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Klimaschutz am Filmset : „Wir Schauspieler wollen verzichten“

Miriam Stein wurde unter anderem durch ihre Auftritte im Schauspieldrama Goethe! (2010) und im deutschen Fernseh-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ (2013) bekannt. Bild: Fabian Schellhorn

Schluss mit Flugreisen, Hotels und dem eigenen Fahrer: Die Schauspieler Pheline Roggan, Moritz Vierboom und Miriam Stein fordern mehr Klimaschutz beim Drehen. Gut 100 Kollegen machen mit.

          6 Min.

          Wird Ihnen beim Drehen tatsächlich sogar die Unterwäsche gestellt?

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Miriam Stein: Fast immer. Wärmewäsche, Socken, selbst BHs.

          Mehr als 100 Schauspielerinnen und Schauspieler haben die freiwillige Selbstverpflichtung unterschrieben, die Sie drei zusammen mit der Regisseurin Laura Fischer diese Woche lanciert haben. Darin bieten Sie in einem 13-Punkte-Katalog unter anderem an, künftig eigene Wäsche mitzubringen, um möglichst klimaneutral zu drehen. Warum dieser Vorstoß?

          Moritz Vierboom: Wie der Klimawissenschaftler Dirk Notz, der uns unterstützt, sagt: Der Klimawandel ist menschengemacht, und das ist eine gute Nachricht. Wir können das verändern. Aber nur, wenn wir auch etwas tun. Jede Tonne CO2, die wir einsparen, zählt. Unsere Zeit dafür ist begrenzt. Dabei sind meine privaten CO2-Emissionen das eine, ein großer Teil passiert bei meiner Arbeit. Uns verbindet der Wunsch, dafür Verantwortung zu übernehmen und den Ausstoß an Treibhausgasen in der Filmbranche soweit es geht zu minimieren.

          Und dafür kommt es auf eigene Socken und Unterwäsche an?

          Pheline Roggan: Das wirkt vielleicht kleinteilig und banal. Aber es ist wie mit den Strohhalmen. Wenn sieben Milliarden Leute je einen Plastikhalm wegwerfen, entsteht ein riesiger Berg. Es braucht viele kleine Schritte und ein anderes Bewusstsein. Dabei geht es weniger um Verzicht als um das Überdenken von Gewohnheiten.

          Stein: Nicht sichtbare Kleidung immer neu zu kaufen und wegzuschmeißen macht überhaupt keinen Sinn.

          Vierboom: Aber letztlich sind das die Punkte, bei denen wir Mitspracherechte haben: Kostüm, Maske, Transport, Unterbringung, Catering.

          Stein: Genau, bei der Technik ist das anders. Wir können nicht sagen: Ich komme nur noch an ein Set mit lauter LED-Lampen. Aber ich kann sagen: Ich möchte bitte mit Naturkosmetik geschminkt werden.

          Was sind denn die schlimmsten Klimasünden beim Film?

          Stein: Reisen und Transport. Die Unterbringung.

          Roggan: Mir war gar nicht klar, dass Hotels so ein Riesenumweltfaktor sind.

          Pheline Roggan war 2004 erstmals in dem Kurzfilm „Anna und der Soldat“ zu sehen. Seit 2017 ist sie Teil des Casts der Serie „jerks.“.
          Pheline Roggan war 2004 erstmals in dem Kurzfilm „Anna und der Soldat“ zu sehen. Seit 2017 ist sie Teil des Casts der Serie „jerks.“. : Bild: dpa

          Vierboom: Technik und Postproduktion natürlich auch wegen des Stromverbrauchs und der hohen Emissionen.

          Stein: Und das Catering.

          Es gibt bereits einen „Arbeitskreis Green Shooting“, der ein Zertifikat für Grünes Drehen entwickeln soll. Künftig soll auch die Filmförderung stärker an die Nachhaltigkeit von Produktionen geknüpft werden. Wozu braucht es da noch Ihre Initiative?

          Stein: Wir Schauspieler werden oft als schlechtes Beispiel benutzt. Da heißt es dann: Da lassen sich die Stars eh nicht drauf ein. Die wollen fliegen. Die wollen in das schicke Hotel. Die brauchen das alles.

          Vierboom: Seit der Berlinale 2020 sind wir in inhaltlichen Diskussionen mit verschiedenen Gewerken, Förderern und Verbänden, dabei wurde deutlich: Es fehlt an einer klaren Positionierung von uns Schauspielerinnen und Schauspielern, um Dinge voranzubringen.

          Das heißt, Sie würden wirklich auf Privilegien verzichten? Schluss mit dem eigenen Wohnwagen am Set? Mit komfortablen Hotels und Fahrer?

          Stein: Ich bin immer mit anderen Leuten gemeinsam in einem Bus abgeholt worden.

          Roggan: Natürlich ist ein Rückzugsort, wo man sich konzentrieren kann, gut und wichtig. Aber es muss nicht unbedingt ein Campingmobil sein. Sehr oft dreht man auch in Gebäuden, wo es leerstehende Räume gibt. Solche Möglichkeiten sollten doch genutzt werden.

          Zeit ist Geld. Wenn Sie lieber Zug fahren als fliegen wollen: Fordern Sie dann Gage für die längere Anreise?

          Roggan: Es gibt sowieso kein Geld für Reisetage. Und das haben jetzt über hundert Leute unterzeichnet: Die sind offenbar auch bereit, mit dem Zug anzureisen.

          Bei Fleisch in „höchster Bio-Qualität“ und Naturkosmetik ohne Mikroplastik geht es allerdings weniger um Verzicht als um Luxus ...

          Stein: Ist das so?

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