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„Dein Kind auch nicht“ : Wie Eltern ihren Kindern die Privatsphäre rauben

  • -Aktualisiert am

Mit Aufnahmen wie diesen macht Toyah Diebel darauf aufmerksam, wie wenig Eltern die Privatsphäre ihrer Kinder im Netz achten. Bild: Instagram: toyahgurl, Fotografin: Delia Baum

Instagram ist die Plattform des Schönen und Perfekten. Ein Foto mit verschmiertem Mund, im Tiefschlaf oder gar auf der Toilette? Undenkbar. Zumindest bei Erwachsenen. Bei Kindern sieht das anders aus. Ein Interview.

          Sucht man bei Instagram nach dem Hashtag „Kids“ werden einem, Stand 28. März, fast 72 Millionen Beiträge angezeigt. Tendenz täglich steigend. Die Profile von Eltern-Bloggern boomen, ihnen folgen Tausende, bei den Spitzenreitern sogar Millionen Menschen, die am Alltag der Familien teilhaben. Mit Babybrei verschmierte Gesichter? Wie süß. Schreiende Kinder? Die kennen wir doch alle. Und der erste Gang aufs Töpfchen? Was für ein Meilenstein! Die Instagram-Gemeinde feiert mit. Zumindest mit den Eltern, die Kinder wissen ja nichts von ihrer Prominenz.

          Genau dagegen geht nun Toyah Diebel vor. Die Bloggerin startete eine Internet-Kampagne, die für mehr Sensibilität im öffentlichen Umgang mit Kindern wirbt. Dafür greift sie zu einem drastischen Mittel: der Realität. Sie stellt die unangenehmen Bilder mit erwachsenen Protagonisten nach. Die Kampagne hat sie selbst finanziert und setzt sie mithilfe von Freunden wie dem Schauspieler Wilson Gonzalez Ochsenknecht um, ist klar: Kinder sollen ihrer Privatsphäre im Netz nicht beraubt werden.

          Frau Diebel, warum machen Sie sich für Kinderrechte im Netz stark?

          Mir selbst ist es wahnsinnig wichtig, immer die Kontrolle darüber haben zu können, welche Bilder ich ins Netz lade und welche nicht. Wenn ich Bilder von mir sehe, die ich nicht selbst hochgeladen habe, die ich nicht selbst gemacht habe und von deren Aufnahme ich auch nichts weiß, dann stört mich das. Da hab ich mich gefragt, wie es sein kann, dass so viele Kinder auf Instagram sind und gepostet werden, weil die ja offensichtlich auch nicht über die Konsequenzen Bescheid wissen.

          Was genau ist das Ziel Ihrer Kampagne?

          Ich würde mir wünschen, dass jeder, der unbedingt ein Bild seines Kindes posten möchte, sich vorher fragt: Warum poste ich dieses Bild? Hat es einen Mehrwert für mein Kind? Und vor allem: Ist die Privatsphäre meines Kindes auf diesem Bild geschützt? Wenn das nicht der Fall ist, dann bitte dieses Bild einfach nicht posten!

          Haben Sie besonders schockierende Aufnahmen im Kopf, die Sie letztendlich zu der Kampagne inspiriert haben?

          Es gibt zwei Kategorien von Bildern, die ich schlimm finde. Das sind einmal die, auf denen die Privatsphäre gestört wird. Das sind nackte oder weinende Babys oder verschmierte Kinder. Eigentlich die Motive, die wir nachgestellt haben. Dann gibt es die Szenen, die offensichtlich inszeniert sind. Die müssen nicht unbedingt in Verbindung mit einer Kooperation stehen – das würde dem Ganzen  aber noch die Krone aufsetzen. Es sind Bilder, auf denen das Kind drapiert worden ist. Sprich: Wenn ich ein Kind situativ fotografiere. Wenn es gerade an einer Blume riecht, dann ist das die eine Sache. Wenn ich das Kind aber hinstelle und ihm eine Blume in die Hand gebe und sage „Guck mal in die Kamera“, dann ist es inszeniert. Das finde ich schwierig. Das Schlimmste sind aber definitiv die Bilder, auf denen Kinder in lolitaesken Posen dargestellt oder inszeniert werden. Die dann auch theoretisch von irgendwelchen Menschen in einen sexuellen Kontext gebracht werden könnte.

          Gibt es in Ihrem Freundeskreis ebenfalls Personen, die ihre Kinder bei Instagram posten?

          Ich habe eher Bekannte, die ihre Kinder auch posten. Weniger Mama-Blogger, aber Leute, die einen privaten Account mit 600 oder 700 Followern haben. Da denke ich mir: „Würdest du bei jedem von denen deine Hand ins Feuer legen?“ Ich finde man sollte immer darüber nachdenken, ob es irgendeine Person auf dieser Welt gibt, von der ich nicht möchte, dass sie dieses Bild sieht. Wenn diese Person existiert, dann darf ich das Bild nicht öffentlich posten.

          Haben diese Bekannten auf Ihre Kampagne reagiert?

          Ja. Es gibt eine Dame in Berlin, die bei Instagram relativ erfolgreich ist, und die ihr Kind postet. Die macht sonst ganz tolle Sachen, aber in der Hinsicht macht sie ziemlich viel falsch. Sie sieht überhaupt nicht ein, warum sie ihr Kind nicht in ihren Alltag einbinden sollte und zeigt ihr Kind zum Beispiel, wenn sie es stillt. Das finde ich an sich eine tolle Sache! Eine Frau sollte immer und überall auf der Welt ihr Kind stillen dürfen. Aber wenn man das Gesicht des Kindes sieht, dann ist da ein zweiter Mensch involviert, der es vielleicht irgendwann nicht cool findet, dass so etwas im Internet ist. Das finde ich nicht nur unfair gegenüber dem zweiten Menschen, sondern auch nicht rechtens.

          Sind Sie bei der Konzeption Ihres Shootings so vorgegangen, dass Sie Motive gesucht haben, die Sie im Netz stören?

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