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Wildschutzgebiet in Zimbabwe : „Zum Glück haben wir noch keinen unserer Männer verloren“

In Afrika heimisch geworden: 1992 hat Willy Pabst das Land für das Wildschutzgebiet Sango erworben. Bild: Thilo Thielke

Der Unternehmer Willy Pabst hat sich in Afrika einen Traum erfüllt – mit dem Wildschutzgebiet Sango in Zimbabwe. Der Krieg, in den die Wildhüter im dortigen Busch ziehen, ist ein Kampf für Wildtiere.

          13 Min.

          Die Sonne steht schon tief über der Savanne, als Clemence Bryce und seine fünf Männer zum Patrouillengang aufbrechen. Sie tragen grüne Uniformen und Sturmgewehre. Vorneweg laufen die Hunde. Nach einer guten Stunde macht der Trupp kehrt. Kein Feind in Sicht. Bryce, ein 39 Jahre alter Weißer, ruft seine Männer zusammen. Wenn es schon so ruhig ist, sollen sie wenigstens trainieren. Einer streift sich den Schutzanzug über und spielt den Ganoven, dann werden die Hunde auf ihn losgelassen. Staub wirbelt auf. Der Rest ist Tumult. Erst als es dunkelt, springen die Männer wieder auf die Sitze des offenen Landcruisers und rasen zurück ins Hauptquartier.

          Thilo Thielke

          Freier Berichterstatter für Afrika mit Sitz in Kapstadt.

          40 Mann hat Bryce unter seinem Kommando – etliche von ihnen haben zuvor als Soldaten bei der zimbabwischen Armee gedient. 26 gehören zum festen Team, die anderen werden nach Bedarf rekrutiert. Sie alle haben ein dreijähriges Training absolviert und stammen aus der Gegend. Auch fünf Hunde sind Teil des Teams: vier belgische Malinois und ein deutscher Schäferhund. Bewaffnet sind die Männer mit 20 halbautomatischen Gewehren: AK 47 russischer Bauart, ungarische AK 63, südafrikanische Vektor LM 5, zum Teil mit Schalldämpfer. „Für uns herrscht hier Krieg“, sagt Bryce. „Ein falscher Schritt zur falschen Zeit, und du bist tot.“

          Der Krieg, in den Bryce und seine Soldaten im Busch von Zimbabwe ziehen, ist ein Kampf für Wildtiere. Die Feinde sind Wilderer, nicht weniger stark bewaffnet als die Ranger, international vernetzt und oft skrupellos. Meist haben sie es auf das Horn von Nashörnern oder die Stoßzähne der Elefanten abgesehen. Auf asiatischen Märkten erzielen sie damit Spitzenpreise. Das Pulver, zu dem die Hörner der Rhinozerosse zerrieben werden, gilt in China und Vietnam als Aphrodisiakum, außerdem soll es Krankheiten heilen. Aus dem Elfenbein wird allerlei Nippes geschnitzt: Brieföffner, Schachfiguren, Billardkugeln.

          Ein von 210.000 Säugetieren bevölkertes Paradies

          Treffen Wilderer und Wildhüter aufeinander, fließt nicht selten Blut. „Zum Glück haben wir noch keinen unserer Männer verloren“, sagt Bryce. Seine Bilanz: 30 Wilderer wurden verhaftet, einer getötet. 120 Jahre Gefängnis hätten die Burschen, die sie geschnappt haben, bekommen, sagt Bryce, nicht ohne Stolz. Während andernorts die Wilderei eskaliert, hat Bryce die Lage im Griff.

          Martialischer Auftritt: Clemence Bryce (Zweiter von rechts) zieht mit seinen Wildhütern in den bewaffneten Kampf gegen Wilderer in Sango.

          Als er 2012 nach Sango kam, ein Wildschutzgebiet 450 Kilometer südöstlich von Harare, der Hauptstadt Zimbabwes, da lebten in seinem Revier 102 Spitz- und 38 Breitmaulnashörner. Heute sind es 147 Spitz- und 47 Breitmaulnashörner. Clemence Bryce, Spross britischer Auswanderer, die vor Generationen ins ehemalige Rhodesien kamen, leitet seit sieben Jahren die Anti-Wilderer-Einheit von Sango, davor hatte er bei der staatlichen Nationalparkbehörde gearbeitet. Das Gebiet, das er und seine Männer bewachen, ist 600 Quadratkilometer groß und beherbergt zwischen den Bikita Hills im Westen und dem Save-Fluss im Osten neun Biotope – ein Paradies, das von 210.000 Säugetieren bevölkert wird. Die „Big Five“ – Löwen, Nashörner, Büffel, Elefanten, Leoparden – sind hier ebenso zu Hause wie Gazellen und Giraffen, Geparden und Schakale, Krokodile und Nilpferde.

          Geschaffen hat das Kleinod der 75 Jahre alte Hamburger Unternehmer Willy Pabst. Er trägt an diesem Tag einen grünen Sweater über dem Khakihemd, auf der Brust prangt das Sango-Emblem: ein Affenbrotbaum vor untergehender Sonne. Von diesen Baobabs gibt es unzählige in Sango. Pabst und seine Frau sind aus Kapstadt angereist, um ein paar Tage in der Natur zu verbringen. Aus Essen ist Pabsts Sohn Andreas mit Frau und den beiden Kindern gekommen. Auch ein Freund aus Südafrika, Dusty Joubert, ist noch dazugestoßen. Er ist 48 Jahre alt und hat jahrelang als Ökologe in Sango gearbeitet. Stundenlang kann er von der Vielfalt des Gebiets schwärmen, für das er einst verantwortlich war: dem Vulkan-, Basalt- und Sedimentgestein, das man in Sango findet, den Nestern von 64 Geieradlern, 13 Kronenadlern und elf Afrikanischen Habichtsadlern, dem Wald von Fieberakazien. „Das einzigartige Pfannensystem, das der Save-Fluss geschaffen hat, lockt unzählige Vogelarten an.“

          Nach Sonnenuntergang sitzen alle ums Lagerfeuer, trinken Gin Tonic oder Rotwein und essen Kudu-Steak. Auf einem Hügel hat Pabst eine Lodge errichten lassen, im Rücken schroffe Felsen, nach vorne geht der Blick auf den Mokore-Fluss und in die afrikanische Weite. Es gibt vier Chalets und zwei Luxuszelte mit insgesamt 18 Betten. Übernachtungspreis: 1500 Dollar.

          Eine weitreichende Liaison

          1992 hatte der Geschäftsmann das Land für rund 1,9 Millionen Euro gekauft. Bis dahin befand sich auf dem Grundstück die Devuli-Rinderfarm. Sie war 1920 von Söhnen britischer Missionare gegründet worden, aber arbeitete nicht mehr wirtschaftlich. Als das Unternehmen in Zahlungsnot geriet, sprang Pabst ein, um seinen Traum vom eigenen Tierschutzgebiet zu verwirklichen. Er wusste: Die Natur holt sich schnell zurück, was der Mensch verwildern lässt – wenn das Gebiet geschützt, die Wilderei bekämpft, illegaler Siedlungsbau verhindert wird.

          1995 kaufte Pabst 560 Elefanten aus dem nahegelegenen Gonarezhou-Nationalpark. 2002 kamen elf Löwen dazu, von denen allerdings sechs schon in den ersten Wochen getötet wurden. Pabst wilderte die Tiere in Sango aus. Impalas und Gnus, Paviane und Leoparden befanden sich schon auf dem Areal, sie waren von der Wasser-Pipeline, die vom Vorbesitzer für die Tränken der Rinder gebaut worden war, angelockt worden. Geparden und Wildhunde kamen von selbst hinzu. Das Konzept ging auf: Die Tiere vermehrten sich rasch, immer mehr Vogelarten wählten Sango als Nistplatz. Auch die Zahl der Mitarbeiter wuchs. Heute beschäftigt Pabst 135 Angestellte.

          Pabsts Liaison mit Afrika reicht weit zurück. Sie begann 1964 in Südafrika. In Hamburg hatte er eine Ausbildung zum Speditions- und Schifffahrtskaufmann gemacht, ehe es ihn in die Ferne zog. Vier Jahre blieb er in Südafrika. „Es war eine tolle Jugendzeit“, sagt er. Aber es war auch die Zeit der Rassentrennung. 1960 wurde das Land nach dem Sharpeville-Massaker, bei dem in einem Township in der heutigen Provinz Gauteng 69 Demonstranten ermordet wurden, international isoliert. Nelson Mandelas Afrikanischer Nationalkongress nahm den bewaffneten Kampf auf. Bis 1966 regierte Premierminister Hendrik Verwoerd, als „Architekt der Apartheid“ bekannt, nach seiner Ermordung dann Balthazar Johannes Vorster, ebenfalls ein Hardliner.

          Am nachhaltigsten prägte eine Jagdsafari mit dem britischen Krokodiljäger Bobby Wilmot den jungen Deutschen. Wilmot hatte im Okawango-Delta eine Lizenz für den Abschuss von 2000 Krokodilen im Jahr. Pabst, damals 21 Jahre alt, knatterte mit einem Borgward Isabella über die rote Erde nach Botswana. Noch heute schwärmt er von den Zebraherden, den Dörfern und Höhlen der Buschmänner, der nächtlichen Krokodiljagd in den Sepopa-Sümpfen. Zwei Wochen lang war er mit Wilmot unterwegs. „Für jedes Krokodil hatten wir einen Schuss, das größte war 17 Fuß lang.“ Tagsüber erlegten die Männer Büffel, abends im Camp machten sie aus deren Fleisch Biltong, Trockenfleisch. „Seit damals bin ich mit dem Wildlife-Virus infiziert“, sagt Papst.

          Er liebte Afrika, hatte aber seine Probleme mit den „verkrampften Buren“, wie er sagt. 1968 ging er deshalb für die Hamburger Spedition Kühne & Nagel nach Persien, ins Land des Schahs Reza Pahlevi. 1970 kehrte er zurück nach Südafrika und arbeitete im Außenhandel. 1980 verschlug es ihn wieder nach Hamburg, wo er als Schifffahrts- und Transportkaufmann für die Containerfirma SSI aus San Francisco arbeitete – zuständig für die Geschäfte mit Europa, dem Nahen Osten und Afrika. Bald machte sich Papst mit zwei Geschäftspartnern selbständig und gründete die Firma Triton Holdings Ltd., die auf der ganzen Welt Container für Frachtschiffe verleiht. Mit Hilfe eines Geldgebers aus der Pritzker-Familie, die zu den Gründern der Hyatt-Hotelgruppe gehört, wurde Triton schnell Weltmarktführer – und Pabst wurde reich. 1989 stieg er ins Geschäft mit Bodenschätzen ein, erwarb in Südafrika Minen: Chromerz, Andalusit, Tantalit.

          Die Geschichte von Harry Wolhuter und der Löwin

          Als ihm 1992 angetragen wurde, sich an dem Projekt in Zimbabwe zu beteiligen, hatte er Bedenken. Nachdem die Devuli-Ranch zerschlagen war, wurden Interessenten gesucht, die das Gelände in ein Naturschutzgebiet, die Save River Conservancy, umwandeln sollten. Doch im ehemaligen Rhodesien herrschte seit 1980 der Kommunist Robert Mugabe, und er trieb das Land, das einmal als Kornkammer des südlichen Afrikas galt, immer weiter in den Ruin. Es sollte noch gut zehn Jahre dauern, bis Mugabe seine Leute auf weiße Farmer hetzte und sie gewaltsam aus seinem Herrschaftsgebiet vertrieb. Doch schon damals war nicht zu übersehen, welche katastrophalen Auswirkungen die maoistischen Experimente auf afrikanischem Boden hervorbrachten. Pabst sagte trotzdem Ja – er hatte sich auf Anhieb in die Landschaft im Lowveld verliebt.

          Zu viele Elefanten setzen den Baobabs deutlich zu. Manager David Goosen vor einem der Bäume, dessen Rinde durch gefräßige Elefanten geschädigt wurde.

          Der südafrikanische Dokumentarfilmer Kim Wolhuter kann die Liebe zu Sango nachvollziehen. Vor drei Monaten hat er hier mit Frau und Kleinkind sein Quartier aufgeschlagen. Wolhuter, 60 Jahre alt, ist seit 35 Jahren im Geschäft. Er hat preisgekrönte Filme gedreht, über Geparden, Löwen oder Leoparden, hauptsächlich aber über Tiere, denen gemeinhin wenig Sympathie entgegengebracht wird – über Hyänen zum Beispiel. Seine dritte Hyänen-Dokumentation ist bald fertig.

          Den Raubtieren werden oft alle möglichen niederen Eigenschaften zugeschrieben. „Mordlust, Raubgier, Grausamkeit, Blutdurst, Hinterlist und Tücke“ sei „gewöhnlich das geringste“, was der Mensch ihnen attestiere, schrieb der Zoologe Alfred Brehm im 19. Jahrhundert. Auch Wolhuter fand, den Hyänen werde Unrecht getan. Er bewies vor einigen Jahren mit aufsehenerregenden Nachtaufnahmen, wie die vermeintlichen Schmarotzer Gazellen erlegt hatten und dann von einem Löwenrudel vertrieben wurden, das zu faul war, selbst zu jagen, und sich an der Beute Anderer bediente. Bis dahin hatte man Löwen als Jäger betrachtet und Hyänen als diejenigen, die sich über das Aas hermachten. Wolhuter will mit solchen Mythen aufräumen. „Die meisten Safaritouristen kennen sich bestens mit der afrikanischen Tierwelt aus“, sagt der Filmemacher. „Aber alles, was sie wissen, stammt aus dem Film 'König der Löwen'.“

          Wolhuter gegen Disney – eine Sisyphusarbeit, er weiß das. Aber wer sollte den Job angehen, wenn nicht er? Wolhuters Großvater Harry, Jahrgang 1877, war als junger Mann erster Wildhüter eines 1898 eingerichteten Tierschutzgebiets im Transvaal gewesen. Das Gebiet zwischen Sabie und Crocodile River bildet den Kern des 1926 gegründeten und mittlerweile 20.000 Quadratmeter großen Kruger-Nationalparks im Norden Südafrikas.

          Noch heute erzählen Touristenführer ihren Gästen abends am Lagerfeuer die Geschichte, wie Harry Wolhuter 1903 auf einem Patrouillenritt von zwei Löwinnen angegriffen und zu Boden gerissen wurde. Das Pferd war davongaloppiert. Eine Löwin hatte Wolhuter siegessicher an seiner rechten Schulter unter einen Baum gezerrt, um ihr Mahl zu genießen, als der Wildhüter mit der linken Hand in die Messerscheide griff und der Raubkatze zweimal die Klinge ins Herz und einmal ins Genick stieß. Danach rettete er sich stark blutend auf den Baum, bis Hilfe kam. Messer und Löwenhaut sind noch immer im Kruger-Park ausgestellt.

          „Die Elefanten fressen alles kahl“

          Wolhuters Vater setzte die Familientradition fort und wurde Chief Warden im Kruger-Nationalpark. Und nun ist Kim Wolhuter im Busch unterwegs. Für seine Arbeit hat er einen Toyota Hilux umgebaut. Neben das Lenkrad hat er ein Stativ für die Kamera montiert, Dach und Fensterscheiben entfernt und den Beifahrersitz zur Liege umgebaut, auf der er zwischendurch ausruhen kann. 90 Prozent der Arbeitszeit verbringe er nachts im Wagen, sagt er. Wie auch jetzt. Seit Stunden rumpelt Wolhuter in seinem Gefährt durch das Revier von Willy Pabst. Im Lichtkegel des Handscheinwerfers hat er eine hinter einem Gebüsch schlafende Löwin erspäht, auch eine Herde Elefanten und ein paar Schakale. Nur von den Tieren, die er gerade aufspüren will, ist nichts zu sehen.

          Elefanten an einem Wasserloch

          Wolhuter, gegen die nächtliche Kälte in einen offenen Schlafsack gehüllt, arbeitet an einem Film über Honigdachse, für den er zwei Jahre Arbeitszeit einkalkuliert hat. Das Werk soll im ZDF und im ORF ausgestrahlt werden. „Es sind schüchterne Tiere, über die man nicht allzu viel weiß“, sagt Wolhuter. Bislang gebe es erst drei Dokumentationen über sie. „In zweien wurden Tiere in Gefangenschaft beobachtet, und der einzige, der in der Wildnis gedreht wurde, stammt aus der Kalahari, also einem ganz anderen Habitat.“

          Die Arbeit ist mühsam. Seit drei Monaten ist Wolhuter jede Nacht unterwegs, aber er hat noch kein einziges Exemplar der Räuber aus der Familie der Marder zu Gesicht bekommen. Honigdachse gehen fast ausschließlich in der Dunkelheit auf die Jagd nach kleineren Reptilien, Säugetieren, Vogeleiern oder Honig. Den Rest der Zeit pflegen sie in unterirdischen Bauten zu verbringen. Doch Wolhuter ist geduldig. Er hat Fallen aufgestellt. Sollte ein Weibchen hineintappen, wird es mit einem Sender ausgestattet und kann so in den nächsten Monaten verfolgt werden. Männliche Honigdachse sind für den Filmemacher uninteressant, weil sie keine Jungen bekommen.

          Die Arbeit als Ein-Mann-Team ist extrem zeitaufwendig. Die BBC, sagt Wolhuter, setze für ihre Dokumentationen schon mal 15 Autos ein, nur um die Tiere zu suchen. Das kann er sich nicht leisten. Doch er denkt ohnehin in größeren Dimensionen. Er hat schon mal zehn Jahre im nahegelegenen Malilangwe Wildlife Reserve verbracht, und die nächsten zehn Jahre würde er nun gerne in Sango zubringen. „Der Artenreichtum ist in diesem Gebiet großartig“, sagt er, „auch das Ökosystem ist intakt.“

          Das sei dem vorbildlichen Wildlife-Management geschuldet, auch Clemence Bryce und seiner Anti-Wilderer-Einheit. Allerdings sei das Gebiet aus genau diesem Grund auch in Gefahr. „Die Elefanten fressen alles kahl“, sagt Wolhuter. „Sie haben keine natürlichen Feinde, aber unersättlichen Hunger.“ Bis zu 150 Liter Wasser säuft ein Afrikanischer Elefant am Tag, und er frisst bis zu 200 Kilogramm Blätter, Gras und Früchte.

          Die Zahl der Elefanten, die sich permanent in Sango aufhalten, ist von 560 im Jahr 1995 auf rund 900 gestiegen. Genau lässt sich das nicht sagen, da Sango Teil der größeren Save Valley Conservancy ist und zwischen den verschiedenen Teilen keine Zäune die Migration stören. Insgesamt leben rund 2500 Elefanten in dem Gebiet – viel zu viele. Im vergangenen Jahr hat Pabst deshalb 100 Elefanten von Sango zum rund 800 Kilometer entfernten Sambesi umsiedeln lassen. Es war ein kompliziertes und kostspieliges Unterfangen, da die Tiere von Hubschraubern aus der Luft betäubt und danach auf Lastwagen geladen werden mussten. In den Transportern kamen sie wieder zu Bewusstsein und hatten dann eine 24 Stunden lange Reise auf engem Raum vor sich. Viel länger dürfen solche Transporte nicht dauern, will man die Tiere nicht in Gefahr bringen und unnötig quälen.

          Wo sich die Natur nicht mehr selbst regulieren kann

          Eine Umsiedlung aus Gebieten, in denen es zu viele Tiere gibt (wie in Botswana und Zimbabwe), in Regionen, in denen viel zu viel gewildert wurde (wie in Kenia und Tansania), ist deshalb nicht möglich. Rund 300.000 Dollar hat die Aktion damals gekostet, und dennoch hätten sie noch immer ungefähr 200 Elefanten zu viel in Sango, schätzt Pabst. Im nächsten Jahr soll die nächste Umsiedlung innerhalb Zimbabwes stattfinden.

          Als Pabst vor zwei Jahren versuchte, rund 6000 Tiere – darunter Elefanten, Büffel, Zebras, Giraffen – ins benachbarte Moçambique zu bringen, intervenierte in letzter Minute das zimbabwische Militär und verhinderte den Transport: Die Tiere gehörten dem zimbabwischen Volk und dürften nicht ins Ausland gebracht werden. Dabei sollte die Aktion, vom britischen „Guardian“ als „Arche Noah auf Lastern“ gefeiert, einem Land zugutekommen, das während eines jahrzehntelangen Bürgerkriegs einen großen Teil seiner Wildtiere verloren hatte. Sango hingegen, das unter Überpopulation leidet, hätte sie entlastet. „Wir haben zu viele Elefanten, wir haben zu viele Löwen, wir haben zu viele Wildhunde“, sagt Pabst. „Eigentlich müssten wir jedes Jahr 1000 bis 2000 Tiere loswerden.“ Derzeit lebten in Sango alleine 8000 Impalas, die ideale Zahl liege bei 6000.

          Unverkäuflich: Stoßzähne von natürlich verendeten Elefanten

          David Goosen kennt die Schäden, die Elefanten in Sango anrichten, genau. Der Sechzigjährige ist seit 1997 General Manager des Wildschutzgebiets. „Ganze Landstriche Sangos sind schon verwüstet“, sagt er. Besonders litten die Baobabs, deren Rinde von den Elefanten zerstört wird und die dadurch Schädlingen schutzlos ausgeliefert sind. „Ein gesundes Ökosystem verträgt nur eine gewisse Anzahl von Elefanten, sonst kollabiert es irgendwann.“

          Mit romantischen Vorstellungen europäischer Tierfreunde, die das Keulen von Tieren oder die Trophäenjagd ablehnen, könnten viele Afrikaner nichts anfangen. „Ihr habt in euren europäischen Wäldern doch auch Jäger, die den Bestand erhalten und sich um das ökologische Gleichgewicht kümmern“, sagt Goosen. „Dagegen führt niemand Klage.“ Dabei verhalte es sich dort nicht viel anders als in Afrika. Die Zersiedlung auf dem Kontinent mit dem größten Bevölkerungswachstum der Welt sei so weit fortgeschritten, dass die Natur keine Chance mehr habe, sich selbst zu regulieren. Eingriffe seien nicht verwerflich: „Männer wie Pabst, die sich um den Erhalt der Tierwelt kümmern, sind ein Segen für Zimbabwe.“

          Elefantenwilderei mit Sturmgewehren

          Dann öffnet er die Tür zum Safe. Säuberlich beschriftet lagern hier Stoßzähne von Elefanten, die eines natürlichen Todes gestorben sind. Ihr Elfenbein könnte viel Geld einbringen. Etliche Länder sitzen seit Jahren auf solchen Schätzen. Das Problem ist nicht neu: Staaten, die in der Vergangenheit sorgsam mit ihrem Wildtierbestand umgegangen sind, beklagen seit langem das 1990 beschlossene Verbot des Handels mit Elfenbein. Es bestrafe jene Länder, die unter zu vielen Elefanten litten und dringend Einnahmen benötigten, um das kostspielige Wildlife-Management zu finanzieren, argumentieren sie. Seit Jahren kämpfen Botswana, Namibia, Zimbabwe, Südafrika und Sambia daher um eine Lockerung der Regelung – vergeblich.

          Länder wie Kenia und Tansania, die massiv unter Korruption und Wilderei leiden, lehnen ein Ende des Verbots strikt ab. Unterstützung erfahren sie von Tierschutzorganisationen, die befürchten, eine Aufhebung des Verbots könne verheerende Folgen haben. Dabei sagt selbst ein Verein wie „Pro Wildlife“, es sei unbestritten, „dass die Elefantenbestände Afrikas aufgrund von Wilderei, menschlichem Bevölkerungsdruck und natürlichen Gegebenheiten ungleich verteilt sind: Der Großteil lebt im südlichen Afrika, Botswana hat mit etwa 130.000 Tieren den größten Bestand.“ In Zimbabwe sollen es mehr als 83.000 Tiere sein. Allein diese beiden Länder beherbergen fast zwei Drittel aller Afrikanischen Elefanten.

          „Einer der Gründe dafür, die selten erwähnt werden, ist, dass in den sechziger Jahren im südlichen Afrika der private Besitz von Wildtieren gestattet wurde, während er in Ländern wie Kenia seitdem unter Strafe steht“, sagt Pabst. „Die Folge war, dass in Ostafrika plötzlich hemmungslos gewildert wurde, während der Wildtierbestand etwa in Südafrika, wo sich Investoren um ihre Schützlinge kümmerten, rapide anstieg.“

          In den sechziger Jahren hatten noch 170.000 Elefanten Kenias Savannen bevölkert. Nach Jahrzehnten grausamer Massaker waren es 1989 nur noch 19.000. Damals sei die Elefantenwilderei „fast zu einer Seuche des gesamten Kontinents geworden“, erinnert sich der langjährige Chef des staatlichen Kenya Wildlife Service, Richard Leakey. „Auf der Jagd nach Elfenbein schlachteten die Wilderer, die oft mit Kalaschnikow-Sturmgewehren ausgerüstet waren, die Elefanten in Kenia und Tansania ab und jagten Herden bis in die Zentralafrikanische Republik und nach Angola.“ In Kenia stieg der Bestand später wieder auf 25.000 an, doch die Lage im benachbarten Tansania hat sich dramatisch verschlechtert: Dort sank die Zahl der Elefanten zwischen 2009 und 2015 von 148.000 auf 44.000.

          Weitermachen entgegen aller Widerstände

          Ähnlich verläuft die Entwicklung bei Nashörnern. Zur Zeit wird ihre Zahl in ganz Afrika auf 25.000 geschätzt, davon leben rund 20.000 in Südafrika. Auch viele Nashörner, die heute wieder in Ostafrika heimisch sind, stammen ursprünglich von dort – anders als die schwereren Elefanten lassen sie sich leichter über weite Strecken transportieren. Allerdings klagen in Südafrika die Züchter über große Schwierigkeiten. John Hume, der bekannteste von ihnen, hat angekündigt, seinen Betrieb einzustellen.

          1600 Nashörner befinden sich noch auf seiner Buffalo Dream Ranch, umgerechnet 85 Millionen Euro hatte er in die Zucht investiert. Alle zwei Jahre lässt Hume seinen Tieren die Hörner stutzen, damit sie für Wilderer unattraktiv werden. Mittlerweile lagern sechs Tonnen Horn im Schwarzmarktwert von 360 Millionen Euro in Humes Tresoren. Doch dem Geschäft wurde die Grundlage entzogen: Im Jahr 2009 verbot Südafrika den Verkauf von Rhinozeros-Horn. Und Nashörner für private Tierreservate zu züchten ist nicht mehr rentabel, seit die Kosten für den Schutz der Tiere wegen der Wilderei in die Höhe geschossen sind.

          Für Willy Pabst ist Sango eine Herzenssache. Die lässt sich der Unternehmer einiges kosten. Ausgaben von jährlich 1,1 Millionen Dollar stehen Einnahmen von 600.000 Dollar gegenüber. Das Geld wird mit Jagdtouristen verdient, vorwiegend aus Amerika. Für die Pirsch auf Impalas, Gnus und Büffel zahlen sie 1800 Dollar am Tag, für Löwen und Elefanten 2200 Dollar. Eine durchschnittliche Safari dauert 21 Tage. Dazu kommen die Preise für die erlegten Tiere: 60.000 bis 80.000 Dollar für einen Elefanten, 80.000 bis 100.000 Dollar für einen Löwen.

          „Wir halten uns streng an die Auflagen“, sagt Pabst. „Jedes Jahr wird eine Quote festgesetzt, und gejagt werden nur alte männliche Tiere, die nicht mehr reproduktionsfähig sind.“ Nur 0,2 bis ein Prozent von Sangos Tierpopulation dürfen jährlich zur Jagd freigegeben werden. Zur Entlastung des Ökosystems tragen solche Mengen nicht bei. Sie helfen höchstens finanziell.

          Allerdings geraten die Jäger zunehmend unter Druck. Immer häufiger erlassen Länder Einfuhrverbote für Trophäen. Es sei illusorisch zu glauben, mit Fototouristen allein ließen sich Einnahmen generieren, mit denen man Reservate wie Sango am Leben erhalten könnte, so Pabst. Aber was auch geschieht: Willy Pabst wird in Sango bleiben. 1999 überlebte er einen Flugzeugabsturz. Daraufhin verkaufte er seine Anteile an der Containerfirma und zog nach Afrika. Als Mugabe seinen Feldzug gegen weiße „Kapitalisten und Imperialisten“ begann und einen Schlägertrupp nach Sango schickte, blieb er standhaft. So einer wirft die Flinte nicht so schnell ins Korn.

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