https://www.faz.net/-gum-9lcbe

„Dein Kind auch nicht“ : Wie Eltern ihren Kindern die Privatsphäre rauben

  • -Aktualisiert am

Ich habe überlegt, wie man auf das Thema hinweisen kann, ohne dass man Kinder benutzt. Es wäre ja paradox eine solche Kampagne zu starten und Kinder zu zeigen. Ich bin dann relativ schnell auf die Idee gekommen, die Szenen als Erwachsene nachzustellen, weil es eben noch viel absurder ist. Außerdem kann man sich so besser in die Situation hineinfühlen und spüren, ob das eine Situation ist, die einem anderen Menschen peinlich werden könnte.

Das haben Sie beim Shooting ja tatsächlich ausprobiert und selbst vor der Kamera gestanden. Waren Ihnen die Posen unangenehm?

Ich hab mich definitiv unwohl gefühlt. Wer lässt sich denn schon gerne nackt auf dem Töpfchen fotografieren beziehungsweise wer zieht sich überhaupt gerne für ein Foto aus? Ich kann auch von mir sagen, dass es mich wahnsinnig stört, wenn mich jemand schlafend fotografiert. Ich habe da keine Kontrolle über meine Mimik und es ist ein unschuldiger, reiner Moment, von dem ich nicht möchte, dass den jemand sieht. Mich stört es sogar, wenn mein Freund dann Fotos von mir macht, obwohl er das süß findet. Ich fühle mich da meiner Privatsphäre beraubt.

Sie haben es beim Shooting mit dem Spuckefaden im Mundwinkel ja noch einmal auf die Spitze getrieben.

Genau, wenn man schläft, weiß man nicht, was gerade mit dem Gesicht passiert. Da kann es dann schon einmal sein, dass man sabbert oder man einfach doof aussieht.

Das können ja eigentlich alle nachfühlen. Und man weiß auch um die Gefahren, die Sie benennen. Trotzdem sind Kinderfotos im Netz so beliebt. Wie kommt das?

Ich glaube, das ist ähnlich wie mit Hundewelpen und Babykatzen. Das ist einfach süß. Nur weil ich diese Kampagne mache bedeutet es nicht, dass ein Kinderfoto weniger süß ist. Das Problem ist aber, dass die Persönlichkeitsrechte verletzt oder nicht respektiert werden. Das ist das Schwierige daran.

Sie sprechen mit dem Persönlichkeitsrecht eines der Grundrechte an. Wünschen Sie sich eine Reaktion der Politik auf diese Kampagne oder haben Sie schon eine bekommen?

Also ich sehe vor allem die Betreiber der Plattform in der Pflicht etwas zu tun. Es kann nicht sein, dass im Grundgesetz steht, dass jeder Mensch ein Recht auf Privatsphäre hat – außer auf Instagram oder in anderen sozialen Medien. Ich verstehe auch nicht, dass ich als erwachsene Frau meine Nippel zeigen möchte und das nicht darf. Ein solches Bild wird innerhalb kürzester Zeit gesperrt. Wenn ich aber mein nacktes und vollgekotztes Baby auf dem Töpfchen fotografiere, dann ist das okay? Das macht keinen Sinn.

Wenn man sich die Instagram-Richtlinien ansieht, findet man die Rubrik „Hilfe für Eltern“. Allerdings erklären diese nur, wie Eltern ihre Kinder kontrollieren könne. Der Umgang mit Kindern im Netz wird nicht erwähnt.

Richtig. Man geht davon aus, dass Eltern wissen, was das Richtige für das Kind ist und dass sie ihren Kindern nicht schaden, wenn sie etwas posten. Das Problem ist nur, dass Kinder zu haben nicht automatisch bedeutet, dass man das Richtige tut oder Medienkompetenz hat. Das steht in keinem Zusammenhang. Deshalb finde ich es total merkwürdig, dass man einen 14 Jahre alten Menschen fragen muss, ob man ein Bild von ihm hochladen darf – vorher aber nicht. Da kann ich als Elternteil posten, was ich möchte.

Bekommen Sie negative Kommentare oder gar den Hass stolzer Eltern zu spüren?

Hauptsächlich bekomme ich tatsächlich positives Feedback. Aber wie bei jedem kontroversen Thema gibt es auch Gegenwind. Das ist auch gut, denn Gegenwind bedeutet, dass man diskutiert. Und eine Diskussion ist bei diesem Thema wahnsinnig wichtig. Lustigerweise kommt der Gegenwind hauptsächlich von Menschen, die ihre Kinder selbst posten (lacht). Denen gefällt die Kampagne natürlich nicht. Welches Elternteil oder generell welcher Mensch wird gerne kritisiert? Keiner. Und gerade wenn es um die eigene Erziehung geht, ist das ein Tabuthema. Bei Kritik an der eigenen Erziehung müsste man sich ja eingestehen, dass man etwas falsch macht. Dieser Schritt der Selbsterkenntnis tut glaub ich ziemlich weh.

Wie sieht es mit Instagram aus? Haben die Betreiber auf Ihre Kampagnenfotos reagiert?

Ich hab als erstes das Bild hochgeladen, auf dem ich an der Brust hänge. Der nackte Nippel wurde verpixelt, weil ich mir schon dachte, dass das Bild gelöscht wird – absurderweise. Trotzdem wurde das Bild ungelogen innerhalb von zwei Minuten gelöscht.

Topmeldungen

„Mehr in Frankreich produzieren“: Emmanuel Macron besucht eine Schutzmaskenfabrik in Saint-Barthelemy-d’Anjou in der Nähe von Angers.

Macrons neuer Protektionismus : Patrioten leben jetzt von Bordeaux und Camembert

Hat ein Amerikaner auf einem chinesischen Rollfeld eine für Frankreich bestimmte Ladung Schutzmasken umgelenkt, indem er die dreifache Summe bot? Jedenfalls stützt die Geschichte Macrons neue Maxime, dass Frankreich mehr selbst produzieren muss.

Amerika gegen Iran : Diesem Konflikt ist kein Virus gewachsen

Die Spannungen zwischen Washington und Teheran nehmen ungeachtet der weltweiten Corona-Pandemie weiter zu. Im Zentrum steht dabei derzeit der Irak. Die Botschaft aus dem Weißen Haus aber geht darüber hinaus: Amerika bleibt handlungsfähig.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.