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Nach der Flut in Ahrweiler : Die Weihnachtskugeln holte das Wasser

Mit ihrem Sohn: Annette und Josef Klees packen Geschenke ein und verschicken sie an Helfer. Bild: Michael Braunschädel

Die junge Familie Klees feiert Weihnachten in der Übergangswohnung. Das Haus in Ahrweiler ist noch eine Baustelle. Es war ein schweres Jahr.

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          Annette Klees musste nicht lange über­legen, als eine Helferin sie fragte, ob sie noch Weihnachtsdekoration brauche: „Die haben wir nicht mehr, die war im Keller und ist weg.“ Die Flut holte sich auch die Weihnachtskugeln. Die Helferin schenkte der Familie neue Deko. Jetzt schmücken Lichterketten, Rentier und Filzanhängerchen die Übergangswohnung, einen Satz rote Kugeln haben die Klees auch bekommen.

          Tobias Schrörs
          Politikredakteur.

          Der jungen Familie Klees steht das erste Weihnachtsfest nach der Flut im Ahrtal bevor. „Eigentlich fühlt man sich nicht nach Weihnachten“, sagt Annette Klees. Ihr Mann Josef sagt, er hätte Lust, auf eine Palmeninsel zu fahren, um den ganzen Stress des Jahres hinter sich zu lassen. Aber daran ist nicht zu denken. An Heiligabend essen sie mit der Schwester und der Mutter von Annette Klees an einem langen Tisch in der Nachbarwohnung. Die steht leer, weil die Nachbarn schon wieder in ihr Haus nach Ahrweiler zurückgekehrt sind. Familie Klees muss noch länger auf den Tag warten, an dem sie endlich wieder nach Hause kann. Trotzdem soll es ein schönes Fest für die beiden Kinder werden, die in diesem Jahr das Zuhause und den Opa verloren haben, der im November gestorben ist.

          Die Versicherung will nicht zahlen

          „Es ist wieder mal ein weiterer Tiefschlag dieses Jahr, der dazu führt, dass du in diesen Ich-muss-jetzt-Funktionieren-Modus kommst“, sagt Josef Klees. Der Schwiegervater kümmerte sich viel um die Baustellen, diese Hilfe haben sie jetzt nicht mehr. Die Elternzeit von Josef Klees ist vorüber, er arbeitet wieder, und seine Frau kümmert sich um die beiden Kinder, die drei und eins sind. Der Jüngste ist vormittags für zweieinhalb Stunden zur Eingewöhnung im Kinder­garten. In dem kleinen Zeitfenster muss Annette Klees viel erledigen, sie fährt die Baustellen ab, macht die Heizung im eigenen Haus an und leert in den Häusern der Mutter und der Oma die Bautrockner. Dann schnell noch Einkäufe machen, Helfer koordinieren und den Schriftverkehr mit der Anwältin regeln.

          Licht im Dunkel: Der Weihnachtsbaum der Familie Klees.
          Licht im Dunkel: Der Weihnachtsbaum der Familie Klees. : Bild: Michael Braunschädel

          Das ist notwendig, weil Familie Klees sich mit der Versicherung uneins ist. Die will nicht zahlen, weil sie einen Baumangel am Fundament des flutgeschädigten Hauses vermutet. Eine Anwältin berät die Familie nun unentgeltlich. „Solange das Fundament nicht gemacht ist, kann auch sonst nichts an dem Haus gemacht werden“, sagt Annette Klees.

          „Das Hochzeitsbuch hat sich selbst gerettet“

          Seit Kurzem arbeitet Josef Klees wieder voll als Flugleiter auf dem Flugplatz Bonn-Hangelar, er hält den Funkkontakt mit den Piloten und sieht auf dem Flughafen nach dem Rechten. Auf gewisse Weise hilft ihm die Rückkehr zum Arbeitsrhythmus. Vorher, sagt er, habe er oft Albträume gehabt nach der Flut. „Das hat sich durch die Arbeit etwas relativiert.“ Er wache jetzt nicht mehr so oft nachts auf mit dem Gefühl, dass da Wasser unter dem Bett sei und er die Kinder retten müsse. In der Flutnacht verlor Familie Klees sieben Nachbarn. Hilfeschreie waren zu hören. Josef Klees hatte Todesangst mit seiner Familie. Seine Frau beschreibt, wie ständig Sachen gegen das Haus krachten, Autos, Bäume, Gastanks. „Dong“ habe es gemacht, wenn sie gegen die Eisenschutzgitter an den Fenstern unten stießen. „Das hat sich jedes Mal angehört wie ein Glockenschlag.“

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