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Annexion Hawaiis : Paradise Lost

Die letzte Königin: Liliuokalani übernahm die Krone 1891 im Iolani Palace. Mit ihr endete die Monarchie. Bild: mauritius images

Vor 100 Jahren starb die letzte Königin von Hawaii. Queen Liliuokalani wurde durch einen Coup weißer Geschäftsmänner gestürzt - mit amerikanischer Hilfe.

          Plötzlich hält Mary inne. Senkt die Stimme, schlägt den Blick nieder, wird ganz still. Die Wärme und die Herzlichkeit, mit der sie uns empfangen hat, die freundliche Sanftmut, die so perfekt harmoniert mit dem langen, geblümten Kleid und der Blume im Haar - alles ist auf einen Schlag verflogen. Mary, des Effekts bewusst, lässt die Stille wirken. Und sagt dann, flüstert es fast: „Jetzt kommen wir zum prison room.“ Zum Gefängnisraum.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Mary führt durch den einzigen Königspalast auf amerikanischem Boden - den Iolani Palace im Herzen von Honolulu, der Hauptstadt des Bundesstaats Hawaii. Die Zeit der Monarchie auf den Inseln im Pazifik ist lange vorbei, sie endete im Januar 1893, auf dramatische Weise. Damals erklärte eine Gruppe weißer Geschäftsleute die Königin von Hawaii, Queen Liliuokalani, im Handstreich für abgesetzt - mit Rückendeckung amerikanischer Truppen. Die Umstürzler übernahmen die Herrschaft und den Königspalast, als Sitz ihrer provisorischen Regierung. Dort, wo die Königin einst Hof gehalten hatte, wurde sie zwei Jahre später inhaftiert, vor ein Militärgericht gestellt und verurteilt. Acht Monate lang durfte sie ihr Zimmer nicht verlassen. Deshalb Marys düstere Stimmung im Palast. Deshalb der Name: Gefängnisraum.

          Liliuokalani prägt die Hawaiianer

          Queen Liliuokalani ist für viele Hawaiianer eine Symbolfigur. Sie war die erste regierende Königin, sie kämpfte für die Unabhängigkeit und den Erhalt der hawaiianischen Kultur, sie setzte sich für mehr Freiheiten für Mädchen und Frauen ein, und sie schrieb mehr als 200 Lieder, darunter „Aloha Oe“, das zum Hawaii-Klassiker wurde, in Elvis Presleys „Blue Hawaii“ ertönte und im Disney-Film „Lilo & Stitch“. Auch Mary, die auf Hawaii geboren ist, wurde mit den Liedern Liliuokalanis groß. „Sie war und ist die beliebteste Monarchin der Hawaiianer“, sagt sie.

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          Liliuokalani wuchs in schwierigen Zeiten auf. 1810 hatte König Kamehameha erstmals alle Inseln in einem Reich vereinigt. Hawaii wurde ein wichtiger Handelsposten für Seefahrer im Pazifik. Immer mehr Weiße strömten auf die Inseln, von Walfängern bis zu den Missionaren, die 1820 landeten. Sie lehrten den christlichen Glauben, entwickelten ein Alphabet für die hawaiianische Sprache, bauten Schulen, brachten Bildung. Das Leben auf den Inseln veränderte sich, Konflikte zwischen der Lebensweise der Einheimischen und den Werten der Eingereisten traten auf. Doch die ali'i, die Führungsschicht der Hawaiianer, wussten: Wollten sie den Anschluss an die Welt und an die Zeit nicht verlieren, mussten sie den Weg der Weißen mitgehen. Die einheimische Bevölkerung schrumpfte, von bis zu 400.000 vor Ankunft der Weißen auf knapp 60.000 im Jahr 1872. Viele Hawaiianer hatten ihr Land verloren und arbeiteten auf Plantagen weißer Dienstherren. Die Nachfahren der Missionare übertrugen ihr Sendungsbewusstsein von der Religion zusehends auf das Geschäftsleben: In ihren Händen ballten sich die großen Unternehmen, die das Wirtschaftsleben bestimmten. Sie wollten nur das Beste für Hawaii, sagten sie. Es war in Wahrheit vor allem das Beste für sie selbst.

          Ein Weg zwischen zwei Welten

          Liliuokalani stand zwischen den beiden Welten. Geboren am 2. September 1838 in Honolulu, war sie geprägt von der hawaiianischen Herkunft und der Ausbildung an einer Eliteschule weißer Missionare. Zeitlebens versuchte sie, einen eigenen Weg zu finden. Als ihr Bruder David Kalakaua König war, erlebte sie, wie schwierig es war, alle Interessen auszutarieren. 1875 vereinbarte Kalakaua mit den Vereinigten Staaten die zollfreie Einfuhr hawaiianischer Produkte.

          Die Folge war ein Boom auf den Inseln. Vor allem die Zuckerindustrie profitierte: Die Produktion schoss von 8800 Tonnen, die 1866 exportiert wurden, auf fast 130.000 Tonnen (1890). Um den Zollvertrag zu verlängern, musste Kalakaua aber, finanziell und politisch in Bedrängnis, den Amerikanern 1887 exklusiven Zugang zum Pearl Harbour gewähren - ein umstrittenes Zugeständnis. Für Liliuokalani war es eine Missachtung der Souveränität Hawaiis. Und der erste Schritt zu einem drohenden Schreckensszenario: der Annexion.

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