https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/wie-geht-es-der-familie-vom-bbc-dad-heute-15344558.html

Plötzlich berühmt : „Die Leute rufen: BBC-Dad ist hier!“

Die ersten paar Tage war es sehr merkwürdig. Wir bekamen all diese Anrufe und Tausende und Abertausende von E-Mails. Für drei Tage haben wir all unsere Social-Media-Kanäle stillgelegt, das Haus nicht verlassen und uns von Pizza ernährt. Wir hatten wirklich Angst, dass Journalisten zu uns in den Keller stiegen. Es ging mir nicht um meinen Ruf, mir ist es wirklich egal, wenn mich jemand wegen meines Jobs kritisiert, daran bin ich gewöhnt, das ist okay. Meine wahre Sorge galt meinen Kindern. Sie sind sehr jung, und wir waren beunruhigt, ob sie zur Schau gestellt, geärgert oder stigmatisiert würden.

Die Leute haben sogar über die Beschaffenheit Ihres Fußbodens diskutiert und darüber, ob Sie während des Interviews womöglich keine Hosen trugen.

Ja, die Leute konnten sich nicht mehr bremsen. Es gab all diese verrückten Verschwörungstheorien. Es wurde diskutiert, ob die Frau in dem Video wirklich meine Ehefrau war oder eine Babysitterin – ein Weißer, in Asien verheiratet mit einer Asiatin! –, ob ich Hosen trug oder ob wir alles inszeniert hatten, um berühmt zu werden. Wir haben zu all diesen politischen und gesellschaftlichen Kritteleien nichts zu sagen. Es ist nur ein 45-Sekunden-Video, ein familiäres Missgeschick. Meine Frau und ich, wir sind ein normales Mittelklasse-Paar, wir reden in unserer Ehe nicht viel über Rasse. Es war alles total übertrieben, die Leute verloren wegen dieses Videos den Verstand. Wir konnten eine Woche lang nicht ans Telefon gehen.

Vielleicht erklärt sich die Popularität des Videos auch daraus, dass es mehr über die Probleme der Vereinbarkeit von Arbeit und Familie aussagt als viele lange Artikel.

Mag sein. Ich wurde wegen des Videos sogar eingeladen, auf einer Konferenz über Work-Life-Balance zu sprechen. Es ist ein großes Thema in Familien. Ich weiß nicht, ob Sie Kinder haben: In diesem Alter hören sie einfach nicht.

Daran ändert sich auch später nicht sehr viel.

Das habe ich auch gehört. Ich arbeite viel von zu Hause. Zu der Tageszeit, als das Video entstand, bin ich in der Regel ohnehin zu Hause. Es war ein Interview mit der BBC, die hohe Glaubwürdigkeit genießt, und für jemanden wie mich war es sehr wichtig, dort zu sprechen – auch von zu Hause aus. Das hängt auch mit der Zeitverschiebung zwischen Europa und Korea zusammen, oft gebe ich um neun oder zehn Uhr abends Fernsehinterviews. Wenn ich das mache, verriegele ich meist die Tür zu meinem Büro, aber die Kinder mögen das nicht. Und dieses Mal hat es nicht geklappt.

Hat dieser Vorfall Ihre Karriere eher befördert oder ihr sogar geschadet? Sie werden jetzt häufiger BBC-Dad genannt als Korea-Experte.

Na ja, ich schätze, es hat aus mir den bekanntesten Korea-Experten der Welt gemacht. Nicht den besten! Es gibt viele, die besser sind als ich, sogar viele von meinen Freunden. Sie sollten im Fernsehen sein, nicht ich. Und ich fürchte ein wenig die Trivialisierung – ich bin bekannt wegen etwas, das nichts mit meinen Fähigkeiten auf meinem Arbeitsgebiet zu tun hat. Andererseits bekomme ich nun mehr Einladungen, nach Hongkong, nach Singapur, Japan oder die Philippinen, und kann dort reden. Das ist nett, es schärft mein Profil.

In Südkorea sind Sie seit 2008. Leben Sie und Ihre Familie dort im Zustand permanenter Bedrohung wegen der Entwicklungen in Nordkorea?

Ja. Wir haben schon ein paar Korea-Krisen durchgemacht, aber diese jetzt ist die merkwürdigste – wegen des Benehmens von Donald Trump. Ich glaube nicht, dass die Nordkoreaner einen Krieg wollen, sie möchten die Nuklearwaffen vor allem zur Verteidigung – nach dem, was in Libyen und im Irak geschah. Ich denke nicht, dass sie Amerika oder Südkorea angreifen möchten.

Und hat sich bei Ihnen privat wieder alles normalisiert?

Ja. Obwohl man uns noch immer erkennt: Wir betreten ein Geschäft, und die Menschen starren uns an. Einmal hielt mich eine Polizistin an; ich dachte, ich hätte etwas falsch gemacht, aber sie wollte ein Selfie mit mir. Nun zum Jahresende gibt es ein kleines Revival wegen der Jahresend-Shows, wir bekommen wieder viele Anrufe. Aber sonst ist alles wieder normal. Unsere Kinder kennen das Video noch nicht. Marion ist vier, und die große Frage ist, wann wir es ihr zeigen und ihr erklären, dass sie eine globale Berühmtheit ist – und ob sie versteht, was das bedeutet. Noch sind wir nicht sicher, wann wir das machen werden.

Die Fragen stellte Jörg Thomann.

Weitere Themen

Topmeldungen

Kanzler Scholz trat am Freitag als Zeuge vor dem Hamburger Untersuchungsausschuss zum „Cum-Ex“-Skandal.

Scholz als Zeuge : „Okay, da war nichts“

Der Bundeskanzler ist zurück in Hamburg. Dort sagte er als Zeuge im „Cum-Ex“-Ausschuss aus. Eigenes Fehlverhalten bestreitet er weiterhin.
Rohre der Nord Stream 1 Gaspipeline in Lupmin

Ab Ende August : Russland klemmt Nord Stream 1 für drei Tage ab

Durch die Ostseepipeline Nord Stream 1 fließt seit Wochen ein Fünftel so viel Gas wie eigentlich könnte. Nun soll sie für drei Tage stillstehen – der Konzern begründet dies mit Wartungsarbeiten an einer Turbine.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.