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Hilfsaktion in der Ukraine : „Wir fuhren um die Kurve und waren im Krieg“

  • -Aktualisiert am

Erleichtert: Marion Koch (rechts) mit den ersten Geretteten, nachdem sie nach stundenlanger Fahrt gerade wieder sicher in Deutschland angekommen sind. Bild: privat

Marion Koch hat Menschen mit Behinderung aus der Ukraine gerettet. Im Interview spricht die Mutter von Samuel Koch über traumatisierte Flüchtlinge, heikle Fragen an der Grenze und ein kleines Mädchen mit Autismus.

          5 Min.

          Frau Koch, Sie sind gerade aus der Ukraine zurückgekehrt, nachdem Sie und Ihr Team 33 Personen, unter ihnen viele mit Behinderung, von dort gerettet haben. Wie geht es Ihnen gerade?

          Wenn Sie mich persönlich meinen: Mir geht es blendend. Denn wenn man das Leid hier im Krankenhaus sieht, dann darf man wirklich nicht klagen. Ich bin jetzt gerade im Krankenhaus mit einem von den Ukrainern. Er hat hohes Fieber. Zum Glück kein Corona, sondern Dekubitus. Die können ja nicht so lange sitzen, und da machen 16 Stunden Fahrt schon was.

          Grundsätzlich war es für alle, die wir geholt haben, sehr traumatisch. Sie sind zwar jetzt hier in Sicherheit, aber kriegen natürlich durch ihre Handys und die Medien mit, was daheim los ist. Und wenn beispielsweise der Papa gerade eingezogen worden ist, dann ist das wirklich sehr schlimm.

          Wie haben Sie denn die Fahrt und die ganze Aktion erlebt?

          Das war sehr emotional. Aber ich fange am besten mal ganz am Anfang an: Wir fuhren durch Polen, und es war einfach herrlich anzusehen. Das Wetter, die Landschaft, alles atemberaubend schön. Aber auf dem Navi stand noch zwei Minuten Fahrt – man konnte sich gar nicht vorstellen, dass sich das schöne Umfeld gleich so abrupt ändern sollte. Und dann fuhren wir über einen Hügel und um eine Kurve und waren plötzlich mitten im Krieg. Überall Polizei, Tausende Menschen. Es war absurd. Eine Kurve vorher war noch nichts gewesen!

          Wir sind morgens um acht dort angekommen. Erst waren wir noch euphorisch. Dann hieß es, wir dürften in keinem Fall weiter, weil Männer nicht über die Grenze dürften. Aber wir mussten ja mit den Autos über die Grenze. Wir haben dann mit den Männern am Grenzübergang gesprochen, und sie haben uns zugesichert, dass wir auf jeden Fall wieder rauskommen. Aber das ging ewig, schon allein an der Passkontrolle.

          Wussten Sie, wie die Situation hinter der Grenze ist?

          Nein, nicht genau. Wir waren uns nicht sicher, ob wir vielleicht sehr weit ins Kriegsgebiet fahren müssen. Es war dann glücklicherweise nicht so, und wir kamen recht schnell an unserem Ziel an. Da wurden wir dann von unserem Bekannten Sergey und seiner Frau empfangen. Sie standen da schon alle mit ihren Rollstühlen und dem ganzen Gepäck. Das war ein großes Hallo, und man freute sich, aber die Stimmung war trotzdem gedrückt. Dann sind wir alle in die Busse. Wir hatten Pfleger dabei, Kinder, manche Eltern und die Behinderten. Und wir hatten natürlich große Angst um die männlichen Pfleger. Die hatten teilweise richtig rote Ohren vor Angst und Aufregung. Die ­ersten vier Stunden war es deshalb auch still im Auto. Niemand hat auch nur einen Mucks gemacht, bis wir wieder über der Grenze waren. Das war so ein bedrückendes Gefühl. Nicht einmal die Kinder haben etwas gesagt.

          In Sicherheit: Marion Koch (zweite v.l.) mit einigen Geretteten in der Unterkunft
          In Sicherheit: Marion Koch (zweite v.l.) mit einigen Geretteten in der Unterkunft : Bild: privat

          War die Erleichterung hinter der Grenze dann groß?

          Wir dachten, dass sie jubeln, wenn wir es endlich über die Grenze geschafft haben. Aber dem war nicht so. Es war natürlich eine große Erleichterung da, aber mehr auch nicht. Jeder von denen hat noch ­seine Leute drüben. Die sind alle wie in Trance. Jeder schaut andauernd irgendwelche Videos. Aber nicht, dass sich jemand fragt: Wo bleibt die Freude? Das wäre zu kurz gedacht. Alle, die wir geholt haben, sind unendlich dankbar. Jedes dritte Wort ist momentan „Danke“ oder „Spasybi“. Aber hier ist eben niemand unbeschwert, weil die Stimmung so bedrückend ist. Ist ja bei uns allen so. Bei Ihnen, bei mir. Man weiß einfach nicht, was noch kommt.

          War der Rückweg dann reibungsloser?

          Ja, schon. Wir hatten Unterkünfte organisiert, damit wir zwischendurch irgendwo unterkommen konnten. So ein großes Freizeitheim der Evangelischen Allianz, das komplett barrierefrei war. Die haben uns alle Zimmer unentgeltlich zur Ver­fügung gestellt. Wir haben da Frühstück bekommen, und die haben uns versorgt, das war richtig toll. Wir kamen da ja nachts um vier an und wurden sehr liebevoll aufgenommen. Wir haben dann bis ein Uhr geschlafen und sind wieder ­weitergefahren. Wir waren alle über­wältigt von der Herzlichkeit. Martina Köninger vom Perspektivforum Behinderung hat das alles organisiert – die Fahrer, die Raststätten und die Genehmigungen. Auch, dass der Krankenhausaufenthalt abgedeckt ist.

          Wo sind Sie dann untergekommen, und wie geht es den Geretteten momentan?

          Wir sind nachts um vier Uhr an unserem Zielort angekommen, auch wieder ein Haus der Evangelischen Allianz, und dann natürlich alle direkt ins Bett ge­fallen. Morgens haben wir dann gefrühstückt. Aber keiner von denen wollte sich wie in einem Hotel bedienen lassen oder so. Die wollen alle mit anpacken, Küchendienst machen, einfach helfen. Die wollen sich auf keinen Fall bedienen lassen oder jemandem zur Last fallen, das ist schon beeindruckend. Jetzt gerade bin ich mit einem Patienten in der Klinik. Ein Arzt wollte ihn hierlassen, aber er kann sich ja nicht verständigen. Er kann nicht mal nach einer Schwester klingeln, weil er gelähmt ist. Und solche Patienten wären hier jetzt total aufgeschmissen. Da will ich natürlich alles tun, damit der hier nicht bleiben muss. Dass die mir alles geben, denn das können die in der Unterkunft selbst machen. Die haben ja Pfleger dabei. Aber es ist sehr bedrückend. ­Morgen muss ich hier weg, denn morgen kommen schon die Neuen an. Da sind einige mit noch gravierenderen Behinderungen, und da muss ich dann helfen. Vorhin erst habe ich gehört, dass sie wieder 16 Behinderte rausgeholt haben, das ist natürlich toll.

          Sie sind ja schon lange Teil Ihres Vereins „Samuel Koch und Freunde e. V.“ und engagieren sich sozial. Was hat Sie jetzt dazu gebracht, sich auch in diesen Belangen zu engagieren?

          Auf Instagram habe ich mitbekommen, dass zwei unserer amerikanischen Freunde – von Joni and Friends – einen Anruf aus der Ukraine bekommen haben, der sehr dramatisch war. Ich kenne die beiden von unserer Vereinsarbeit. Da haben wir sofort gesagt: Wir müssen helfen! Ich habe dann eine dritte Freundin von uns angerufen, die auch schon im Gespräch mit denen war. Sie hatte nachts mit den beiden telefoniert, bis sie wegen eines Bombenalarms auflegen mussten. Sie hat das dann alles organisiert, die Autos, wann wir losfahren und so weiter. Dann ergab eines das andere, und wir waren dabei. Wir haben selbst auch noch zwei große Busse für Behindertentransporte organisiert, die haben wir vom Perspektivforum Behinderung bekommen. So hatten wir dann fünf Autos zusammen und sind los.

          Warum sind Sie persönlich mitgefahren?

          Also durch den Samuel ist es so, dass wir sowieso oft viele lange Autostrecken ­fahren. Deswegen kann ich gut Auto fahren und tue das auch gerne. Wir hatten erst noch überlegt, ob mein Mann oder ich die Tour fahren soll. Aber dann hieß es, dass Männer nicht über die Grenze dürfen. Deswegen habe ich gesagt, dass ich fahre. Ich bin ja auch Krankenschwester, was sich dann als großer Segen herausgestellt hat. So konnte ich während der Fahrt medizinische Hilfe leisten. Auch jetzt hier angekommen, wuppen wir gemeinsam viel. Ich besorge Katheter, besorge Lifter, schaue, wer welches Bett und welche Matratze hat. Und ich dachte, dass ich durch die Bekanntheit meines Sohns vielleicht noch mal mehr erreiche. Ich kenne das ja schon, dass mir die ein oder andere Tür eher geöffnet wird, wenn ich sage, dass ich die Mutter von Samuel Koch bin. Aber momentan geht sowieso jede Tür ganz einfach auf. Die Hilfsbereitschaft ist einfach wahnsinnig groß.

          Also war es mehr oder minder eine Hauruckaktion, dass Sie rübergefahren sind?

          Ja, genau. Auch der nächste Transport wurde schon spontan organisiert, als wir noch nicht mal in der Ukraine angekommen waren. Auch einen dritten wird es wahrscheinlich noch geben. Aber danach wird wohl keiner mehr rauskommen, wenn das so weitergeht.

          Die dritte Aktion findet schon bald statt?

          Ich denke schon. Wir haben Whatsapp-Gruppen und organisieren das dann. Da kommen immer wieder neue Leute, vor allem Fahrer, dazu. Auf unser Engagement hin und auf das, was in der Zeitung stand, hat sich eine Autofirma gemeldet, die vier Autos zur Verfügung gestellt hat. Der Chef ist bei der Feuerwehr, und die fahren jetzt in die Ukraine und wieder zurück. Das sind dann natürlich auch Muskelprotze, die da Wahnsinniges leisten. 16 Stunden hin und zurück, kaum Schlaf. Das schafft man nur, wenn man wirklich die richtige Motivation hat: Leben retten. Und das haben Feuerwehrmänner sowieso.

          Sie aber definitiv auch.

          Ja, wahrscheinlich.

          Haben Sie einen Unterschied festgestellt, wie Menschen mit Behinderung den Kriegsausbruch wahrgenommen haben?

          Ich denke, das war oder ist für alle gleichermaßen schrecklich. Aber natürlich sind Behinderte und Kinder viel, viel hilfloser und eben darauf angewiesen, dass wir ihnen helfen. Wir hatten beispielsweise sechs Rollstuhlfahrer dabei. Außerdem ein kleines Mädchen mit Autismus, das bei lauten Geräuschen immer anfängt zu piepsen. Das sind dann be­sondere Herausforderungen, aber in ­solchen Fällen ist die Hilfe natürlich umso notwendiger.

          Gibt es noch etwas, was Sie gerne sagen möchten?

          Ich bin sehr dankbar für die vielen Hilfen, die wir angeboten bekommen. Wir ­freuen uns enorm über jede Hilfe, egal ob persönlich, finanziell über unseren ­Verein Samuel Koch und Freunde e.V. oder das Perspektivforum Behinderung. Und dass die Flüchtlinge so wenig Gegenwind bekommen, das freut mich auch. Wir alle leiden mit und geben unser Möglichstes.

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