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Bäckerin auf Gesellenwalz : Work and Travel mal anders

  • -Aktualisiert am

Lucia Hufnagel präsentiert sich und ihr Brot vor der Kamera. Bild: F.A.S.

Lucia Hufnagel schläft auf Parkbänken, reist per Anhalter und versteht sich aufs Backen. Sie ist freireisende Bäckerin und eine der wenigen Frauen, die die Tradition der Gesellenwalz wiederbeleben.

          Zum Aufnahmeritual gehörten drei Gläser Schnaps. Mit dem ersten desinfizierten die anderen Wandergesellen eines von Lucias Ohrläppchen, mit dem zweiten einen Nagel. Das dritte Glas musste sie trinken. Dann legte sie ihren Kopf auf eine hölzerne Türschwelle; eine Gesellin hielt ihn fest, und ein Geselle schlug den Nagel durch das Ohrläppchen ins Holz. Damit hatte meine Schwester sich regelrecht auf die Regeln der Wandergesellen festnageln lassen; sie war jetzt offiziell eine von ihnen.

          Heute baumelt von ihrem rechten Ohr ein Törtchen-Anhänger an einem Silberring; alle Wandergesellen tragen als Erinnerung an den Moment der Initiation einen Ohrring. „Klassisch wäre ein goldener“, erklärt Lucia. „Damit wurde der Totengräber bezahlt, wenn man als Fremder in der Fremde starb.“ Die 25-Jährige ist freireisende Bäckerin und seit dem Frühjahr 2016 unterwegs, als eine der wenigen Frauen auf der Walz.

          Das bedeutet, drei Jahre und einen Tag lang darf sie den Bannkreis von 50 Kilometern um Würzburg, wo sie die Lehre gemacht hat, nicht betreten. Einen weiteren Bannkreis hat sie um ihren Heimatort gezogen, Ansbach in Mittelfranken. Ohne Handy, festen Wohnsitz und mit nur wenigen Euro Bargeld in der Tasche reist Lucia durch Deutschland und Europa und darf dabei im deutschsprachigen Raum für Unterkunft und Transport nicht selbst bezahlen. „Ich wohne auf der Straße, auch wenn ich die meiste Zeit nicht dort übernachte“, fasst sie zusammen.

          In der Gruppe macht das Wandern viel mehr Spaß.

          Wir in der Familie hören oft wochen- oder sogar monatelang nichts von ihr. Auf E-Mails meldet sie sich selten zurück, ist ja auch schwierig ohne Handy. Dafür kann es vorkommen, dass sie auf einmal mit zwei wilden Gesellen vor meiner Wohnungstür in Frankfurt steht, weil es auf ihrer Strecke liegt. Oder meine Mutter erhält per Post die Lokalzeitung aus dem brandenburgischen Britz, in der sie porträtiert wird.

          Wie Lucia aussieht, nennt sich „zünftig“, und zwar in seiner ursprünglichen Bedeutung: als Ausweis ihrer Zugehörigkeit zu einer Zunft. Das hüftlange hellbraune Haar hat sie unter dem schwarzen Hut zum Zopf geflochten. Zur schwarzen Hose aus dickem Pilotstoff trägt sie eine weiße Bluse. Ihre Weste und die schwere Jacke zieren Aufnäher mit Karomuster, das sie als Bäckerin kennzeichnet. Insgesamt 24 Taschen befinden sich in Jacke, Hose und Weste. Daraus holt sie nach Bedarf unterwegs eine laminierte Deutschlandkarte, Handschuhe, ein Taschenmesser oder eine Trinkflasche hervor. Mit 1,63 Metern ist Lucia nicht gerade groß und dazu eher zierlich. Durch die Gesellenkluft erscheint sie burschikoser. „Es ist mir schon passiert, dass Leute im Auto erstaunt waren, weil sie erst gedacht hatten, ich sei ein Mann“, erzählt sie.

          Ausbildung in einer Vollkornbäckerei in Würzburg

          Was sie ebenfalls immer wieder hört: „Also, ich würde das meiner Tochter ja nicht erlauben!“ Und tatsächlich: „Ich wünsche es keiner Mutter“, sagt unsere eigene Mutter dazu. Sie, 56 und Ärztin, hat lange mit dem Wunsch meiner Schwester gehadert. Am Ende war Lucias Begeisterung für das geheimnisvolle Brauchtum stärker, und sie musste sie ziehen lassen.

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