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Wikipedia : Der Diderot aus Alabama

Viele Wikipedianer verdienen ihr Geld in technischen Berufen, etwa als Computerspezialisten. Diese Tatsache wirkt sich auch auf die Inhalte der Online-Enzyklopädie aus: „Unsere Stärken liegen in den Artikeln über Technik, Naturwissenschaften und Mathematik“, sagt Wales. Die Schwächen liegen seiner Ansicht nach in den Geisteswissenschaften. Damit sich dieser Zustand ändert, soll die Software weiter vereinfacht werden, „so daß auch ein emeritierter Englischprofessor seinen Beitrag zu Wikipedia leisten kann, ohne an der Technik zu scheitern“, wie Wales sagt. Auf den zweiten Blick scheint auch nicht mehr so verwunderlich, was auf den ersten Blick erstaunt: Die schwedischen und niederländischen Versionen von Wikipedia haben mehr Artikel als Wikipedia in Weltsprachen wie Spanisch oder Chinesisch. Der Grund liegt wohl darin, daß die „großen Wikipedia-Länder“ eine lange Tradition im Umgang mit Enzyklopädien haben, dort fast jeder hat einen Zugang zum Internet hat und „die Winter im Norden so lang und kalt sind“, wie Wales mit einem Grinsen hinzufügt.

Kritik an mangelnder Zuverlässigkeit

Trotz aller positiven Aspekte der Online-Enzyklopädie wird das exponentielle Wachstum Wikipedias an Umfang und Bedeutung nicht von jedermann kritiklos hingenommen. Besonders die mangelnde Zuverlässigkeit einiger Informationen, die die anarchistische Architektur der Enzyklopädie mit sich bringt, wird häufig kritisiert. Bei der Auseinandersetzung um Wikipedia ist besonders interessant, daß die Kritiker einen anderen Anspruch an die Enzyklopädie stellen als die Macher selbst. Während Kritiker wie Brockhaus-Chef Alexander Bob vor allem die Verläßlichkeit der Artikel in Frage stellen, sagen Wikipedianer, ihre Enzyklopädie solle keineswegs dem gedankenlosen Konsum ungeprüfter Informationen Vorschub leisten.

„Es macht mir Sorge, wie kritiklos viele Menschen mit Wikipedia umgehen“, sagt Elisabeth Bauer, eine freie Journalistin und Wikipedianerin, die nach eigener Angabe mindestens fünf Stunden am Tag Artikel für Wikipedia redigiert. „Die Benutzung von Wikipedia verlangt kritisches Denken“, sagt sie. Dazu gehöre zum Beispiel auch, daß sich der Benutzer nicht nur den Artikel anschaut, sondern auch die Änderungen, die daran vorgenommen wurden. So könne er die Verläßlichkeit der Informationen überprüfen. Daß Wikipedia trotz seiner Offenheit für alle Einflüsse so gut funktioniert, liegt laut Wales vor allem daran, daß es keinesfalls Tausende sind, die Wikipedia in ihrer jeweiligen Landessprache herstellen, sondern daß es sich um eine ziemlich eingeschworene Gemeinschaft handelt, in der jeder die Stärken und Schwächen des anderen kennt.

„Bei der deutschen Wikipedia sind neun Prozent der Leute, die mitmachen, für 90 Prozent der Artikel verantwortlich“, sagt Wales. Ungefähr 3200 Aktive umfaßt die deutsche Sektion; Elisabeth Bauer nimmt an, daß von ihnen 300 bis 400 zum „Kernteam“ gehören. Diese Gruppe, zu der sich jeder gesellen kann und bei der auch jeder - bis auf wenige Ausnahmen - die gleichen Rechte hat, ist das große Potential, aber auch das größte Hindernis beim Herstellen der Online-Enzyklopädie. „Ein mutwillig gelöschter Artikel ist innerhalb weniger Minuten wieder hergestellt, und auch grobe Fehler kann man meist schnell ausbügeln“, sagt Elisabeth Bauer. Nur bei ideologisch und politisch brisanten Themen sei das ständige Wiederherstellen des umkämpften Artikels bisweilen mühselig: „Den Artikel über den Völkermord an den Armeniern haben türkische Nationalisten andauernd nach ihrem Geschmack umgeschrieben“, sagt Bauer. Unter anderen sie selbst war dann dafür zuständig, immer wieder die wissenschaftlich geprüften Fakten in den Artikel zu schreiben und die tendenziösen Passagen zu löschen, um die Neutralität des Artikels zu sichern.

Dolly Buster ist „lexikonwürdig“

Am meisten Zeit koste jedoch, die Konflikte innerhalb der Gemeinschaft zu schlichten, sagt Bauer. Auf den Diskussionsseiten einiger Artikel gibt es bisweilen ausufernde Diskussionen über einzelne Wörter, Fakten oder sogar die Notwendigkeit des ganzen Textes. Bisweilen tragen diese Dispute seltsame Früchte. Bei der Frage, ob Artikel über Pornodarstellerinnen in eine Enzyklopädie gehören, entstand ein Kriterienkatalog, um herauszufinden, unter welchen Umständen sich eine Darstellerin als „lexikonwürdig“ erweist. Demnach ist Dolly Buster würdig, Sheena Pearl jedoch nicht. Manchmal geht Konsensfindung bei Wikipedia eben verschlungene Wege.

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