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Nach einem Anschlag : „Das Erlebte zu verdrängen, ist absolut in Ordnung“

Menschen in London nach dem Terroranschlag vor dem Krankenhaus: „Manche reagieren mit Angst, andere mit besonderer Wut oder ungewöhnlichem Aktivismus.“ Bild: dpa

Wie sollten Überlebende von Terroranschlägen mit dem Erlebten umgehen? Psychiater Bastian Willenborg erklärt im Interview, dass es nicht unbedingt ratsam ist, das Trauma schnell zu konfrontieren.

          Herr Dr. Willenborg, welche psychischen Auswirkungen hat es, wenn man einen Terroranschlag überlebt? 

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Das kann unterschiedlich sein. Bei sehr vielen Menschen gibt es nach so einem Erlebnis gar keine Auswirkungen.

          Und bei dem Rest?

          Da gibt es zwei Arten von Reaktionen. Zum einen die akute Belastungsreaktion, die unmittelbar nach dem Ereignis eintritt und binnen weniger Stunden, maximal nach zwei oder drei Tagen, vorbei ist. Diese akute Reaktion tritt zum Beispiel häufig nach Autounfällen auf – der Schock nach dem Unfall, das Gefühl, nicht zu wissen, was eigentlich gerade passiert ist. Manche reagieren mit Angst, andere mit besonderer Wut oder ungewöhnlichem Aktivismus.

          Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie: Dr. med. Bastian Willenborg

          Dann besteht zum anderen noch die Gefahr einer posttraumatischen Belastungsstörung. Diese birgt die Schwierigkeit, dass sie verzögert auftritt, in der Regel in den ersten sechs Monaten nach dem traumatischen Erlebnis. Die posttraumatische Belastungsstörung tritt nur nach einer Bedrohung außergewöhnlichen oder katastrophalen Ausmaßes ein – eine Bedingung, die so ein Terroranschlag natürlich erfüllt. Er tritt unverhofft ein, er bedroht das eigene Leben. Und eine Bombe ist ein Kriegsgegenstand. Klassische Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung sind die sogenannten Flashbacks, also das Wiedererleben der Geschehnisse vor dem geistigen Auge, in Form von Tagträumen oder Albträumen.

          Nach dem Anschlag in London am Samstagabend sind die Sicherheitsvorkehrungen für ein Benefizkonzert in Manchester noch mal verschärft worden. Am Sonntagabend will Arianna Grande dort mit vielen anderen Stars auftreten. Bei ihrem Auftritt vor zwei Wochen töteten Terroristen 22 Menschen. Fans, die bei diesem Konzert waren, erhalten am Sonntagabend freien Eintritt. Ist ein Besuch ratsam?

          Diese Einladungen finde ich schwierig. Eine Weile hat man angenommen, dass es ganz wichtig ist, dem Trauma sehr schnell wiederzubegegnen und viel darüber zu sprechen. Das wurde aber auch von allen Betroffenen erwartet. Zum Beispiel nach den Anschlägen vom elften September, nach denen alle Feuerwehrmänner zu Treffen beordert wurden. Das war nicht gut. Sich der Situation noch einmal auszusetzen und das Geschehen nacherleben zu müssen, noch einmal darüber zu sprechen, das erhöht für manche Menschen die Gefahr, eine posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln.

          Das heißt, einigen Betroffenen könnte der Besuch des Konzerts schaden?

          Theoretisch ja. Es werden traumatische Erlebnisse wiederholt: das Konzert, der Geruch, die Atomsphäre. Für einige Menschen ist es aber auch genau das Richtige. Sie wollen und müssen in der Regel von sich aus über das Erlebte sprechen, rufen Freunde und Familie an, um über ihr Trauma zu sprechen und wollen sich möglichst stark damit auseinandersetzen. Diesen Menschen wird das Konzert guttun. Dann gibt es aber eben auch diejenigen, die keine Lust haben, sich einer ähnlichen Konzertsituation auszusetzen. Die Gefahr, die ich sehe, ist der Eventcharakter des Konzerts: Wenn ein Konzertgänger eigentlich überhaupt kein Bedürfnis nach einem Wiedererleben des Konzertgefühls hat, sich aber denkt: ‚Coldplay wollte ich schon immer einmal live sehen.‘ Dann ist das ein Problem.

          Kann ich denn vorher erkennen, ob mir das Wiedererleben gut tut oder eher nicht?

          Nein, das kann man nicht ganz genau wissen. Im klinischen Alltag lassen wir die Patienten in so einem Fall selbst entscheiden. Wenn beispielsweise ein U-Bahn-Fahrer einen Personenschaden hatte, dann erklären wir ihm, was passieren könnte und wie eine mögliche posttraumatische Belastungsstörung aussehen könnte. Wir bieten dann an, dass der Fahrer mit uns sprechen kann und sich austauschen kann – oder eben auch nicht, wenn er nicht will. Wir gehen davon aus, dass der Prozess des Verdrängens ein funktionaler Prozess ist, der für die Betroffenen gut ist.

          Kommt ein verdrängtes Trauma nicht irgendwann wieder hoch?

          Nein, nicht unbedingt. Es gibt ja Menschen, die wirklich grausame Dinge erlebt haben. Wenn ihre Erlebnisse gut verdrängt und im Unterbewusstsein fest verschlossen sind, dann ist das in der Regel ein gesunder Mechanismus. An das Verdrängte sollte man nicht mehr herantreten.

          Die britische National Health Security hat nach dem Anschlag Notfall-Hotlines für Betroffene eingerichtet, Merkzettel verteilt, die helfen sollen, Symptome der psychischen Erkrankung zu erkennen und den Arztbesuch empfohlen. Ist die Gefahr erhöht, an einer Belastungsstörung zu erkranken, wenn man mit niemandem über das Erlebte spricht?

          Nein, überhaupt nicht. Wenn Betroffene das Gefühl haben, nie wieder über die Ereignisse sprechen zu wollen, dann ist das vollkommen in Ordnung. Es kann gut sein, dass diese Person nie eine psychische Erkrankung erleiden wird.

          Und sollte man doch eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln, bemerkt man das?

          In der Regel bemerkt man das an den Flashbacks, dem Wiedererleben. Auch wenn man diese zunächst nur für Albträume hält, so bemerkt in der Regel zumindest das Umfeld eine Veränderung. Es ist unwahrscheinlich, dass das nicht auffällt.

          Wie beeinflussen solche Terroranschläge das Empfinden junger Menschen hinsichtlich großer Veranstaltungen?

          Solche Anschläge verändern die Gesellschaft. Dabei handelt sich um sogenanntes „erhöhtes Bedrohungsmonitoring“. Früher ist man unbedarft auf Konzerte gegangen – heute beobachtet man andere Besucher: Wie sieht der aus? Könnte der einen Sprengstoffgürtel tragen? Was passiert noch auf dem Konzert, abgesehen von der Musik? Und auch das Umfeld der jungen Menschen reagiert. Eltern haben mehr Angst um ihre Kinder und reagieren mit verhaltenen Einschränkungen: „Geh lieber nicht hin!“ oder „Mir wär’s lieber, wenn du hier bleibst..“ Aus sekundären Gründen werden also Freiheitsgrade der Jugendlichen eigeschränkt. Das könnte wiederum Angsterkrankungen und Rückzug zur Folge haben. Dessen muss man sich bewusst sein. In meinen Augen ist Israel ein Land, das vorlebt, wie man gut mit dem Terror umgeht: Die jungen Leute dort lassen sich nicht einschränken. Man sollte sich von den Terroristen nicht den Alltag diktieren lassen!

          Zur Person:

          Bastian Willenborg ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und leitet die Oberbergklinik Berlin/Brandenburg.

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