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Seelsorge im Advent : Eine Zeit der Sehnsucht

Mit der Adventszeit kommt auch häufig die Zeit der Einsamkeit. Bild: Getty

Die Adventswochen sollen Zeit zur Besinnung bieten. Zeit, in sich hineinzuhören – solche Momente braucht der Mensch. Drei Protokolle, die zeigen, wie Seelsorge in der Weihnachtszeit auch aussehen kann.

          6 Min.

          Gefängnisseelsorger

          Die Advents- und Weihnachtszeit geht auch an Häftlingen nicht spurlos vorbei. Ich merke deutlich, dass Gefangene in der Adventszeit entweder nachdenklicher werden oder unruhiger, gerade sie verspüren häufig diese Sehnsucht nach der perfekten Weihnacht. Ich versuche diese Gefühle und Gedanken in meiner Arbeit aufzufangen, etwa in Form von zusätzlichen Andachten auch unter der Woche. Ich biete an, dass man danach noch bei Plätzchen zusammensitzen kann, um dem Gefühl der Einsamkeit in der Weihnachtszeit entgegenzusteuern.

          Der Gedanke, gerade an Heiligabend und den Weihnachtstagen allein zu sein, spielt eine große Rolle bei den Gefangenen. Besonders, weil es in unserer Anstalt an den Weihnachtstagen keinen Besuch gibt, obwohl wir bei Besuchszeiten sonst sehr offen sind. Das liegt schlichtweg daran, dass auch das Personal Weihnachten feiern will. Gottesdienste, abwechselnd von mir und meinen katholischen oder evangelischen Kollegen gestaltet, finden natürlich an den Feiertagen statt. Und wir merken, dass auch im Gefängnis die Gottesdienste an Weihnachten besonders gut besucht sind.

          Die Weihnachtsbotschaft ist ja speziell für die Menschen am Rande der Gesellschaft, zu denen Gefängnisinsassen gehören. Gott ist Mensch geworden, nicht in einem Palast, sondern in einem armen Stall. Seine Eltern waren auf der Flucht. Sie wussten nicht, wohin sie gehen sollten und wie es am nächsten Tag weitergeht. Dazu kommen die Hirten, arme Menschen, die keinen Platz in der Gesellschaft hatten. All diese Gefühle können Gefängnisinsassen gut nachvollziehen. Diese Aspekte der Weihnachtsbotschaft greift auch der Bischof von Osnabrück, Franz-Josef Bode, in seinem jährlichen Brief an die Inhaftierten zu Weihnachten häufig auf. Er soll diesen Menschen das Gefühl geben, dass man an Weihnachten auch an sie denkt.

          Pastoralreferent Heinz-Bernd Wolters, Vorsitzender der katholischen Gefängnisseelsorge in Deutschland, ist zuständig für die JVA Meppen.
          Pastoralreferent Heinz-Bernd Wolters, Vorsitzender der katholischen Gefängnisseelsorge in Deutschland, ist zuständig für die JVA Meppen. : Bild: Privat

          Grundsätzlich sind wir als Gefängnisseelsorger für alle da, auch für die Mitarbeiter und die Angehörigen der Inhaftierten. So veranstalten wir jetzt in meiner Anstalt in der Adventszeit einen Familientag, an dem inhaftierte Väter die Möglichkeit haben, Besuch von ihren Kindern zu bekommen und mit ihnen gemeinsam etwas zu erleben.

          Seit einigen Jahren ist es nicht mehr erlaubt, dass Inhaftierte von ihren Freunden und Angehörigen Pakete zu Weihnachten geschickt bekommen. Früher gab es nach dem Strafvollzugsgesetz drei Pakete im Jahr für Gefangene, eins zu Weihnachten, eins zu Ostern und ein weiteres. Nun können die Gefangenen nur noch einmal im Jahr einen Sonderkauf tätigen. Wir von der Seelsorge versuchen das aufzufangen, indem wir mit Ehrenamtlichen Pakete packen, in denen Kaffee, Nüsse, Schokolade und ein Gruß sind. Jedes Jahr sind das rund 600 Tüten. Es ist oft bewegend, wenn man diese Pakete dann an die Gefangenen übergibt. Manche von ihnen haben Tränen in den Augen und sind gerührt, dass man an sie denkt.

          Meine Arbeit besteht neben den regelmäßigen Gottesdiensten aus vielen Einzelgesprächen, gerade in der Adventszeit versuche ich an möglichst vielen Zellen kurz haltzumachen. Wir als Gefängnisseelsorger sind übrigens offen für alle Konfessionen, wir verlangen nur eines: Man muss Respekt haben, wenn ein Gottesdienst gefeiert wird.

          Dass die Weihnachtszeit auch im Gefängnis eine besondere ist, machen in meinen Augen drei Zeichen deutlich: In unserem Besuchsraum steht in diesen Wochen eine große Krippe, die von den Angestellten und nicht von uns Seelsorgern aufgebaut wird. Der Wunsch, diese Zeit anders zu gestalten, ist auch hinter Gittern präsent. Außerdem findet zwei Tage vor Weihnachten eine gemeinsame Weihnachtsfeier der Fachdienste und der Seelsorge für die Inhaftierten und die ehrenamtlichen Mitarbeiter statt. Die Feier beginnt mit einem ökumenischen Gottesdienst. Im Anschluss gibt es selbstgebackenen Kuchen, der von Menschen aus umliegenden Gemeinden gespendet wird.

          Das dritte Zeichen ist die sogenannte Weihnachtsamnestie. Gefangene, die besondere Voraussetzungen erfüllen und ohnehin rund um Weihnachten entlassen werden würden, können beantragen, schon vor Weihnachten freigelassen zu werden. Manchmal machen wenige Tage dann doch den Unterschied.

          Bordseelsorger

          Obwohl in der Gesellschaft Kirche und Glaube zurückgedrängt werden, habe ich den Eindruck, dass Seelsorge auf einem Kreuzfahrtschiff gefragt ist. Wir stellen in unserer Arbeit immer wieder fest: Kreuzfahrtschiffe sind Orte, an denen Menschen bewusst den Kontakt zu einem Seelsorger suchen, nicht nur in der Weihnachtszeit. Meinem Eindruck nach hängt das damit zusammen, dass selbst ein großes Schiff für sich genommen ein abgeschlossener Bereich ist. Die Wege sind übersichtlich, der Gang zu einem Pfarrer deutlich kürzer als etwa in dem Ort, in dem der Passagier sonst lebt. Außerdem herrscht an Bord eine gewisse Anonymität. Wenn Passagiere nach dem Urlaub das Schiff wieder verlassen, sehen sie den Seelsorger nicht wieder. In einem solch unverbindlichen Umfeld spricht man Dinge vielleicht einfacher aus als vor dem Gemeindepfarrer, den man jedes Wochenende sieht. Es ist eine Anonymität, die den Zugang erst öffnet.

          Dazu kommt das Reisen auf dem Wasser. Sobald Menschen am Strand, an der Uferpromenade oder an der Reling stehen und Richtung Horizont blicken, hat das etwas Spirituelles für sie. Da entsteht schnell ein Gefühl von Transzendenz. Auch solche Momente wecken das Bedürfnis, mit einem Seelsorger sprechen zu wollen.

          Oberkirchenrat Michael Schneider ist Referent für Südeuropa und Tourismus der Evangelischen Kirche Deutschland.
          Oberkirchenrat Michael Schneider ist Referent für Südeuropa und Tourismus der Evangelischen Kirche Deutschland. : Bild: Ulrich Hacke, EKD

          Typische Situationen, die Seelsorger immer wieder erleben, sind die Besuche von älteren Menschen, die Kreuzfahrten früher gemeinsam mit ihrem Partner gemacht haben, der nun nicht mehr lebt. Auf der Reise kommen dann Trauer und Erinnerungen hoch. Es gibt auch Hochzeitspaare, ob frisch vermählt oder seit 25 Jahren verheiratet, die sich für ihre Partnerschaft einen Segen auf Reisen wünschen. Dazu kommen die vielen kleinen Sorgen, Gedanken und Fragen, mit denen Menschen sich an Bord auseinandersetzen. Unsere Seelsorger sind schnell bekannt auf den Schiffen, sie werden über das Bordradio oder am Captain’s Dinner vorgestellt, sind sozusagen Bestandteil des Entertainment-Programms. Nach einigen Tagen erleben die Seelsorger, dass sie schon in Gespräche verwickelt werden, sobald sie nur ihre Kabine verlassen.

          Neben diesen Aufgaben halten die Seelsorger während der Reise natürlich regelmäßig Gottesdienste - nicht selten begleitet von dem Pianisten, der sonst zum Abendessen spielt. Eigene Kapellen haben die Schiffe noch nicht, aber meist gibt es einen festen Raum für Gottesdienste.

          Die Nachfrage nach Gottesdiensten ist - wie auch an Land - an Heiligabend und den Weihnachtstagen besonders groß an Bord. Kollegen erzählen immer wieder, dass sie an diesen Tagen oft mehrere Gottesdienste halten müssen, damit alle Passagiere, die es sich wünschen, auch teilnehmen können. Über Weihnachten 2015 sind etwa zehn unserer Seelsorger auf dem Meer unterwegs. Je nach Schiffstyp ist das Publikum zu dieser Zeit sehr unterschiedlich. Aber eins beobachten wir immer wieder: Menschen, die über Weihnachten eine Kreuzfahrt machen, wollen auf der einen Seite ganz bewusst vor Weihnachten fliehen, auf der anderen Seite nehmen sie kirchliche und geistige Angebote an Bord besonders gerne an.

          Da die Seelsorger von den Reedereien und nicht von Kirchensteuern bezahlt werden, sollen sie auf den Schiffen vor allem für die Touristen da sein. Aber gerade an Heiligabend kommt es immer wieder vor, dass sich auch die Besatzung am späten Abend einen Gottesdienst wünscht. Schließlich ist die auch nicht zu Hause und ohne ihre Familie unterwegs - manchmal über Wochen.

          Zirkusseelsorger

          Meine Arbeit als Zirkus- und Schaustellerseelsorger wird in der Vorweihnachtszeit meistens noch mal richtig intensiv, da die Weihnachtmärkte zu meinem Einsatzbereich gehören. Meine Aufgaben sind in der Adventszeit sogar noch mal gewachsen in den vergangenen Jahren, da die Märkte zahlreicher geworden und zusätzlich die Weihnachtszirkusse entstanden sind.

          Auch das restliche Jahr arbeiten die Menschen meiner Gemeinde an Wochenenden und Feiertagen, wenn alle anderen frei haben. Dies und ihr ständiges Auf-der-Reise-Sein macht es ihnen schwer, an einem Gemeindeleben in einem bestimmten Ort teilzunehmen. Bei Zirkuskünstlern und Schaustellern liegen Privates und Berufliches eng beieinander. Glaube findet damit auch am Arbeitsplatz statt. Wenn ich beispielsweise in der Adventszeit Besuche bei meinen Gemeindemitgliedern mache, finden diese seelsorgerischen Gespräche meistens zu den Geschäftszeiten statt - im Wohnwagen oder direkt am Geschäft. Ich führe Gespräche über Freuden und Sorgen - die ganze Facette des Lebens. Auch bei Zirkusmenschen und Schaustellern werden Kinder geboren oder gehen zur Kommunion. Es wird geheiratet, aber man wird auch krank, all das begleite ich.

          Pfarrer Sascha Ellinghaus ist Leiter der katholischen Circus- und Schaustellerseelsorge in Deutschland.
          Pfarrer Sascha Ellinghaus ist Leiter der katholischen Circus- und Schaustellerseelsorge in Deutschland. : Bild: Privat

          Ich habe das Gefühl, dass die Menschen, um die ich mich kümmere, eine große Affinität zum Glauben haben. Aber man muss natürlich sagen, dass ihre Art, den Glauben zu leben, sich von der anderer Menschen unterscheidet. Regelmäßige Gottesdienstbesuche am Wochenende sind nicht möglich, auch kein Engagement und keine Teilnahme am klassischen Gemeindeleben. Der Glaube meiner Gemeindemitglieder findet eher im persönlichen Gespräch, im persönlichen Gebet statt. Ich bin davon überzeugt, dass ihre Affinität auch so groß ist, weil sie in ihrem Alltag immer wieder erleben, dass der eigene Erfolg, die eigene Zufriedenheit von unbeeinflussbaren Faktoren abhängig sein kann: Wie ist das Wetter? Wird der Markt, das Volksfest gut beworben? Haben wir einen optimalen Standplatz bekommen? Man kann in den Berufen meiner Gemeindemitglieder also sehr gut vorbereitet sein und trotzdem seinen Erfolg nicht bis auf das Letzte selbst bestimmen. In solchen Situationen hat man eine besondere Offenheit für Gott. Man weiß aus Erfahrung, dass man selbst nicht alles fest in der eigenen Hand hat.

          Ich bin an jedem Sonntag im Advent in einer anderen Stadt, auf einem anderen Markt oder bei einem der vielen Zirkusunternehmen, um Gottesdienst zu halten oder etwa ein neues Zirkuszelt zu segnen. Das ist ganz anders als am Heiligen Abend. Da helfe ich in meiner Ortskirche mit, weil da die Weihnachtsmärkte geschlossen sind und die Zirkusse keine Vorstellungen haben. Das ist einer der ganz wenigen Tage im Jahr, an dem meine Gemeindemitglieder sich ins Private zurückziehen, zu ihren Familien gehen, zu ihren festen Wohnsitzen fahren und vielleicht mal dort die Kirche besuchen.

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