https://www.faz.net/-gum-9ppgk

Nach 18 Besuchen : Full Metal Abschied

Das Festival aber auch. Und das ist nicht nur eine Frage der Größe, die für lange Wege, lange Schlangen und eine mitunter schwer zu ertragende Fülle sorgt; schließlich reichen die Zeltplätze inzwischen bis zu den Nachbardörfern Gribbohm und Bokelrehm, und das Konzertgelände platzt bei den Headlinern wie am Freitag bei Slayer aus allen Nähten. Es ist auch eine Frage des Programms, das in den vergangenen Jahren bei stetig steigenden Preisen immer weniger Neues und vor allem nicht mehr die ganz großen Namen des Genres bietet: Kiss, Metallica, AC/DC, Guns n' Roses? Fehlanzeige! Und viele von den anderen Bands haben wir Veteranen im Laufe der Jahre schon zigmal gesehen.

Ja, und es ist natürlich auch eine Frage der Kommerzialisierung. Die mildeste Form davon ist im Dorf zu beobachten, wo die Einheimischen aus ihren Vorgärten, Einfahrten und Garagen heraus alles verkaufen, was die Festivalbesucher gebrauchen können: natürlich jede Menge Schnaps und Bier, aber auch Zelte, Campingkocher, Gummistiefel, Sonnencreme und Grillgut. Es werden Duschen, Frühstück und Cocktails angeboten, und vor dem Edeka-Markt stehen die Jüngsten mit ihren Kettcars, um den Metallern für ein paar Euro die Vorräte an die Zelte zu bringen.

Das hat nach wie vor seinen Charme, aber viele treue Fans wie wir ärgern sich schon seit ein paar Jahren über das ausufernde Merchandising-Geschäft, über die überwältigende Präsenz von Energy-Drink- und Kräuterschnaps-Herstellern und die immer absurdere Verästelung des Angebots von Feuershows und Schwertkämpfen im „Wackinger Village“ bis zum „Full Metal Gaming“ für die junge Zocker-Generation, über Leute, die mit bunten Leuchtluftballons rumlaufen und nach Red Bull statt nach Bier stinken. Fehlt nur noch das Riesenrad, das bei so vielen anderen Festivals den Übergang zum Jahrmarkt repräsentiert.

Das Fass zum Überlaufen hat für mich vor ein paar Monaten ein Freund aus Frankfurt gebracht. Wir kennen uns seit Studientagen, er hat ordentlich Karriere gemacht als Berater und Banker und ist ein großer Freund der rheinischen Karnevalskultur. Und dieser Freund fragt mich doch tatsächlich, ob ich ihm Tipps für Wacken geben könne: Da wolle er mit einem Kollegen nächstes Jahr hin - „das muss man doch mal gesehen haben“. Von der Musik war keine Rede, nur vom Event. So wie bei den Reisegruppen, die seit ein paar Jahren am Festival-Wochenende von einem Busunternehmer von Kiel und Eckernförde nach Wacken gekarrt werden, damit die Teilnehmer für 65 Euro pro Person ein deftiges Mittagessen einnehmen, dann einen Blick auf die komischen Metaller werfen und schließlich im Dorf gemütlich einen Kaffee trinken können.

Auch wegen dieser Leute und dieser Phänomene war das Jubiläumsfestival mein letztes. Ich habe allerdings schon ein neues Format im Auge: die „Full Metal Cruise“. Vor gut anderthalb Jahren bin ich mit meinem Bruder und vier meiner Wacken-Freunde auf diese ebenfalls von den W.O.A.-Machern organisierte Kreuzfahrt gegangen: fünf Tage durchs Mittelmeer, von Palma de Mallorca nach Marseille und Valencia und zurück. Mit 22 Bands, drei Bühnen, zwei Landgängen und einer Metal-Disco. Ohne Zelt, ohne Schlamm, ohne Gedränge und ohne junge Leute mit bunten T-Shirts, die einen womöglich noch siezen. Das könnte unser neues Woodstock werden, altersgerecht und komfortabel.

Und wenn im nächsten oder übernächsten Jahr die Sehnsucht doch zu große wird? Und vielleicht doch Metallica oder irgendeine andere ganz große Band nach Wacken kommt, die ich schon immer live sehen wollte oder noch ein letztes Mal sehen will? Na ja, dann miete ich mir eben ein Wohnmobil. Oder eine Pension in Itzehoe. Oder ich nehme mir wie der alte Tom Araya und seine Jungs von Slayer ein Hotelzimmer in Hamburg. Ganz einfach.

Weitere Themen

Rätselhafte Rituale

Kolumne: „Überm Teich“ : Rätselhafte Rituale

Als Gast in Amerika ist einem manches fremd. Zum Beispiel die Art und Weise auf die Sportarten, Soldaten und die Nationalhymne zelebriert werden. Mit Bundesligaspielen ist das nicht zu vergleichen.

Topmeldungen

Gestärkt: Der türkische Staatspräsident Erdogan spricht am Sonntag mit türkischen Journalisten

Türkische Offensive : Erdogans Gewinn

Wieder einmal stärkt eine Krise, die der türkische Staatspräsident ausgelöst hat, seine innenpolitische Stellung. Die ausbleibende internationale Unterstützung aber dürfte einen hohen Preis haben.
Zweimal Gündogan: Kimmich schreit seine Erleichterung über die Treffer des Kollegen heraus.

3:0 für Deutschland : Geduldsspiel in Tallinn

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft muss einen frühen Platzverweis von Emre Can verkraften, gewinnt aber nach zähem Beginn 3:0 in Estland. Gündogan trifft zweimal, Werner setzt noch einen drauf.
Was denkt die Queen über den Brexit? Die britische Königin Elisabeth II. im Mai 2019.

Brexit-Streit : Die Queen liest Johnson

Elisabeth II. trägt an diesem Montag im Unterhaus das Regierungsprogramm des Premierministers Boris Johnson vor. Im Zentrum steht der Brexit-Prozess, der gerade in einer entscheidenden Phase ist.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.