lacht).

          Sie spielen einen Mann, der seine Tochter verloren hat. Wo haben Sie diese Emotionen in sich gefunden?

          Ich habe in meinem Leben auch geliebte Menschen verloren. Die Erfahrung war natürlich nicht so extrem wie in diesem Film, denn meine Großmutter war schon relativ alt, als sie gestorben ist. Als klar war, dass ich diese Rolle spielen würde, hatten Ärzte meinem Vater noch sechs Wochen zu leben gegeben. Mit dieser Diagnose bin ich in die Vorbereitungen für diese Rolle gegangen.

          Wie haben Sie das verarbeitet?

          Es mag seltsam klingen, aber letztendlich war es für mich eine wunderschöne Erfahrung. Denn ich konnte in dieser schweren Zeit in diese Rolle und die Welt von Elisabeth Kübler-Ross eintauchen. In ihrer Arbeit geht es um Leben und Tod. Ich konnte daraus gleichzeitig etwas für mein Leben und diese schwierige Phase lernen. Und ich konnte den Schmerz und all diese Gefühle mit dieser Rolle verarbeiten. Der Film kam für mich zum exakt richtigen Zeitpunkt. Und ich bin durch diese Zeit als Mensch und auch als Schauspieler gewachsen.

          Was genau haben Sie daraus gelernt?

          Durch die intensive Beschäftigung mit dem Tod hat Zeit für mich eine andere Bedeutung bekommen. Das hat irgendeine Tür in mir geöffnet. Und ich kann jetzt intensiver und tiefer lieben.

          Wie hat sich die Beziehung zu Ihrem Vater durch die Krankheit verändert?

          Wir sind uns noch näher gekommen, auf einer ganz anderen Ebene. Und dadurch, dass ich mich beruflich so intensiv mit dem Thema Tod beschäftigen musste, habe ich besser verstanden, was mein Vater in dieser Situation erlebt. Deshalb konnte ich viel mehr und ganz anders mit ihm fühlen. Und ich konnte diese Situation annehmen. Man weiß ja oft nicht so richtig, wie man damit umgehen soll, wenn ein geliebter Mensch, ein Familienmitglied todkrank wird. Das ist eine emotionale Ausnahmesituation, und in unserer Angst und Unbeholfenheit versuchen wir uns dem zu entziehen. Ich habe es nicht verdrängt und mich der Krankheit und dem möglichen Tod gestellt. Ich war präsent und offen für alles. Ich bin für meinen Vater da, der sich darauf vorbereitet, in eine andere Welt überzutreten.

          Wie geht es Ihrem Vater?

          Er lebt noch und hatte also doch noch länger als sechs Wochen. Und es ist interessant, was passiert, wenn dieses Zeitlimit überschritten ist. Plötzlich ist jeder weitere Tag ein Geschenk. Und du lebst dann endlich so intensiv, wie du schon vorher hättest leben sollen. Jeder Moment zählt. Das sollte er sowieso. Aber unter normalen Umständen vergisst man das oft. Und wissen Sie, was ich glaube? Ärzte machen das absichtlich. Sie geben dir weniger Zeit, damit du die zusätzliche zu schätzen weißt. Ich verbringe so viel Zeit wie möglich mit meinem Vater. Im „Tibetischen Buch vom Leben und Sterben“ heißt es in etwa: Wenn du dem Tod ins Angesicht blicken kannst und einen Weg findest, echtes Mitgefühl zu zeigen, dann hast du gelernt, wahrhaft zu lieben.

          Seit wann beschäftigen Sie sich mit Buddhismus?

          Ich habe dieses Buch entdeckt, als ich versucht habe, diese Rolle zu verstehen. Was mich auch sehr beeindruckt hat, sind die Mandalas, die buddhistische Mönche machen. Sie stellen diese unglaublich schöne Kunst aus Sand mit all diesen Details her und investieren bis zu vierzehn Stunden in diese Arbeit. Dann betrachten sie dieses Kunstwerk für sechzig Sekunden und wischen es einfach wieder weg. Ich konnte es gar nicht fassen, als ich es zum ersten Mal gesehen habe. Der Sinn besteht darin, zu lernen, dass nichts von Dauer und alles im Leben nur eine flüchtige Erscheinung ist. Egal, wie lange du an etwas gearbeitet hast, egal, was du erreicht hast, nichts ist für die Ewigkeit gemacht. Der Akt der Zerstörung ist dann wieder eine Art Schöpfung. Man muss lernen loszulassen.

          Ich habe viele Antworten auf meine Fragen zu dieser Rolle tatsächlich im buddhistischen Glauben gefunden. Ich habe mit den Lehren des Buddhas angefangen, bin dann bei Sogyal Rinpoche gelandet, dem Meditationsmeister und Autor des „Tibetischen Buchs vom Leben und Sterben“, und mein großes Vorbild ist gerade Thich Nhat Hanh, ein vietnamesischer buddhistischer Mönch, Schriftsteller und Lyriker. Ich liebe seine Sicht auf das Leben.

          Welchen Einfluss hat Ihre neue Philosophie auf Ihre Arbeit in einer Branche, in der man immer nur so wichtig ist, wie der Profit Ihres aktuellen Films?

          Ich versuche das gerade neu zu definieren. Ich arbeite in einer Branche, in der wir im Idealfall Kunst produzieren, die ein Geschenk sein kann. Wenn ich einen Film gemacht habe, mit dem ich auch nur einem Menschen irgendwie weiter geholfen hätte, dann wäre das schon eine ganze Menge. Und ich frage mich tatsächlich mehr als früher: Warum sollte sich ein Publikum meinen Film ansehen, und was hat es davon? Was könnte ich einem Zuschauer damit schenken?

          Sie wollten immer auch als Charakterdarsteller akzeptiert werden. Stand Ihnen der erfolgreichere Filmstar Will Smith, der Held mit der großen Klappe, dabei manchmal im Weg?

          Ich weiß, was Sie meinen. Ich sehe es so: Ich hatte Glück, dass ich Rollen spielen durfte, an die man sich auch noch in fünfzig Jahren erinnern wird, weil sie ihren Weg in die Wohnzimmer und Herzen der Zuschauer gefunden haben. Aber gerade weil diese Rollen so erfolgreich und präsent waren, ist es für Zuschauer wahrscheinlich schwierig, mich in anderen Rollen zu akzeptieren oder etwas Neues in mir zu entdecken. Ja, das ist ein Problem. Aber letztendlich bin ich gerne bereit, mit diesem Problem zu leben und mich daran zu reiben.

          In „Verborgene Schönheit“, so der deutsche Titel, spielt Will Smith einen Vater, der seine Tochter verloren hat.
          In „Verborgene Schönheit“, so der deutsche Titel, spielt Will Smith einen Vater, der seine Tochter verloren hat. : Bild: AFP

          Sie haben gesagt, Sie müssen nicht mehr die Nummer 1 in den Kinocharts sein. Wann ist Ihnen diese Form von Ehrgeiz abhandengekommen?

          Das ist ein Prozess, der irgendwann vor fünf Jahren anfing. Vorher hatte ich den Ehrgeiz, gewissermaßen meine Fahne auf der Spitze des Mount Everests in den Boden zu rammen. Dafür habe ich gekämpft und zwanzig Jahre trainiert. Und dann hatte ich es geschafft. Meine Fahne wehte dort im Wind, und ich habe vor Freude geschrien. Doch dann wurde mir klar: Das ist nur eine verdammte Fahne auf einem verflixten Berg. Und ich stand da ganz allein mit einer Fahnenstange in der Hand.

          Und das war ernüchternd?

          Ja. Und ich hatte das Gefühl, ich habe auf diesem Weg zur Spitze Dinge verpasst oder nicht beachtet, die genauso spektakulär gewesen wären. Ich war so auf das Ziel fixiert, dass ich die Schönheit der Reise vernachlässigt habe. Und nur weil ich da unbedingt hinwollte, war das vielleicht gar nicht meine Bestimmung. Es klingt banal, aber für mich war es eine ganz wichtige Erkenntnis: Die Nummer 1 in den Kinocharts zu sein macht mich nicht glücklich. Und das war der einzige Grund, warum ich die Nummer 1 sein wollte. Ich dachte, es würde mich glücklich machen. Und dann ist da noch ein Problem: Du kannst achtmal in Folge mit deinem Film an der Spitze einsteigen, über hundert Millionen Dollar Profit einspielen, aber das zählt alles nicht, wenn dein neuer Film startet. Du musst es immer wieder schaffen. Die Erfolge von gestern zählen nicht. Du bist immer nur so gut wie dein aktueller Film.

          Wenn man so sehr Teil dieses Systems ist wie Sie, wie haben Sie gelernt loszulassen?

          Mir ist klargeworden, dass es eine Sucht ist. Deswegen musste ich aus diesem System ausbrechen.

          Was macht Sie glücklich?

          Ich habe inzwischen herausgefunden, das Einzige was mich wirklich glücklich macht, ist Liebe. Wir spüren doch alle, diese Leere in uns, die wir versuchen, mit allen möglichen Dingen zu füllen. Aber das funktioniert nur mit einer erfüllten Beziehung.

          Wann ist Ihnen zum ersten Mal ernsthaft das Herz gebrochen worden?

          Nie... (lacht). Mein Herz ist unzerbrechlich. Aber im Ernst. Ich war noch recht jung, ungefähr fünfzehn Jahre alt. Ich hatte Streit mit meiner Freundin, und das hat mir zum ersten Mal richtig zu schaffen gemacht. Aus heutiger Perspektive würde ich es allerdings eher als Liebeskummer eines Teenagers bezeichnen. Ich wusste damals noch gar nicht, was wahre Liebe ist.

          Will Smith und seine Filmpartnerin Naomie Harris bei der Premiere von „Verborgene Schönheit“ Mitte Dezember in London
          Will Smith und seine Filmpartnerin Naomie Harris bei der Premiere von „Verborgene Schönheit“ Mitte Dezember in London : Bild: AP

          Wie definieren Sie Liebe heute?

          Das ist eine große Frage. Aber ich glaube, man muss erst einmal gemeinsam bestimmte Dinge durchgemacht haben, um sich wirklich zu lieben. Und dazu gehören zum Beispiel Verletzungen, Betrug oder Verlust. Wenn man zu viel Angst hat, sich diesen Dingen zu stellen, kann man auch nicht wirklich lieben und echte Nähe erfahren.

          Ihre Eltern haben sich getrennt, als Sie dreizehn Jahre alt waren. Waren Sie deshalb skeptisch, was die Ehe angeht?

          Nein, nie. Ich dachte sogar, es ist am besten für uns alle, wenn sie sich trennen. Das hat mich nicht entmutigt. Im Gegenteil. Ich wollte es anders machen. Ich habe mir immer vorgestellt, zu heiraten und Kinder zu haben. Und ganz ehrlich? Das Leben, das ich heute lebe, ist der Traum, die Idealvorstellung meiner Zukunft, die ich als Kind hatte. Es ist sogar mehr als das, denn ich habe mich weiterentwickelt. Vor fünf Jahren dachte ich, jetzt habe ich alles, was ich immer wollte. Und ich hatte immer diese Vorstellung, ich erreiche mein Ziel, und dann bleibt alles so, wie es ist. Aber dann wurde mir bewusst, dass alles in Bewegung bleibt und ich immer weiter an der Zukunft arbeiten muss.

          Zum Beispiel?

          Ich konnte mir zum Beispiel nie meine Kinder als Teenager vorstellen. Das ist eine neue Herausforderung. Und ich verändere mich ständig. Was ich damals wollte, ist Vergangenheit, existiert nicht mehr. Jetzt muss ich etwas Neues schaffen.

          Ganz ehrlich: Wie wichtig ist Ihnen der Oscar als Krönung Ihrer Karriere noch?

          Ich brauche ihn nicht mehr und möchte mich auf diese Art von Ziel auch nicht mehr fokussieren. Das gehört für mich zum selben Thema, über das wir vorhin gesprochen haben. Einspielergebnisse und Preise sind nicht mehr meine Motivation. Ich will ein Künstler sein, der hoffentlich etwas hinterlässt, das Menschen etwas bedeutet. Wissen Sie, meine Großmutter hat mich damals motiviert, Schauspieler zu werden. Und das hatte nichts mit Preisen und Auszeichnungen zu tun. Und wenn ich könnte, würde ich mich sogar ganz aus diesem System der Trophäen und Superlativen zurückziehen. Das ist ein Dilemma, mit dem ich gerade kämpfe.

          Zur Person

          Geboren 1968 in Philadelphia: die Mutter arbeitete für die Schulbehörde, der Vater war Ingenieur.

          Erster großer Erfolg mit der TV-Serie „Der Prinz von Bel-Air“.

          Spezialist für Blockbuster, z. B. die „Bad Boys“- und die „Men in Black“-Filme; spielte in „Independence Day“ und „I Am Legend“; ist der einzige Schauspieler mit 11 Filmen in Folge, die weltweit über 150 Millionen Dollar einspielten.

          Zwei Oscar-Nominierungen, u.a. für „Ali“.

          In zweiter Ehe verheiratet; drei Kinder.

          Aktueller Film: "Verborgene Schönheit", ab 19. Januar im Kino.

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