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Wikipedia : Der Diderot aus Alabama

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales Bild: Chrys/Wikimedia Commons

Er bezeichnet sich selbst als „wissensdurstigen Spinner“, der Zugang zu Wissen gehört für ihn unverrückbar zur Menschwerdung: Jimmy Wales hat die freie Internet-Enzyklopädie Wikipedia gegründet.

          Mehr als 230 Jahre nach dem Tod des großen französischen Enzyklopädisten Denis Diderot scheint die Begründung für seine Arbeit an der "Encyclopedie" aktueller denn je. Er wollte die auf der Erdoberfläche verstreuten Kenntnisse sammeln, um sie den Menschen darzulegen, mit denen wir zusammenleben und denen zu überliefern, die nach uns kommen werden. Seine Motivation war der Glaube an die Kraft des menschlichen Wissens: Er trug es zusammen, „damit unsere Enkel nicht nur gebildeter, sondern gleichzeitig auch tugendhafter und glücklicher werden, und damit wir nicht sterben, ohne uns um die Menschheit verdient gemacht zu haben“.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Man muß das Diderot-Zitat im Hinterkopf behalten, wenn man die Faszination von Wikipedia verstehen will. Auf der ganzen Welt arbeiten Tausende Freiwillige oftmals mehrere Stunden am Tag daran die Online-Enzyklopädie in ihrer Landessprache zu erweitern und zu verbessern. Allen voran Jimmy Wales, der Wikipedia 2001 ins Leben rief und von den Wikipedianern, wie sich die Streiter für die größte Enzyklopädie im Internet nennen, wie ein Guru verehrt wird. Was Linus Torvalds, der Erfinder von „Linux“, für die Anhänger lizenzgebührenfreier Software ist, ist Jimmy Wales für jene, die an die Verbreitung freier Inhalte im Internet glauben.

          Angriff auf Brockhaus und Co.

          Auch die Konkurrenten von Linux und Wikipedia haben ein ähnliches Gesicht. Während die Anhänger lizenzgebührenfreier Software den Software-Riesen „Microsoft“ zu ihrem Lieblingsfeind erkoren haben, richtet sich der Ehrgeiz der Wikipedianer darauf, besser zu sein als die Alteingesessenen in ihrer Sparte, die klassischen Enzyklopädien wie Brockhaus oder Encyclopaedia Britannica. Dabei hat Jimmy Wales weder etwas von einem Guru noch von einem Kämpfer. Der Vollbart ist sorgfältig getrimmt, und an seiner Gelassenheit kommen nur Zweifel auf, wenn er selbst im Gespräch die Augen nicht vom Bildschirm und die Finger nicht von seiner Tastatur seines Laptops lassen kann.

          Bevor Wales vor sechs Jahren 500.000 Dollar investierte, um zuerst mit Nupedia und von 2001 an dann mit dem Folgeprojekt Wikipedia die Utopie von einer freien Enzyklopädie zu verwirklichen, war er als Genußscheinhändler und Internet-Unternehmer wohlhabend geworden. Nach dem Grund gefragt, was ihn dazu bewog, so viel Zeit und Energie in ein nichtkommerzielles Projekt zu stecken, antwortet er mit seiner Begeisterung für die Idee der lizenzgebührenfreien Software: „Ich habe das Wachstum der freien Software verfolgt und wollte das Prinzip auf Inhalte übertragen“, sagt Wales. Er sah mit Wikipedia die Möglichkeit, den Traum vom Beginn des Internetzeitalters verwirklichen zu können, daß es nun dank des weltumspannenden Netzes möglich sein werde, ohne Grenzen zu kommunizieren und Informationen zu teilen. Auch die Antwort auf die Frage nach den wichtigsten Zielen, die er mit Wikipedia verfolge, kennzeichnet ihn als Idealisten: „Wir wollen vor allem in den Sprachen, die in den armen Ländern gesprochen werden, noch stärker vertreten sein, damit diejenigen, die sich keine Bücher leisten können, einen größeren Zugang zu Wissen bekommen“, sagt Wales.

          Wissensdurstiger Spinner

          Der Kern für diesen philantropischen Ansatz, der dem Wissen eine Schlüsselrolle bei der Meschenbildung zuweist, liegt in der Biographie des Achtunddreißigjährigen. Seine Mutter war Leiterin einer Privatschule im amerikanischen Südstaat Alabama, die sich an die Methoden Montessoris anlehnte. Wales selbst empfand seine Schule als eine Art Relikt aus der Pionierzeit: „Wir waren immer nur vier Kinder in der Klasse und konnten deshalb ganz individuell gefördert werden“, erinnert er sich. So vergrub sich Jimmy, der von seinen Klassenkameraden ebenso wie heute von seinen Anhängern „Jimbo“ gerufen wurde, in Bücher, vor allem in Enzyklopädien, um seinen Wissensdurst zu stillen. Wales beschreibt sich selbst genauso, wie er auch den typischen Wikepedianer sieht: Als wissensdurstigen Spinner, der davon träumt, einen Teil zum „Weltwissen“ beizutragen - was auch immer das genau bedeuten mag.

          Viele Wikipedianer verdienen ihr Geld in technischen Berufen, etwa als Computerspezialisten. Diese Tatsache wirkt sich auch auf die Inhalte der Online-Enzyklopädie aus: „Unsere Stärken liegen in den Artikeln über Technik, Naturwissenschaften und Mathematik“, sagt Wales. Die Schwächen liegen seiner Ansicht nach in den Geisteswissenschaften. Damit sich dieser Zustand ändert, soll die Software weiter vereinfacht werden, „so daß auch ein emeritierter Englischprofessor seinen Beitrag zu Wikipedia leisten kann, ohne an der Technik zu scheitern“, wie Wales sagt. Auf den zweiten Blick scheint auch nicht mehr so verwunderlich, was auf den ersten Blick erstaunt: Die schwedischen und niederländischen Versionen von Wikipedia haben mehr Artikel als Wikipedia in Weltsprachen wie Spanisch oder Chinesisch. Der Grund liegt wohl darin, daß die „großen Wikipedia-Länder“ eine lange Tradition im Umgang mit Enzyklopädien haben, dort fast jeder hat einen Zugang zum Internet hat und „die Winter im Norden so lang und kalt sind“, wie Wales mit einem Grinsen hinzufügt.

          Kritik an mangelnder Zuverlässigkeit

          Trotz aller positiven Aspekte der Online-Enzyklopädie wird das exponentielle Wachstum Wikipedias an Umfang und Bedeutung nicht von jedermann kritiklos hingenommen. Besonders die mangelnde Zuverlässigkeit einiger Informationen, die die anarchistische Architektur der Enzyklopädie mit sich bringt, wird häufig kritisiert. Bei der Auseinandersetzung um Wikipedia ist besonders interessant, daß die Kritiker einen anderen Anspruch an die Enzyklopädie stellen als die Macher selbst. Während Kritiker wie Brockhaus-Chef Alexander Bob vor allem die Verläßlichkeit der Artikel in Frage stellen, sagen Wikipedianer, ihre Enzyklopädie solle keineswegs dem gedankenlosen Konsum ungeprüfter Informationen Vorschub leisten.

          „Es macht mir Sorge, wie kritiklos viele Menschen mit Wikipedia umgehen“, sagt Elisabeth Bauer, eine freie Journalistin und Wikipedianerin, die nach eigener Angabe mindestens fünf Stunden am Tag Artikel für Wikipedia redigiert. „Die Benutzung von Wikipedia verlangt kritisches Denken“, sagt sie. Dazu gehöre zum Beispiel auch, daß sich der Benutzer nicht nur den Artikel anschaut, sondern auch die Änderungen, die daran vorgenommen wurden. So könne er die Verläßlichkeit der Informationen überprüfen. Daß Wikipedia trotz seiner Offenheit für alle Einflüsse so gut funktioniert, liegt laut Wales vor allem daran, daß es keinesfalls Tausende sind, die Wikipedia in ihrer jeweiligen Landessprache herstellen, sondern daß es sich um eine ziemlich eingeschworene Gemeinschaft handelt, in der jeder die Stärken und Schwächen des anderen kennt.

          „Bei der deutschen Wikipedia sind neun Prozent der Leute, die mitmachen, für 90 Prozent der Artikel verantwortlich“, sagt Wales. Ungefähr 3200 Aktive umfaßt die deutsche Sektion; Elisabeth Bauer nimmt an, daß von ihnen 300 bis 400 zum „Kernteam“ gehören. Diese Gruppe, zu der sich jeder gesellen kann und bei der auch jeder - bis auf wenige Ausnahmen - die gleichen Rechte hat, ist das große Potential, aber auch das größte Hindernis beim Herstellen der Online-Enzyklopädie. „Ein mutwillig gelöschter Artikel ist innerhalb weniger Minuten wieder hergestellt, und auch grobe Fehler kann man meist schnell ausbügeln“, sagt Elisabeth Bauer. Nur bei ideologisch und politisch brisanten Themen sei das ständige Wiederherstellen des umkämpften Artikels bisweilen mühselig: „Den Artikel über den Völkermord an den Armeniern haben türkische Nationalisten andauernd nach ihrem Geschmack umgeschrieben“, sagt Bauer. Unter anderen sie selbst war dann dafür zuständig, immer wieder die wissenschaftlich geprüften Fakten in den Artikel zu schreiben und die tendenziösen Passagen zu löschen, um die Neutralität des Artikels zu sichern.

          Dolly Buster ist „lexikonwürdig“

          Am meisten Zeit koste jedoch, die Konflikte innerhalb der Gemeinschaft zu schlichten, sagt Bauer. Auf den Diskussionsseiten einiger Artikel gibt es bisweilen ausufernde Diskussionen über einzelne Wörter, Fakten oder sogar die Notwendigkeit des ganzen Textes. Bisweilen tragen diese Dispute seltsame Früchte. Bei der Frage, ob Artikel über Pornodarstellerinnen in eine Enzyklopädie gehören, entstand ein Kriterienkatalog, um herauszufinden, unter welchen Umständen sich eine Darstellerin als „lexikonwürdig“ erweist. Demnach ist Dolly Buster würdig, Sheena Pearl jedoch nicht. Manchmal geht Konsensfindung bei Wikipedia eben verschlungene Wege.

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