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Nach 18 Besuchen : Full Metal Abschied

Und mir wurde schnell klar, dass die Geschichte von dem kleinen schleswig-holsteinischen Dorf und seiner alljährlichen Invasion von Zehntausenden Fans mit langen Haaren, schwarzen T-Shirts, Nietenarmbändern und Patronengurten nicht nur ein großes Vergnügen für uns, sondern auch journalistisch interessant sein könnte. So schrieb ich meinen ersten Artikel über die wilden Headbanger, die mit Autos und Bussen aus ganz Europa anreisen, auf den Wiesen ihr Lager aufschlagen, im örtlichen Edeka-Markt und beim Bäcker in der Schlange stehen, drei Tage lang ohrenbetäubend laut, aber friedlich feiern und von den Einheimischen mit einer bewundernswerten Mischung aus Belustigung und Gelassenheit willkommen geheißen werden.

Und über Thomas Jensen und Holger Hübner, die beiden W.O.A.-Gründer. Zwei Typen in meinem Alter, die als Jugendliche auch Hardrock und Metal gehört und sogar eine eigene Band namens Skyline gegründet hatten und irgendwann Ende der Achtziger zusammen mit Freunden auf die Idee gekommen waren, in der Kuhle, einer Senke am Rande des Dorfes, ein Open-Air-Konzert zu veranstalten. Die meisten Erwachsenen bedachten den Einfall der Dorfjugend damals mit Kopfschütteln und mitleidigem Lächeln, aber die Idee schlug ein wie eine Bombe. Knapp 800 Besucher kamen zu der ersten wilden Freiluft-Party, sechs Bands spielten auf der improvisierten Bühne, natürlich auch Skyline. Zwei Jahre später kamen schon 3500, um 26 Bands zu sehen. Dazu zählte auch Saxon, der erste internationale Headliner. 1996 sorgten dann die Böhsen Onkelz für den ersten Riesenstau im Dorf - und für den Durchbruch des Festivals. Ein Jahr später kamen 10.000 Fans, 1998 waren es 20.000. Die Kuhle wurde zu klein und das Festivalgelände auf die umliegenden, von den Bauern gemieteten Wiesen verlegt.

Ja, und dann kam 2006 Sung-Hyung Cho. Die aus Korea stammende Filmemacherin hatte meinen ersten Artikel in der F.A.Z. gelesen, und das dazu veröffentlichte Foto von den langhaarigen und tätowierten Metal-Fans im Dorfladen ließ sie nicht mehr los. Ihr Dokumentarfilm „Full Metal Village“ über die Wackener und ihre seltsamen Gäste lief in den Kinos, bekam drei Filmpreise, wurde auf der Berlinale gezeigt und machte das W.O.A. im ganzen Land bekannt.

Und er lockte vor allem die Medien an: Inzwischen sind jedes Jahr gut 2000 Journalisten aus aller Welt akkreditiert, Fotografen und Fernsehteams laufen über das Gelände, um möglichst skurrile Bilder und Aufnahmen von der Metal-Gemeinde zu machen. Das Klischee von den schlammverschmierten Metalheads schafft es längst auch regelmäßig in die „Tagesthemen“ und ins „Heute-Journal“. Spätestens seit „Full Metal Village“ gehört das „Wacken Open Air“ zu den ganz großen Festivals in Europa, Jahr für Jahr kommen jetzt 75.000 Zuschauer.

Als wir 2002 zum ersten Mal nach Wacken fuhren, waren es kaum mehr als ein Drittel davon. Wir waren vollkommen begeistert, von den Bands, der bodenständigen Organisation, den entspannten Fans und der freundlichen Dorfbevölkerung. Das waren unsere Musik, unsere Leute, unser Humor. Also im Grunde unser Woodstock, unsere „three days of peace and music“ - nur eben in der Metal-Version. Und deshalb kamen wir wieder, jedes Jahr.

Unsere Gruppe wuchs, aus fünf Wacken-Freunden wurden ein Dutzend, dann zwei Dutzend, schließlich waren wir gut 30 Leute, eine unprätentiöse Mischung aus Handwerkern, Polizisten, Beamten, Managern und Ärzten aus ganz Deutschland, vor allem Männer, aber auch ein paar Frauen. Auch in diesem Jahr glich unser Zeltplatz seit Mittwoch einem Heerlager mit einem großen Armee-Zelt, Biertisch-Garnituren, Generator, Großgrill, eigenem Dixi-Klo und selbstkühlenden Bierfässern. Irgendwann brachten die ersten ihre halbwüchsigen Kinder mit, auch meine Tochter ist schon zweimal dabei gewesen. Wir sind mit dem W.O.A. älter geworden, und natürlich haben wir uns in all den Jahren nicht nur äußerlich verändert.

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