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S!sters beim ESC-Vorentscheid : Wenn man den eigenen Sieg nicht mitbekommt

S!sters verkörpern genau den Mainstream, den die ARD eigentlich nicht mehr wollte. Bild: EPA

S!sters gewinnen den ESC-Vorentscheid mit einer gehörigen Portion Unbedarftheit. Sie singen über Frauenpower hauptsächlich deswegen, weil das gerade Mainstream ist.

          Carlotta Truman und Laura Kästel verpassten den Moment ihres Sieges. Dass die beiden als „S!sters“ für Deutschland zum Eurovision Song Contest (ESC) nach Tel Aviv fahren würden, erfuhren sie von einem ihrer sechs Mitbewerber, Linus Bruhn. „Linus guckt mich an und sagt: Ihr habt gewonnen. Und ich hab’ gesagt: Wer sagt das?“, erzählte Kästel nach ihrem Sieg beim ESC-Vorentscheid am Freitagabend. S!sters standen schon relativ früh als Sieger fest, nämlich in dem Moment, als Linus Bruhn für seinen Song „Our City“ nur acht Punkte von den Zuschauern bekam und Lilly Among Clouds das Duo Truman und Kästel nicht mehr einholen konnte. Dafür hatte sie in den beiden vorherigen Bewertungsrunden durch das Eurovisions-Panel und die Experten-Jury zu wenig Punkte erhalten. Doch S!sters bekamen das nicht mit, weil sie „nicht zählen“ konnten, wie Carlotta Truman feststellte.

          Diese Unbedarftheit zog sich durch den Auftritt der beiden Vorentscheid-Siegerinnen am Freitagabend. Das Duo, das sich erst vor einem Monat kennengelernt hat und extra vom NDR gecastet wurde, performte den Gewinnersong „Sister“ auf der Hebebühne des Fernsehstudios in Berlin-Adlershof zwar mit hoher Professionalität und einwandfreien Gesangskünsten, aber auch mit solch einer Dramatik, dass man sich als Zuschauer fragte, ob man den Textinhalt falsch verstanden hatte. Es gehe um Frauenpower, hatte Kästel vorher erklärt und dass Frauen sich nicht immer so „anzicken“ sollten. So heißt es in dem Lied übersetzt: „Entschuldige das Drama. Ich habe versucht, dir die Schau zu stehlen, aber es hat sich herausgestellt, dass ich das eigentlich gar nicht will.“

          Dass „Zicke“ aber ein Wort ist, das in der Feminismus-Debatte kritisch gesehen wird, weil es unterstellt, dass Frauen in Konflikten per se überzogen reagieren und sich gegenseitig als Rivalinnen sehen, die es abzuwerten gilt, ist weder Kästel selbst noch dem NDR als austragende Rundfunkanstalt aufgefallen. Vielmehr entspreche „Sister“ in gewisser Weise dem Zeitgeist gegen die Entwertung der Frauen durch sich selbst, schrieb ein NDR-Kommentator auf der deutschen Website des Eurovision Song Contests.

          Die 26 Jahre alte Kästel sagte nach ihrem Sieg auf die Frage, was ihre Verbindung zu dem Song ist: „Ich glaube, jedes Mädchen, was mal durch die Pubertät gegangen ist, hat mit dem Thema auf jeden Fall schon Berührung gehabt.“ Aber wenn man älter werde, merke man: „Alle Streitereien, die man haben kann als Frau, sind eigentlich unnötig.“ Truman fiel ihr ins Wort. „So weit bin ich noch nicht“, sagte die Neunzehnjährige und stellte damit die Botschaft ihres eigenen Lieds infrage, um kurz darauf wieder „Girlpower“ vor sich hin zu trällern, als hätte ihr das Backstage jemand noch schnell eingeflüstert.

          Die fehlende Beziehung von S!sters zu ihrem eigenen Lied liegt vor allem daran, dass „Sister“ eigentlich aus einem Songwriting-Camp für den Schweizer ESC-Vorentscheid stammt. Es wurde im Sommer vergangenen Jahres von zwei Schweizern, einer kanadisch-britischen Musikerin und dem Dänen Thomas Stengaard verfasst, der auch das deutsche Siegerlied 2018 von Michael Schulte mitgeschrieben hatte. In der Schweiz fanden sich aber keine passenden Interpreten für den Song, niemand konnte sich so recht für ihn erwärmen.

          Als das Lied dann dem NDR angeboten wurde, griff die Rundfunkanstalt zu und machte sich auf die Suche nach passenden Sängerinnen. Sie fanden Truman und Kästel, die das deutsche Songwriting-Camp im November im Gegensatz zu den restlichen sechs Kandidaten nicht durchlaufen hatten. Erst am vergangenen Montag waren S!sters das erste Mal auf ihre Mitbewerber getroffen. Auf Startplatz sieben waren sie vor rund einem Monat offiziell für den deutschen ESC-Vorentscheid nachnominiert worden. S!sters holten am Freitagabend mit zwölf Punkten die höchste Punktzahl der Expertenjury sowie der insgesamt rund 374.000 Zuschauerstimmen. Das Eurovisions-Panel, das den Geschmack der internationalen ESC-Zuschauer repräsentieren soll, gab dem Duo jedoch nur sechs Punkte. Der ESC-Vorentscheid-Gewinner 2018, Michael Schulte, hatte in allen drei Bewertungsrunden zwölf Punkte geholt. Mit dem durchwachsenen Ergebnis von S!sters bleibt nun unklar, inwieweit sich das neue Vorentscheidkonzept des NDR bewährt, das seit 2018 zur Anwendung kommt. ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber hatte im vergangenen Jahr einen radikalen Neuanfang des ESC in Deutschland verkündet. Der Vorentscheid sollte „kantiger“ und „erfolgreicher“ werden.

          Das „Kantige“ gelang aber nur der Kandidatin Elisabeth Brüchner alias Lilly Among Clouds wirklich, die mit „Surprise“ eine gefühlvolle Performance frei von Eitelkeit mit wirklichen musikalischen Überraschungen bot. Die banale Pop-Ballade von S!sters und ihr Auftritt in hautengen Lederleggings, mit falschen Wimpern, blond gefärbten Haaren und Goldkettchen war geradezu eine Verkörperung des formlosen Mainstreams. Auch erfolgreicher, wie Schreiber es geplant hatte, war der ESC-Vorentscheid nicht. Etwa 2,99 Millionen Zuschauer sahen die Sendung „Unser Lied für Israel“ am Freitag im Fernsehen. Ein Jahr zuvor, als Michael Schulte gewann, waren es noch 3,17 Millionen gewesen.

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