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Kindheitserinnerung : Als der Hund mich in die Wade biss

Starke Bande oder traumatisches Erlebnis? Kindheitserinnerungen an ein Haustier können sehr unterschiedlich sein. Bild: EPA

Die Erinnerungen an die eigene Kindheit prägen jeden Menschen. Was jedoch davon hängenbleibt, ist kein Zufall und kann forciert werden. Das gilt besonders für negative Momente.

          Es ist ein alter Spruch, den man oft hört, wenn Verwandte oder Freunde zu Besuch kommen, die die Kinder lange nicht gesehen haben. „Mensch, seid ihr groß geworden!“, heißt es. Und weiter: „An den Kindern sieht man, wie schnell die Zeit vergeht!“ Eine Plattitüde, an der aber etwas Wahres dran ist. Eben gerade hat man seine Kinder nachts um drei im Arm gehalten, damit sie endlich einschlafen, und schon sitzt man bei der Abifeier mit Tränen in den Augen und entlässt sie in die weite Welt hinaus. Und was bleibt von den 18 Jahren?

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nichts ist so emotional wie die Erinnerung an die Kindheit. Das gilt sowohl für die eigene Kindheit wie auch für die Zeit, in der man wiederum seinen Kinder beim Großwerden zusieht. Am Ende steht man da, mit einer Unmenge an Fotos, aber auch der Angst, dass einem die Erinnerungen durch die Hände rieseln.

          Aber es geht nicht nur um ein sentimentales Gefühl. Entwicklungspsychologen glauben, dass es sich positiv auf die Persönlichkeitsentwicklung auswirkt, wenn man immer wieder „mentale Zeitreisen“ in seine Vergangenheit unternimmt. Der amerikanische Wissenschaftler Daniel Schacter, Harvard-Professor für Psychologie und Neurowissenschaft, glaubt, dass unsere Erinnerungen uns erst zu Menschen machen. „Mit Hilfe des Gedächtnisses“, schreibt er in seinem Buch „Wir sind Erinnerung“, „versucht das Gehirn, der Umwelt Ordnung aufzuerlegen.“

          Erinnerung setzt ab dem 18. Lebensmonat ein

          Aber ab wann ist ein Mensch überhaupt in der Lage, sich an Dinge zu erinnern? Hirnforscher sagen, dass das frühestens ab dem 18. Lebensmonat möglich ist. Dann entwickelt sich das episodische Gedächtnis, mit dem sich ein Kind seine Erinnerungen bewusst abrufen kann. Letztlich erinnern sich die Menschen aber konkret frühestens an Ereignisse, die im dritten oder vierten Lebensjahr passiert sind, dann aber auch nur bruchstückhaft und wenn es um etwas Einschneidendes ging, wie die Geburt eines Geschwisterkindes oder den Umzug der Familie in einer andere Stadt. Erst mit dem Eintritt in die Schule beginnen die Erinnerungen zusammenhängender zu werden. Dabei graben sich Ereignisse stärker ins Gedächtnis, wenn sie danach sprachlich vermittelt werden, also Eltern mit ihren Kindern darüber sprechen. Forscher stellten beispielsweise fest, dass Europäer sich besser an ihre frühe Kindheit erinnern können als Asiaten. Man nimmt an, dass es daran liegt, dass Europäer mehr über ihre eigene Vergangenheit sprechen, da hier das Individuum stärker im Mittelpunkt steht als in Asien.

          Besonders negative Momente bleiben am stärksten in Erinnerung. Der Grund dafür ist, dass das Gedächtnis des Menschen auch die Aufgabe hat, Gefahren zu vermeiden. Deshalb kann man sich später vermutlich besser an den Biss eines Hundes im Alter von vier Jahren erinnern als an seinen vierten Geburtstag, obwohl man sich damals doch so riesig darauf gefreut hat. Die Vorherrschaft der schlechten Erinnerungen dient dazu, bei einer vergleichbaren Situation vorsichtig zu sein.

          Über Erlebnisse zu sprechen, ist wichtig

          Mit dem Nachwuchs über seine Erlebnisse zu sprechen halten Entwicklungspsychologen grundsätzlich für äußerst wichtig. Gemeinsames Erinnern macht Kinder stark. Es fördert die Entwicklung, sie werden emotional ausgeglichener und zufriedener. Indem man lernt, bestimmte Dinge aus der Vergangenheit zu bewältigen, lernt man, seine Gefühle zu regulieren und mitunter positiv zu beeinflussen.

          Wie also kann man die Erinnerung festhalten? Was kann man tun, damit sich die Kinder später auch an möglichst viele Momente erinnern? Und zwar an mehr als die Einschulung und die Sommerferien in Griechenland. Erst einmal geht es darum, die Kinder zum Erinnern zu ermuntern. Man kann zum Beispiel am Ende des Jahres, etwa an Silvester, fragen, was ihnen in den vergangenen zwölf Monaten am besten gefallen hat, oder sie eine Zeitkapsel basteln lassen (siehe „Spielplatz“ unten), bei der sie sich überlegen, was war gut, was war schlecht, was will ich in der Zukunft erleben? Um Kinder zum Erinnern zu animieren, sollte man offene Fragen stellen, sich selbst zurücknehmen und die Kinder einfach erzählen lassen. Mitunter hilft es, alte Fotos anzuschauen und sie etwa zu fragen: „Weißt du noch, wie du dich am Tag deiner Einschulung gefühlt hast?“

          Dann haben Kinder später einen Fundus an bewusst erlebten Dingen, die sich natürlich, auch das zeigt die Gedächtnisforschung, im Laufe der Jahre verändern können. Aber es bleibt dabei, was Jean Paul schrieb: „Unsere Erinnerung ist das einzige Paradies, woraus wir nicht vertrieben werden können.“

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