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Nach dem Lockdown : Die ersten Touristen kehren zurück nach Venedig

Wenn die Gondeln Maske tragen: Venedig steht wieder für Touristen offen. Bild: AFP

Venedig ist nach dem wochenlangen Lockdown auf die Touristen angewiesen. Nun besuchen die ersten Gäste die Lagunenstadt wieder – zwei Deutsche benahmen sich prompt daneben.

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          Plötzlich war es vorbei mit der Ruhe in Venedig. Den ersten großen Ansturm gab es schon am 2. Juni. Es war zwar der letzte Tag der bedingten nationalen Ausgangssperre; erst seit dem 3. Juni sind Reisen innerhalb Italiens wieder uneingeschränkt erlaubt, auch über die Grenzen der zwanzig Regionen hinweg. Aber der 2. Juni ist Nationalfeiertag, und tausende Venetier nutzten die arbeitsfreie „Festa della Repubblica“ zum Ausflug in die Hauptstadt ihrer Region. Es war eine Art Rückeroberung der Serenissima durch einheimische Touristen von den Besuchermassen aus dem Ausland, nachdem die Stadt während fast drei Monaten Lockdown allein den einheimischen Bewohnern gehört hatte.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Seit dem 3. Juni dürfen auch Besucher aus EU-Staaten und aus dem Schengen-Raum wieder ohne Einschränkung nach Italien einreisen, die bisherige Pflicht zur zweiwöchigen häuslichen Quarantäne ist ebenfalls entfallen. Und gleich am ersten Nachmittag der „Wiedereröffnung“ des Landes für ausländische Touristen, auf deren Urlaubs-Euros die italienische Volkswirtschaft so dringend angewiesen ist, kam es an der Rialto-Brücke zu einem hässlichen Zwischenfall. Zwei männliche Touristen, bei denen es sich nach italienischen Presseberichten um Deutsche gehandelt haben soll, schwammen eine Runde im Canal Grande und schossen hernach ein Selfie in Siegerpose. Die von Anwohnern alarmierte Polizei verhängte gegen die zwei Männer die übliche Strafe von jeweils 500 Euro wegen Verstoßes gegen das allgemeine Badeverbot in den Kanälen Venedigs und sprachen einen Platzverweis für das gesamte Stadtgebiet aus.

          Von vergleichbarem Unfug wurde am 2. Juni nicht berichtet. Aber es kam zu anderen Beschwernissen, die der (Massen-)Tourismus mit sich bringt. An den Haltestellen der Vaporetti (Wasserbusse) gab es lange Warteschlangen, nicht immer wurde dabei der erforderliche Hygieneabstand von mindestens einem Meter eingehalten. In den Gassen der Altstadt drängten sich die Leute. Die Strandbäder auf dem Lido waren gut besucht. Es waren wohlgemerkt nur Besucher aus der Region Venetien, die den sonnenwarmen Feiertag zum Ausflug in die wohl schönste Stadt der Welt nutzen durften. Und doch waren schon die unschönen Seiten des „Übertourismus“ zu erkennen, gegen welchen man in Venedig seit Jahren Maßnahmen zu ergreifen plant: Gedränge der Besucher auf der einen Seite und Abzocke der touristischen Dienstleister auf der anderen Seite.

          21 Euro für Cappuccino und Orangensaft

          In den sozialen Medien kursiert seit Dienstag das Foto der Rechnung eines Cafés am Markusplatz, wo für einen Cappuccino und einen frisch gepressten Orangensaft zusammen 21 Euro fällig waren, einschließlich 1,91 Euro Umsatzsteuer. Dabei handelt es sich um den bekanntermaßen erhöhten Preis, der beim Verzehr an einem Tisch statt am Tresen fällig ist. Doch die Besucher waren vom Personal im „Illy Caffè dei Giardini Reali“ ausdrücklich aufgefordert worden, Platz zu nehmen statt rasch im Stehen zu trinken, weil der Verzehr an der Bartheke wegen der einschlägigen Hygienemaßnahmen nur stark eingeschränkt möglich sei. Also waren für den Cappuccino neun statt „nur“ drei Euro fällig, und der Preis für das Glas Orangensaft schnellte von fünf auf zwölf Euro in die Höhe.

          Es ist noch nicht lange her, da hatte man im Rathaus von Venedig die Einführung einer Art Eintrittsgeld für die historische Altstadt zum 1. Juli ersonnen, um die Besucherströme einzudämmen. Denn die drohten die Stadt, die seit Jahr und Tag von der Unesco als Weltkulturerbe geführt wird, buchstäblich zu erdrücken. 13 Millionen Übernachtungen wurden 2019 gezählt. Immer mehr Privatleute vermieten ihre Häuser und Wohnungen im „Centro Storico“ tageweise an Touristen statt an ständige Mieter, von denen sich immer weniger die Phantasiepreise für Wohnraum in der Altstadt leisten können.

          Seit Jahrzehnten geht die Zahl der Einwohner pro Jahr um durchschnittlich tausend zurück, zuletzt wohnten noch rund 50.000 Menschen ständig im historischen Stadtkern. Doch dann kam die Corona-Pandemie, kamen Lockdown und Shutdown, kam schließlich die schlimmste Wirtschaftskrise seit Generationen. Von der Einführung eines Eintrittsgeldes ist vorerst nicht mehr die Rede. Die Stadt, schon vom schlimmen Hochwasser im November und dessen wirtschaftlichen Folgen heimgesucht, braucht nach dem neuerlichen Tiefschlag durch das Virus dringend wieder Touristen, gerade auch aus dem Ausland. Venedigs Bürgermeister Luigi Brugnaro und Venetiens Regionalpräsident Luca Zaia werben heftig. Venedig sei „wieder geöffnet“ und für alle Besucher sicher, sagt Brugnaro, der um das Leid der vom Fremdenverkehr abhängigen Wirtschaft seiner Stadt weiß.

          Die ganze Region Venetien – einschließlich der Seebäder an der Adria – erklärt Regionalpräsident Zaia kurzerhand zur „Covid-freien“ Zone. Wie in einer Art Nachkriegszeit ringen Stadt und Region um jeden Euro und jeden Cent. Gedanken über Qualität und Nachhaltigkeit dessen, was man gerade (wieder)aufzubauen sich anschickt, stehen eher im Hintergrund. Bürgermeister Brugnaro will Venedig mit einem „intelligenten“ Fremdenverkehr in die Zukunft steuern. Was damit gemeint ist, bleibt unklar. Klar ist, dass in den Kanälen planschende Touristen nicht dazu gehören.

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