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Trauerbewältigung : Kiste für Kiste ein Abschied

  • -Aktualisiert am

„35 unbespielte Tonbänder, trocken gelagert“: Seit mehr als vier Jahren verkauft die Witwe die umfangreiche Tontechnik ihres Mannes. Bild: Jens Gyarmaty

Was tun mit einem Nachlass, der einen an glückliche Jahre erinnert, aber einen ganzen Keller füllt? Die Geschichte einer Frau, die das Vermächtnis ihres Mannes Stück für Stück in die Welt verteilt.

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          Sie sitzen zusammen, seine Ehefrau, seine Enkelkinder, seine Tochter und sein Schwiegersohn, und er fehlt. Ein Foto von ihm steht am Kopf des Tisches, da, wo er immer saß. Sie trinken Wein, sie essen Braten, so wie sie es gemacht haben, als er noch mit dabei war. Sie lachen, denken daran, wie er sich immer noch von jeder Portion des anderen den Fettrand, den keiner wollte, mit seiner Gabel gepickt hat. Tränen mischen sich unters Lachen, merkwürdig amüsierte, freudige Tränen. Mit traurigen Augen fragt sie: Hätte er mehr Gemüse essen sollen?

          Unten im Studiokeller, ein Stockwerk tiefer in dem großen Haus, da war sein Reich. Und sein Kühlschrank. Pralinen, guter Wein. So war das. Einmal aß er an nur zwei Abenden einen fünfzig Zentimeter langen Räucheraal. Nur das feine Gerippe am nächsten Tag oben im Küchenmüll verriet es ihr. Seine Enkelin hatte ihm den Fisch von der Ostsee, wo er während des Zweiten Weltkriegs als kleiner Junge mit seiner Familie evakuiert war, mitgebracht.

          Der Braten ist aufgegessen. Sie gehen zusammen hinunter in die 120 Quadratmeter unter der Erde. Alles ist mit tannengrünem Teppich ausgelegt, wie oben auch, lautlose Schritte. An den wenigen freien Stellen der holzvertäfelten Wände hängen Fotos der Familie: der Sohn, die Tochter, die vier Enkelkinder in coolen Posen und sie mit ihm in den achtziger Jahren beim halbnackten Sonnenbaden im eigenen Garten. Komisch, jetzt ist er weg, einfach so, sagt sein Enkel.

          Immer lief irgendwo Musik

          Das große Haus, das sie Ende der siebziger Jahre bauen ließen, der Garten mit Laube, Teich, Kastanie, sein Nachlass. Alles noch da, wie er es verließ. Was er zurücklässt, ist so gewaltig, dass seine Frau darüber manchmal nur den Kopf schüttelt, während sie durch seine Räume im Keller streift. Alles voller Musik. Bei ihnen lief immer irgendetwas. Vor allem hier unten. Ella Fitzgerald, Billie Holiday. Er ist 1935 geboren, Musik seiner Jugend. Ihre Stimmen tönten aus jeder Ecke, ständig. Das beruhigte sie. Er war zu Hause.

          Nun ist es still.

          Sie erinnert sich an sein Zimmer im Elternhaus, damals, Anfang der sechziger Jahre, als sie und er sich kennenlernten: Kabel und Aufnahmegeräte.

          Ein Mikrofon war nicht genug. Auf Nachfrage konnte der Mann erklären, warum jedes einzelne Stück einen Platz in seiner Sammlung verdient hatte.
          Ein Mikrofon war nicht genug. Auf Nachfrage konnte der Mann erklären, warum jedes einzelne Stück einen Platz in seiner Sammlung verdient hatte. : Bild: Jens Gyarmaty

          Ein paar Jahrzehnte später: Mikrofone, Lautsprecher, Plattenspieler, Tonbandgeräte, Spulen, Tonbänder, Schallpegelmessgeräte – in zehnfacher, teilweise hundertfacher Ausführung. Alles in sein 1979 angelegtes System sortiert.

          Fragte man ihn, konnte er von jedem einzelnen Teil sagen, welche Berechtigung es in seiner Sammlung hat. Tonband behutsam einfädeln, Knopf an, Gesang. Quittung aufbewahren, wichtig! - Garantie für das schicke Radio unter „R“ abheften. Neues Mikrofon auspacken. Das andere einpacken, verstauen. Anschließen. Test - Test - Test. Tonband wechseln. Immer wieder.

          Damit war er stundenlang beschäftigt. Werkelte, kramte, probierte aus, genoss. Die Enkelkinder und seine Katze waren okay, sie alle sagten ja nicht groß etwas. Auch sie, seine Frau, war natürlich erlaubt, nur nicht, wenn sie aussortieren wollte. Wegschmeißen, verschenken, verkaufen? Das fragte sie ihn manchmal. Ausmisten, das müsste man doch mal. Nur kam das für ihn nie in Frage. Das sind meine Sachen, sagte er dann. Akribie eines Sammlers.

          Was tun mit den Dingen?

          Ihn interessierten die neuesten Technologien, aber auch die alten behielten ihren Wert. Es spielte keine Rolle, dass es schon drei Plattenspieler gab, ein vierter und fünfter kamen dazu. Sie glaubt, dass er mit all den Geräten unbewusst unsterblich werden wollte.

          Was nun tun mit den Dingen von eurem Opa, eurem Vater? Diese Frage muss geklärt werden. Als er lebte, hatten sie nicht drüber gesprochen. Man spricht nicht vom Tod, wenn er nicht unmittelbar bevorsteht.

          Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs. Automatisch zählen die Enkel in Gedanken mit, als sie an den einzeln beleuchteten Vitrinen, in denen die Mikrofone aufgereiht sind, entlanglaufen. Vergebens. Wenn die Augen nicht schnell genug mitziehen, verliert man den Überblick.

          Sie weiß aus dem Kopf, wie viele da stehen. Wochenlang hat sie gezählt und Listen geschrieben, eine Excel-Tabelle erstellt, fein säuberlich mit der Hilfe von Fachmännern und eigenen Recherchen. 104 Stück.

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          Der Gang durch den Keller ist wie der durch ein Museum für Tontechnik, durch das sie wie die Führerin des Hauses schreitet, in dem sie den Inhalt höchstpersönlich kuratiert hat. Jede Wand säumen meterlange Einbauschränke aus furniertem Holz. Auf einige der Tonbandgeräte hat sie schützend Küchenhandtücher gelegt. Sie lacht, als sie eines davon sanft anhebt und über die Armatur fährt. Wenn er wüsste, dass auf seinen teuren Geräten heute diese Staubfänger liegen, sagt sie.

          In manchen von ihnen sind Bänder eingelegt, bespielte aus den Siebzigern, Achtzigern, Neunzigern und so weiter. Sie drückt auf einen Knopf, wartet, lauscht aufmerksam dem fiependen Geräusch, dem Zeichen, dass sich die Elektronik aufwärmt. Dann drückt sie behutsam die Taste daneben. Musik. Der Takt pendelt sich ein, das Band kommt langsam in Fahrt.

          Sie wiegt ihren Körper, unmerklich, doch man erkennt eine leichte Bewegung. Ein Mann beginnt, mit gurgelnder Stimme zu singen. Country-Musik nennt sie den Klang, solchen, den man vor vierzig Jahren gehört hat. Und Klassik, das war seine Musik. Sie stellt sich vor zwei der riesigen Boxen, die auf einem der Kelim-Teppiche in der Mitte des Raums stehen.

          Heute ist Basar. Kinder und Enkel dürfen durch den Nachlass stöbern. Nicht graben, bitte, die Ordnung muss bleiben, und nicht alles, das Wertvollste darf nicht mitgenommen werden, sagt sie. Braucht jemand ein Mischpult? Adapter? Mehrfachsteckdosen? Unzählige baumeln über ihrem Arm. Kugelschreiber? Hunderte in einer Schublade. Vieles von dem, was er über Jahrzehnte gesammelt hat, findet jetzt ein neues Zuhause in der eigenen Familie. Das beruhigt sie.

          Enkel und Kinder helfen am Computer

          Aber was ist mit dem Rest? Im Internet verkaufen, schlagen die Kinder vor. So unpersönlich! Ist das nicht unwürdig? Er mochte das Internet nicht, sie schon. Vielleicht ist das aber der beste Weg?

          Sie beginnt, Fotos zu machen. Die erste Anzeige. „Schönes Vintage-Tonbandgerät, sehr gut erhalten, Automatik, integrierte Lautsprecher, Riemenantrieb, Telefunken.“

          Enkel und Kinder helfen am Computer. Andere Rentner lernen Sprachen, sie das Versteigern im Internet. Es wird geboten, sie beantwortet Fragen, sie packt ein, verklebt, verschickt.

          In der linken Ecke des alten Kinderzimmers stapeln sich Kartons und Schachteln – rechteckige, quadratische, runde, flache, hohe –, für jede Form etwas Passendes. Auf dem langen Tisch am Fenster liegt ein Pegelmessgerät, so drapiert, wie es am besten fotografiert werden kann. Ohne Schatten, ohne Reflexion, bestmögliche Verkaufswahrscheinlichkeit. Sie ist mittlerweile Profi. Ihre Anzeigen werden mit vielen Sternchen gelobt. Pünktlich, sorgfältig, zuverlässig.

          Ich kann heute leider nicht, sagt sie am Telefon zur Schwiegertochter, eventuell nur kurz, bevor ich zur Post gehe, ich bin etwas im Stress, drei Pakete müssen heute noch weg.

          Nun verteilt die Frau den Nachlass ihres Mannes in die ganze Welt, aber nicht jeder potentielle Käufer ist ihr gut genug für ein Teil von ihm.
          Nun verteilt die Frau den Nachlass ihres Mannes in die ganze Welt, aber nicht jeder potentielle Käufer ist ihr gut genug für ein Teil von ihm. : Bild: Jens Gyarmaty

          Auf abgehefteten Blättern stehen Notizen zu jedem Stück, detailliert eruierte Informationen - Maße, Baujahr, Seriennummer. Es mag noch so klein sein, sie will jedem einzelnen Teil gerecht werden. Die Kinder sind lange aus dem Haus, die Enkel groß, der Mann ist weg, die Technik bleibt.

          Die „Nagra“ war neulich bei der Reparatur. Tonbänder von „BASF“, ja, davon liegen unzählige unten. „Saba“. „Revox“. „Brüel & Kjaer“. Die Familie nickt. NAB-Adapter. Alu-Wickelteller für Studiobänder. XLR. Scart. Audio-Kabel. Großtuchel, Kleintuchel, Dreifachstecker rot, Einfachstecker gelb. Sie liest alles von ihren Zetteln ab. Skizzen helfen ihr, Hunderte Kabel auseinanderzuhalten. Als wäre hier ein Fachhandel für Elektriker gewesen, hängen sie ohne einen einzigen Knoten über extra dafür konzipierte Vorrichtungen. Wer braucht davon so viel? Ihre Enkel schütteln ungläubig den Kopf. Alles von ihm hatte seinen Sinn, sagt sie.

          Kennt ihr die Band?, fragt sie bei Kaffee und Kuchen. Sie zeigt den Enkeln ein Bild einer Musikgruppe auf dem iPad. Mögt ihr, was die machen? Der Gitarrist hat Interesse angemeldet. Sie tippt Namen und Adresse der Interessenten ins Internet ein. Das macht sie immer so. Dann schaut sie per Satellit, ob dieser Ort ein gutes neues Zuhause wäre. Nicht jeder darf haben, was ihr Mann liebte.

          „Altes, sehr gut erhaltenes Kofferradio aus Tonstudio, sehr gepflegter Zustand, Liebhaberstück, Jahrgang 1978.“

          Ein herzliches Dankeschön per Mail aus der Ferne. Nette Menschen, sagt sie. China, Schweden, Japan. Amerika, Ungarn, England. Sie verstreut ihn in die Welt.

          Die Vergangenheit zieht in Tönen an ihr vorbei

          Schwer wird es dann, wenn sie sich durch die einzelnen Tonbänder hört, die hier unten lagern. Ihr Mann hat sie über Jahrzehnte hinweg bespielt. Musik, Gespräche, Tontests. Durch diese Kisten voller aufgewickelter Spulen muss sie sich auch kämpfen. In Tönen zieht die Vergangenheit dann an ihr vorbei. In diesen Momenten überwältigen sie nicht nur die Stapel vor sich, sondern auch die Bilder eines gemeinsamen Lebens. Tränen. Dann verabscheut sie all diese Rationalität, die ihren Alltag jetzt ausmacht.

          Das große, hölzerne Radio behalte ich, sagt sie. „Spitze erhaltene Studiolautsprecher, direkt aus Tonstudio, Original, geprüft, gepflegter Zustand, Jahrgang 1970.“

          Wieder drückt sie die Taste eines Plattenspielers. Sidney Bechets Klarinette spielt „Petite Fleur“. Dann Bob Dylans „Forever Young“. Sie sieht, wie sie sich erstmals begegnen, zum ersten Mal tanzen, mit einem Bus durch Deutschland touren - Tonaufnahmen auch im Urlaub - oder auf dem eigenen Segelboot.

          Nix da, niemand bleibt für immer jung, denkt sie schnell. Ab zurück nach oben. Sie verpackt den portablen Lautsprecher, der muss heute dringend weg.

          Eingepackt für die Post: Tonträger mit Mitschnitten aus dem Radio
          Eingepackt für die Post: Tonträger mit Mitschnitten aus dem Radio : Bild: Jens Gyarmaty

          Nach vier Jahren könnte man nun sagen, der Keller ist leer. Ist er aber nicht. Seit einiger Zeit laufen die Verkäufe schleppend. Das hat Sinn, sagt sie, damit das alles nicht so schnell vorbeigeht.

          Die 300. Anzeige: „35 unbespielte Tonbänder, trocken gelagert, BASF.“

          Vergangenheitsbewältigung durch Verkaufswahnsinn. Und Ablenkung. Braunes Klebeband, Kartons, Post, Porto. Und immer noch muss sie zurück zu all dem, was sie nicht loslässt und ihn nicht gehen lässt. Ein Tonband. Auf dem Karton steht 1955. Das Gerät fährt hoch, wieder das Fiepen. Erwartungsvoll hört sie. Nichts. Dann ein Motorengeräusch, ein Bremsen, ein Beschleunigen. Und dann seine Stimme - ewig in das Magnetband geprägt: Ich nehme Fahrgeräusch auf - ich biege um die Ecke - unter mir liegt die Autobahn - ich fahre Richtung Wald - ich nehme den Gesang der Nachtigall auf.

          Das „Schlagen“ der Nachtigall. Richtig! Das mochte er. Manchmal, wenn es dunkel wird, probiert sie es auch: den Vogel heraushören. Ihm gelang das, er hatte ein feines Gehör.

          Sie stellt das Gerät aus. Und wieder ist es still.

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