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Nach einem Anschlag : „Das Erlebte zu verdrängen, ist absolut in Ordnung“

Kann ich denn vorher erkennen, ob mir das Wiedererleben gut tut oder eher nicht?

Nein, das kann man nicht ganz genau wissen. Im klinischen Alltag lassen wir die Patienten in so einem Fall selbst entscheiden. Wenn beispielsweise ein U-Bahn-Fahrer einen Personenschaden hatte, dann erklären wir ihm, was passieren könnte und wie eine mögliche posttraumatische Belastungsstörung aussehen könnte. Wir bieten dann an, dass der Fahrer mit uns sprechen kann und sich austauschen kann – oder eben auch nicht, wenn er nicht will. Wir gehen davon aus, dass der Prozess des Verdrängens ein funktionaler Prozess ist, der für die Betroffenen gut ist.

Kommt ein verdrängtes Trauma nicht irgendwann wieder hoch?

Nein, nicht unbedingt. Es gibt ja Menschen, die wirklich grausame Dinge erlebt haben. Wenn ihre Erlebnisse gut verdrängt und im Unterbewusstsein fest verschlossen sind, dann ist das in der Regel ein gesunder Mechanismus. An das Verdrängte sollte man nicht mehr herantreten.

Die britische National Health Security hat nach dem Anschlag Notfall-Hotlines für Betroffene eingerichtet, Merkzettel verteilt, die helfen sollen, Symptome der psychischen Erkrankung zu erkennen und den Arztbesuch empfohlen. Ist die Gefahr erhöht, an einer Belastungsstörung zu erkranken, wenn man mit niemandem über das Erlebte spricht?

Nein, überhaupt nicht. Wenn Betroffene das Gefühl haben, nie wieder über die Ereignisse sprechen zu wollen, dann ist das vollkommen in Ordnung. Es kann gut sein, dass diese Person nie eine psychische Erkrankung erleiden wird.

Und sollte man doch eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln, bemerkt man das?

In der Regel bemerkt man das an den Flashbacks, dem Wiedererleben. Auch wenn man diese zunächst nur für Albträume hält, so bemerkt in der Regel zumindest das Umfeld eine Veränderung. Es ist unwahrscheinlich, dass das nicht auffällt.

Wie beeinflussen solche Terroranschläge das Empfinden junger Menschen hinsichtlich großer Veranstaltungen?

Solche Anschläge verändern die Gesellschaft. Dabei handelt sich um sogenanntes „erhöhtes Bedrohungsmonitoring“. Früher ist man unbedarft auf Konzerte gegangen – heute beobachtet man andere Besucher: Wie sieht der aus? Könnte der einen Sprengstoffgürtel tragen? Was passiert noch auf dem Konzert, abgesehen von der Musik? Und auch das Umfeld der jungen Menschen reagiert. Eltern haben mehr Angst um ihre Kinder und reagieren mit verhaltenen Einschränkungen: „Geh lieber nicht hin!“ oder „Mir wär’s lieber, wenn du hier bleibst..“ Aus sekundären Gründen werden also Freiheitsgrade der Jugendlichen eigeschränkt. Das könnte wiederum Angsterkrankungen und Rückzug zur Folge haben. Dessen muss man sich bewusst sein. In meinen Augen ist Israel ein Land, das vorlebt, wie man gut mit dem Terror umgeht: Die jungen Leute dort lassen sich nicht einschränken. Man sollte sich von den Terroristen nicht den Alltag diktieren lassen!

Zur Person:

Bastian Willenborg ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und leitet die Oberbergklinik Berlin/Brandenburg.

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