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Tipps für überforderte Eltern : Mathe kann doch jeder!

Erst einmal nachzählen: Auch Eltern sind bei den Matheaufgaben ihrer Kinder manchmal überfordert. Bild: dpa

Bruchrechnen, Algebra, Stochastik – bei vielen Schülern lösen diese Worte Angstschweiß aus. Allerdings häufig auch bei ihren Eltern. Dabei kann die Rechnerei durchaus spielerisch ablaufen. FAZ.NET gibt Tipps für einen entspannten Umgang mit Zahlen.

          Quadratwurzeln, Ableitungsfunktionen, Winkelsymmetrale – vielen treiben diese mathematischen Begriffe den Angstschweiß auf die Stirn. Nur wenige pflegen mit dem, was sich dahinter verbirgt, einen souveränen Umgang. Andere gehen mit ihrem Nichtwissen in die Offensive. In manchen Kreisen gehört es fast zum guten Ton, damit zu kokettieren, schlecht in Mathematik zu sein. Wer in Mathe eine Null ist, ist bei anderen die Eins. Plaudert ein Prominenter, er sei grottenschlecht in Algebra gewesen und bekomme allein vom Stichwort Stochastik Pusteln, wird er „gelikt“, die anderen fühlen sich verstanden. Wer das Einmaleins aus dem Effeff beherrscht, der erhält keineswegs so viel Anerkennung wie der mutige Turmspringer oder das Mädchen mit der Feenfrisur.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Zudem setzen manche Lehrer Mathematik als Machtinstrument ein und versperren damit den angstfreien Zugang. Mit Folgen: Nach Informationen der Bertelsmann Stiftung erhalten hierzulande 1,2 Millionen Schüler Nachhilfe. Und – was nicht wirklich wundert – am häufigsten in Mathematik. Mathe hat kein gutes Image und gilt als schwer zu lernen, geschweige denn zu beherrschen. Diese Botschaft träufelt schon in kleine Gehirne. Trotz massenhafter professioneller Nachhilfeangebote verbessert sich nur wenig. Auch digitale Lehrangebote haben daran bislang nur wenig geändert.

          Kinder bewerten Dinge nicht

          Zugleich bekommt der Nachwuchs mit, dass Mathematik aber wichtig ist. Mathe braucht jeder und immer – ob im Alltag oder Beruf. Informatik ist Schulfach, und Zahlen sind so entscheidend wie Buchstaben. Nicht nur die Heerscharen von BWL-Studenten, auch Architekten müssen sich auskennen, Psychologen und Soziologen sollten einigermaßen sattelfest in Statistik sein. Wer keinen Schimmer von Wahrscheinlichkeitsrechnung hat, wird Big-Data-Berichte nicht einordnen können. Wie sehr es sich rächen kann, die Welt der Zahlen nicht zu verstehen, enthüllt sich bei manchem erst bei der ersten großen Anschaffung und dem Grübeln über einen Kredit für ein neues Auto oder eine Eigentumswohnung: Die Zinsrechnung überfordert sie, spätestens beim Unterschied zwischen Effektiv- und Nominalzins steigen sie aus. Auch ist der Unterschied zwischen Prozent und Prozentpunkt oder zwischen Durchschnitt und Median vielen Erwachsenen nicht geläufig, was zuweilen zu weiteren Unklarheiten führt.

          Höhere Mathematik: An der Universität wird es in Sachen Mathe erst so richtig interessant.

          Grund genug, sich die Sache mit den Zahlen ohne Qualen einmal näher anzuschauen. Denn grundsätzlich sind Kinder auf alles neugierig und bewerten Dinge nicht. Wird ihnen ein entspannt-souveräner Umgang mit Zahlen vermittelt, können sie auf dieser sicheren Grundlage aufbauen und unbeschwert an komplexe Dinge herangehen. Also möglichst nicht eigene Versagensängste hochwabern lassen und sich der Zahlenzauberei unbefangen nähern – so unangestrengt wie möglich. Das ergibt Sinn, hat eine Studie von Bildungsforschern der Universität Tübingen herausgefunden: Kinder, deren Eltern sich wenig für Mathematik interessieren, profitieren mehr von einer unterstützenden Maßnahme zur Steigerung der Motivation als Kinder, deren Eltern Mathematik als wichtig erachten. Die Wissenschaftler vom Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung sprechen von einem Robin-Hood-Effekt in dem Sinne, dass die „Motivationslücke“ zwischen Kindern aus unterschiedlichen Familien verringert wird, indem nützliche Informationen zugunsten benachteiligter Kinder verteilt werden. Mit anderen Worten: Motivation ist bei Mathe die halbe Miete.

          So viele Hände am Tisch

          Erzieherinnen erleben auf Fortbildungen, wie einfach der Einstieg ins Zahlenverständnis sein kann. Zum Beispiel mit dieser Übung: Bei gemeinsamen Mahlzeiten zählen die Kinder, wie viele Hände am Tisch versammelt sind. Dann werden reihum die Finger abgezählt. Im Glas klimpern Murmeln – wie viel könnten das wohl sein? Solche simplen Zählspiele gehörten vor der Tablet-Dauerberieselung zum Ferienfahrtritual: Wer zählt die meisten roten Autos, entdeckt die meisten Kühe? Und keiner der mitreisenden Kinder hat gejammert, wie doof die Zählerei ist. Das Prinzip wird deutlich: täglich spielerisch und möglichst ungezwungen Zahlen in den Alltag einbauen. Das prägt sich nebenbei ein.

          Held mit Taschengeld

          Eine Steilvorlage für den Umgang mit Zahlen bietet Taschengeld: Schon Vierjährige können ihren wöchentlichen Euro verwalten und sich überlegen, worin er investiert werden soll. Kindergartenkinder erhalten ihr Taschengeld einmal in der Woche, Schulkinder alle zwei Wochen oder einmal im Monat, sie haben einen größeren Überblick. Die Regel gilt: Die Kinder bestimmen frei darüber, was sie sich davon kaufen. Es gehört ja schon in die Nostalgiekiste seliger Kindheitserinnerungen, wie mit Pfennig- und später Centbeträgen das Bonbongläserarsenal des Kiosks aufgesucht und umständlich die Wahl getroffen wurde. Schulkindern kann man vier Euro in die Hand drücken, die sie gerecht für den Eiskauf mit zwei Freunden einsetzen dürfen: Was können wir davon finanzieren, was geht nicht? Wenn wir statt Wassereis in Gummibärchen investieren, mit welcher Packung kriegen wir mehr für alle. Ist die Großpackung wirklich billiger? Noch aufregender verläuft der erste spontane Kinderflohmarkt mit Pixi-Sonderverkauf, das Stück für 20 Cent, und Mengenrabatt: Zehn gibt es für 1,50 Euro. Das Verkaufskonzept bescherte den Nachbarsmädchen beachtliche Umsätze, sie hatten das Wechselgeld rascher parat als die Jungs vom Stand nebenan. Was die Rechenkünstlerinnen mit ihren acht Jahren noch nicht ahnen, aber eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung herausgefunden hat: Mädchen schätzen ihre Fähigkeiten in Mathematik schon in der fünften Klasse schlechter ein als Jungen.

          Ich habe mehr Kekse

          Geld ist eine Inspirationsquelle auch beim wöchentlichen Einkauf. Statt die EC-Karte an der Kasse durchzujagen, nehmen wir einen 20-Euro-Schein mit und lassen sie Zutaten für den Obstsalat zusammensuchen: Können wir uns die Mango für 1,90 Euro noch leisten, wenn wir die Ananas weglassen? Größere Kinder üben so nebenher den Umgang mit Mengenangaben: Das Kilo Boskop kostet 2,80 Euro, von den abgepackten Äpfeln gibt es zweieinhalb Kilo für 5,99 Euro. Was kostet denn jetzt ein Kilo der verpackten? Laut EU-Verordnung steht der 100 Gramm-Preis kleingedruckt unter der Warenbezeichnung, das Überprüfen ist also ein Kinderspiel, aber vorher hingucken gilt nicht. Verbraucherthemen laufen bei Lesern wie geschnitten Brot, auch Kinder sind dafür zu begeistern. Denn das ist nicht abstrakt, sondern zählt ganz konkret im Alltag: Wenn ich den Grammpreis ausrechnen kann, falle ich nicht mehr auf die vermeintlich billigere Groß- und Mogelpackung rein. Oder ich habe schlicht mehr Kekse zum Einverleiben. Ähnliches lässt sich mit Teilen und Brüchen durchspielen.

          Backen für sechs Gäste

          Eine Münchener Mutter, die sich selbst als „mathegeschädigt“ bezeichnet, hat an einem verkrampften Hausaufgabennachmittag die Sache mit dem Rechnen abgebrochen beziehungsweise in die Küche verlegt und ihrem genervten Sohn verkündet: Wir backen jetzt Mathe-Muffins, und zwar nicht, wie es im Rezept steht, für vier Personen, sondern wir planen für sechs Kuchenesser und spendieren auch den Nachbarn etwas. Beim Backen zählt Genauigkeit, sonst geht das Ergebnis nicht auf. Der Junge berechnet die Menge Mehl, den halben Zusatzteelöffel Backpulver, viertelt die Butter und bekommt quasi nebenher ein Gefühl für Mengenangaben. Nach und nach wird die Methode verfeinert, die Zutatenliste länger, das Umrechnen auf elf zu erwartende Gäste anspruchsvoller. Auf Drängen des Kindes wird eine exakte Küchenwaage angeschafft. Das Mutter-Sohn-Duo hat es zu einer gewissen Meisterschaft gebracht: Beim Auflaufabend gibt es für fünf individuelle Esser Aufläufe in akribisch bestückten Miniformen. Improvisiert wird am Herd nicht.

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          Jetzt geht es um Prozente

          Mit älteren Kindern lässt sich Prozentrechnen vertiefen. All den nervigen Rabattaktionen sei Dank: Wenn wir in diesem Laden einen 20-Prozent-Gutschein einlösen können, wie viel billiger bekommen wir dann die Matratze? Bis zum 10.12. gibt es 15 Prozent auf alle Einkäufe – wie viel kostet dann die Jeans? Kinder beim Essengehen die Preise addieren lassen und dann zehn Prozent Trinkgeld, 15 Prozent für Fortgeschrittene, ausrechnen lassen. Immer Stift und Papier dabeihaben. Das verkürzt übrigens auch die Wartezeit. Ein gutes Übungsfeld bietet sich in den Ferien an, vorausgesetzt, der Euroraum wird verlassen: Aha, das Menü kostet 2500 ungarische Forint, sprengt das am letzten Tag unser Urlaubsbudget am Plattensee?

          Beim Kniffel ein König

          Einfacher als die Alltagsrechnerei ist ein Gesellschaftsspiel hervorgekramt. Während es bei Uno noch sehr um Formen und niedrige Zahlen geht, ist Domino schon anspruchsvoller, zählt man die Würfelpunkte ab. Einen Kick löst Kniffel aus: Bei dem Spiel wird gewürfelt, was das Zeug hält und taktisch hin- und hergerechnet. Dass nebenbei ein virtuoser Umgang mit Zahlen geübt wird, bemerken die enthusiastischen Drittklässler nicht, und die Eltern würden sich eher die Zunge abbeißen, als das selbstzufrieden zu erwähnen.

          Zum Nachlesen und Rechnen

          Die Flut der launig aufgemachten Mathematikbücher schon für die Allerkleinsten ist schier unüberschaubar – schon darin spiegelt sich das scheinbar schwerblütige Thema. Empfehlenswert sind zwei anschaulich illustrierte Bände aus dem DK-Verlag: „Mathe kein Problem“ und „Mathe für Eltern“. Die Bücher dröseln auf relativ leichtfüßige Weise Fachbegriffe auf, wer die einmal verinnerlicht hat, erlangt Sicherheit. Die Hauptaufgabe der Eltern ist es, Kindern Mathematik konkret, anschaulich, praxisnah und vor allem mit Begeisterung zu vermitteln. Die Vertrautheit und die schnellen Erfolge, die Kinder früh im Umgang mit den Grundrechenarten, Brüchen, Prozenten, Mengen, Größen und Formen erhalten, begleitet sie ein Leben lang und lässt sie sorglos die nahende abstrakte, theoretische und komplexe Welt der Mathematik betreten. Ein Versuch ist das wert. So werden Variable zu Konstanten.

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