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Gestrandete Deutsche : „Ich bin psychisch am Ende“

Nach Berichten des Auswärtigen Amtes wurden für 625 Deutsche in Pakistan Rückholflüge organisiert. Hunderte Menschen sitzen jedoch weiterhin dort fest. Bild: dpa

Nach Berichten des Auswärtigen Amtes wurden für 625 Deutsche in Pakistan Rückholflüge organisiert. Viele Menschen sitzen jedoch weiterhin dort fest. Ein Interview mit einer Betroffenen.

          2 Min.

          Aysha Ghauri (Name von der Redaktion geändert) ist mit ihrer Mutter Anfang März nach Pakistan geflogen, um ihre Großmutter zu besuchen. Sowohl die 23 Jahre alte Frau als auch ihre Mutter sind deutsche Staatsbürger. Dennoch wurden beide bisher nicht für Rückholflüge berücksichtigt.

          Es gab bisher zwei Rückholflüge für deutsche Staatsbürger in Pakistan. Hatten Sie sich für die Flüge registriert?

          Wir haben uns schon lange vor dem ersten Flug registriert. Nachdem der erste Flug ohne uns ging, haben wir eine E-Mail erhalten, in der stand, dass es einen zweiten Flug geben wird. Meine Hoffnung war groß, dass wir für diesen Rückholflug berücksichtigt würden. Ich hätte nicht gedacht, dass wir fast einen Monat später immer noch hier sitzen und darauf hoffen, irgendwann nach Hause zu kommen.

          Und wie sieht die Kommunikation seitens der deutschen Botschaft in Islamabad und dem Auswärtigen Amt momentan aus?

          Wir erhalten unterschiedliche, verwirrende Informationen. Mal heißt es, ein dritter Rückholflug sei geplant, nur sei eben unklar wann. Dann wiederum wurde uns mitgeteilt, dass wir uns nicht mehr auf dem Portal für Rückholungen registrieren oder unsere Registrierung aktualisieren müssen. Das sei nicht mehr von Nöten, weil es keine Flüge mehr gebe. Es wirkt alles sehr schlecht organisiert. Ich komme mir vor wie im falschen Film.

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          Wie nehmen Sie die Corona-Krise in Pakistan wahr?


          Es ist eigentlich wie fast überall auf der Welt. Die Geschäfte sind nur beschränkt und überwiegend zum Kauf von Lebensmitteln geöffnet, fast jeder trägt Masken und Handschuhe. Aber wenn wir uns hier infizieren, bekommen wir nicht die gleiche medizinische Behandlung wie in Deutschland. Ich habe seit drei Wochen nicht mehr das Haus verlassen. Selbst für Lebensmittel ist es mir das nicht wert.

          Haben Sie oder Ihre Mutter Vorerkrankungen?

          Nein, das nicht. Aber reicht es nicht, dass wir durch unsere aktuelle Situation psychisch enorm belastet sind? Ich bin psychisch am Ende, jeder einzelne Tag fällt mir schwer. Eine Pandemie ist schon schlimm genug. Wir sind dazu noch in einem ungewohnten Umfeld. Und Pakistan ist auf die Corona-Pandemie nicht vorbereitet.

          Aber es gibt Menschen mit deutscher Staatsbürgerschaft oder dauerhaftem Aufenthaltstitel, die zu Risikogruppen gehören und dennoch nicht für die Rückholflüge berücksichtigt wurden?

          Soweit ich weiß sind unter den anderen Betroffenen Diabetiker und Menschen mit Herzproblemen. Inzwischen ist ein 61 Jahre alter Mann aus Offenbach an Herzversagen gestorben. Spätestens da hätte man doch reagieren müssen. Es ist für mich schon ohne Vorerkrankungen eine belastende Situation. Ich will mir gar nicht ausmalen, wie sich die Menschen fühlen, denen jetzt die Medikamente ausgehen. Oder wie sich die Familie des Mannes fühlt, der gestorben ist.

          Wie fühlt sich das an, wenn die bisherigen Rückholmaßnahmen in Deutschland gefeiert werden, man selbst aber immer noch in einem anderen Land gestrandet ist?

          Es fühlt sich an wie ein Schlag ins Gesicht. Ich freue mich für alle, die nach Hause fliegen konnten. Aber ich kann dieses Lob nicht teilen – nicht, wenn wir seit fast einem Monat in Pakistan festsitzen.

          Haben Sie noch Hoffnung vor Beendigung der Maßnahmen nach Hause zu kommen?

          Am Anfang hatte ich Hoffnung, inzwischen habe ich sie verloren. Ich habe nicht das Gefühl, dass viel für uns getan wird. ‪Ab dem 21. April soll es zwar wieder kommerzielle Flüge geben, aber ob das so kommt, ist fraglich. Zwei Mal wurden die Flugbeschränkungen schon verlängert. Die Preise der dennoch angebotenen Flugtickets liegen bei mindestens 1500 Euro. Die Fluggesellschaften stornieren gebuchte Flüge kurzfristig und ohne Rückerstattung des Geldes, weil sie in Pakistan keine Landegenehmigung bekommen. Es scheint, als werde von uns verlangt, die Pandemie erst mal auszusitzen und irgendwie auf eigene Faust nach Hause zu kommen – selbst wenn uns das in den finanziellen Ruin treibt.

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