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Nach 18 Besuchen : Full Metal Abschied

Ein Festivalgänger surft auf der Menschenmenge bei einem Konzert der Band Anthrax beim Wacken 2019. Bild: Reuters

Seit fast 20 Jahren ist unser Autor Stammgast beim Metal-Open-Air in Wacken. Doch das Jubiläums-Festival an diesem Wochenende war sein letzter Ausflug in die holsteinische Provinz. Warum nur?

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          Ich mach' Schluss. Tom Araya hört schließlich auch auf. Der ist zwar noch ein paar Jahre älter und sieht mit Ende fünfzig inzwischen manchmal aus wie ein sehr, sehr böser Weihnachtsmann. Er hat es mit seiner Band Slayer aber auch deutlich wilder getrieben: Die haben in den Achtzigern zusammen mit Metallica den Thrash Metal erfunden, mit „Hell Awaits“ und „Reign in Blood“ zwei der besten und wegweisenden Metal-Alben aller Zeiten aufgenommen und bei ihren halsbrecherischen Konzerten neue Standards in Sachen Schnelligkeit, Wucht und Lautstärke gesetzt. Ja, und jetzt sind sie auf ihrer letzten Welttournee - am Freitagabend habe ich mich in Wacken von Araya und seinen Jungs verabschiedet.

          Peter Badenhop

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Aber nicht nur von Slayer – sondern auch vom Festival. Nach 18 Jahren ist Feierabend. Das 30. „Wacken Open Air“ war mein letztes. In Zukunft findet das vielleicht größte und bekannteste Heavy-Metal-Festival mit seinen Heerscharen von Besuchern aus aller Welt ohne mich statt. Ich kann und will das nicht mehr: jedes Jahr am ersten August-Wochenende mit meinem Bruder und ein paar Freunden in die holsteinische Provinz fahren, auf den abgemähten Wiesen unsere Zelte aufbauen, drei Tage lang über das riesige Festival-Gelände laufen, im Dorfgasthof morgens zum Frühstück Mettbrötchen essen und Weizenbier trinken und schließlich in Hitze und Staub oder - leider viel häufiger - in Regen und Schlamm vor den Bühnen stehen und sich bis tief in die Nacht mit ohrenbetäubendem Krach beschallen zu lassen.

          Das ist nach wie vor ein großes, unvergleichliches Vergnügen, und auch der stilvolle Abgang von Slayer und ein paar andere Acts wie Rose Tattoo, D.A.D. und Prong waren wieder ganz nach unserem Geschmack. Aber insgesamt bin ich für diese Art von Unterhaltung und vor allem für solche Anstrengungen jetzt einfach zu alt. In ein paar Tagen werde ich 55.

          Nun werden die Leute, die das W.O.A. erfunden, zu einem unerhörten Erfolg gemacht und damit und mit ihrer Nachwuchsförderung dem ganzen Hardrock- und Metal-Genre neue Impulse gegeben haben, vielleicht entsetzt fragen: Was macht der Kerl? Warum schreibt der ausgerechnet zum Jubiläum einen Abgesang auf unser Open Air? Auf das Rock-Festival, für das er damals einen Platz in der F.A.Z. fand und über das er dann Jahr für Jahr in der Zeitung und im Netz geschrieben und Lobeshymnen über die Friedfertigkeit, die Internationalität und die unverwechselbare Stimmung verfasst hat?

          2013 holt die Band Rammstein für einen Song Heino auf die Bühne. Bilderstrecke

          Nun, genau das ist dieser Text eben nicht. Er ist kein Abgesang auf Wacken, sondern ein Abgesang auf mich in Wacken. Dieses großartige Festival ist einfach nicht mehr mein Format. Und vielleicht geht es ein paar anderen Leuten ja ähnlich.

          Meinem Bruder und einigen meiner Freunde auf jeden Fall. Die sind inzwischen nämlich auch jenseits der Fünfzig, haben - wenn überhaupt noch - graue Haare und nach drei Tagen auf der Wiese auch Rücken-, Kopf- und Gliederschmerzen und brauchen wie ich im Anschluss praktisch eine ganze Woche, um sich von dem Rummel und dem Tumult zu erholen. Ich will gar nicht davon anfangen, dass einige von uns mittlerweile Hörstürze und Schlaganfälle hatten, Magen- und Knieoperationen über sich ergehen lassen mussten und Hörgeräte tragen, oder davon, wie anstrengend das Leben in so fortgeschrittenem Alter überhaupt ist, wenn man Unmengen von Alkohol trinkt und nicht ordentlich schläft. Aber es ist nun einmal nicht mehr so, wie es vor 18 Jahren war, im Sommer 2002, als wir das erste Mal in das 1800-Seelen-Nest im Kreis Steinburg fuhren, damals zu fünft.

          Auf die Idee ist Michael gekommen, mein Freund aus Grundschultagen. Mit ihm habe ich 1980 Kiss in der Hamburger Ernst-Merck-Halle gesehen. Mit Iron Maiden als Vorgruppe - man muss sich das mal vorstellen! Unser erstes großes Konzert, dem unendlich viele folgten: Judas Priest, Saxon, Ozzy Osbourne, Deep Purple, Van Halen, Rose Tattoo, Metallica, natürlich Slayer und Dutzende Male Motörhead. Ende 2001 rief mich dieser Michael an und schwärmte vom „Wacken Open Air“: „Nur Metal - da müssen wir hin!“ Ja, das mussten wir.

          Und mir wurde schnell klar, dass die Geschichte von dem kleinen schleswig-holsteinischen Dorf und seiner alljährlichen Invasion von Zehntausenden Fans mit langen Haaren, schwarzen T-Shirts, Nietenarmbändern und Patronengurten nicht nur ein großes Vergnügen für uns, sondern auch journalistisch interessant sein könnte. So schrieb ich meinen ersten Artikel über die wilden Headbanger, die mit Autos und Bussen aus ganz Europa anreisen, auf den Wiesen ihr Lager aufschlagen, im örtlichen Edeka-Markt und beim Bäcker in der Schlange stehen, drei Tage lang ohrenbetäubend laut, aber friedlich feiern und von den Einheimischen mit einer bewundernswerten Mischung aus Belustigung und Gelassenheit willkommen geheißen werden.

          Und über Thomas Jensen und Holger Hübner, die beiden W.O.A.-Gründer. Zwei Typen in meinem Alter, die als Jugendliche auch Hardrock und Metal gehört und sogar eine eigene Band namens Skyline gegründet hatten und irgendwann Ende der Achtziger zusammen mit Freunden auf die Idee gekommen waren, in der Kuhle, einer Senke am Rande des Dorfes, ein Open-Air-Konzert zu veranstalten. Die meisten Erwachsenen bedachten den Einfall der Dorfjugend damals mit Kopfschütteln und mitleidigem Lächeln, aber die Idee schlug ein wie eine Bombe. Knapp 800 Besucher kamen zu der ersten wilden Freiluft-Party, sechs Bands spielten auf der improvisierten Bühne, natürlich auch Skyline. Zwei Jahre später kamen schon 3500, um 26 Bands zu sehen. Dazu zählte auch Saxon, der erste internationale Headliner. 1996 sorgten dann die Böhsen Onkelz für den ersten Riesenstau im Dorf - und für den Durchbruch des Festivals. Ein Jahr später kamen 10.000 Fans, 1998 waren es 20.000. Die Kuhle wurde zu klein und das Festivalgelände auf die umliegenden, von den Bauern gemieteten Wiesen verlegt.

          Ja, und dann kam 2006 Sung-Hyung Cho. Die aus Korea stammende Filmemacherin hatte meinen ersten Artikel in der F.A.Z. gelesen, und das dazu veröffentlichte Foto von den langhaarigen und tätowierten Metal-Fans im Dorfladen ließ sie nicht mehr los. Ihr Dokumentarfilm „Full Metal Village“ über die Wackener und ihre seltsamen Gäste lief in den Kinos, bekam drei Filmpreise, wurde auf der Berlinale gezeigt und machte das W.O.A. im ganzen Land bekannt.

          Und er lockte vor allem die Medien an: Inzwischen sind jedes Jahr gut 2000 Journalisten aus aller Welt akkreditiert, Fotografen und Fernsehteams laufen über das Gelände, um möglichst skurrile Bilder und Aufnahmen von der Metal-Gemeinde zu machen. Das Klischee von den schlammverschmierten Metalheads schafft es längst auch regelmäßig in die „Tagesthemen“ und ins „Heute-Journal“. Spätestens seit „Full Metal Village“ gehört das „Wacken Open Air“ zu den ganz großen Festivals in Europa, Jahr für Jahr kommen jetzt 75.000 Zuschauer.

          Als wir 2002 zum ersten Mal nach Wacken fuhren, waren es kaum mehr als ein Drittel davon. Wir waren vollkommen begeistert, von den Bands, der bodenständigen Organisation, den entspannten Fans und der freundlichen Dorfbevölkerung. Das waren unsere Musik, unsere Leute, unser Humor. Also im Grunde unser Woodstock, unsere „three days of peace and music“ - nur eben in der Metal-Version. Und deshalb kamen wir wieder, jedes Jahr.

          Unsere Gruppe wuchs, aus fünf Wacken-Freunden wurden ein Dutzend, dann zwei Dutzend, schließlich waren wir gut 30 Leute, eine unprätentiöse Mischung aus Handwerkern, Polizisten, Beamten, Managern und Ärzten aus ganz Deutschland, vor allem Männer, aber auch ein paar Frauen. Auch in diesem Jahr glich unser Zeltplatz seit Mittwoch einem Heerlager mit einem großen Armee-Zelt, Biertisch-Garnituren, Generator, Großgrill, eigenem Dixi-Klo und selbstkühlenden Bierfässern. Irgendwann brachten die ersten ihre halbwüchsigen Kinder mit, auch meine Tochter ist schon zweimal dabei gewesen. Wir sind mit dem W.O.A. älter geworden, und natürlich haben wir uns in all den Jahren nicht nur äußerlich verändert.

          Das Festival aber auch. Und das ist nicht nur eine Frage der Größe, die für lange Wege, lange Schlangen und eine mitunter schwer zu ertragende Fülle sorgt; schließlich reichen die Zeltplätze inzwischen bis zu den Nachbardörfern Gribbohm und Bokelrehm, und das Konzertgelände platzt bei den Headlinern wie am Freitag bei Slayer aus allen Nähten. Es ist auch eine Frage des Programms, das in den vergangenen Jahren bei stetig steigenden Preisen immer weniger Neues und vor allem nicht mehr die ganz großen Namen des Genres bietet: Kiss, Metallica, AC/DC, Guns n' Roses? Fehlanzeige! Und viele von den anderen Bands haben wir Veteranen im Laufe der Jahre schon zigmal gesehen.

          Ja, und es ist natürlich auch eine Frage der Kommerzialisierung. Die mildeste Form davon ist im Dorf zu beobachten, wo die Einheimischen aus ihren Vorgärten, Einfahrten und Garagen heraus alles verkaufen, was die Festivalbesucher gebrauchen können: natürlich jede Menge Schnaps und Bier, aber auch Zelte, Campingkocher, Gummistiefel, Sonnencreme und Grillgut. Es werden Duschen, Frühstück und Cocktails angeboten, und vor dem Edeka-Markt stehen die Jüngsten mit ihren Kettcars, um den Metallern für ein paar Euro die Vorräte an die Zelte zu bringen.

          Das hat nach wie vor seinen Charme, aber viele treue Fans wie wir ärgern sich schon seit ein paar Jahren über das ausufernde Merchandising-Geschäft, über die überwältigende Präsenz von Energy-Drink- und Kräuterschnaps-Herstellern und die immer absurdere Verästelung des Angebots von Feuershows und Schwertkämpfen im „Wackinger Village“ bis zum „Full Metal Gaming“ für die junge Zocker-Generation, über Leute, die mit bunten Leuchtluftballons rumlaufen und nach Red Bull statt nach Bier stinken. Fehlt nur noch das Riesenrad, das bei so vielen anderen Festivals den Übergang zum Jahrmarkt repräsentiert.

          Das Fass zum Überlaufen hat für mich vor ein paar Monaten ein Freund aus Frankfurt gebracht. Wir kennen uns seit Studientagen, er hat ordentlich Karriere gemacht als Berater und Banker und ist ein großer Freund der rheinischen Karnevalskultur. Und dieser Freund fragt mich doch tatsächlich, ob ich ihm Tipps für Wacken geben könne: Da wolle er mit einem Kollegen nächstes Jahr hin - „das muss man doch mal gesehen haben“. Von der Musik war keine Rede, nur vom Event. So wie bei den Reisegruppen, die seit ein paar Jahren am Festival-Wochenende von einem Busunternehmer von Kiel und Eckernförde nach Wacken gekarrt werden, damit die Teilnehmer für 65 Euro pro Person ein deftiges Mittagessen einnehmen, dann einen Blick auf die komischen Metaller werfen und schließlich im Dorf gemütlich einen Kaffee trinken können.

          Auch wegen dieser Leute und dieser Phänomene war das Jubiläumsfestival mein letztes. Ich habe allerdings schon ein neues Format im Auge: die „Full Metal Cruise“. Vor gut anderthalb Jahren bin ich mit meinem Bruder und vier meiner Wacken-Freunde auf diese ebenfalls von den W.O.A.-Machern organisierte Kreuzfahrt gegangen: fünf Tage durchs Mittelmeer, von Palma de Mallorca nach Marseille und Valencia und zurück. Mit 22 Bands, drei Bühnen, zwei Landgängen und einer Metal-Disco. Ohne Zelt, ohne Schlamm, ohne Gedränge und ohne junge Leute mit bunten T-Shirts, die einen womöglich noch siezen. Das könnte unser neues Woodstock werden, altersgerecht und komfortabel.

          Und wenn im nächsten oder übernächsten Jahr die Sehnsucht doch zu große wird? Und vielleicht doch Metallica oder irgendeine andere ganz große Band nach Wacken kommt, die ich schon immer live sehen wollte oder noch ein letztes Mal sehen will? Na ja, dann miete ich mir eben ein Wohnmobil. Oder eine Pension in Itzehoe. Oder ich nehme mir wie der alte Tom Araya und seine Jungs von Slayer ein Hotelzimmer in Hamburg. Ganz einfach.

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