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Trauerbewältigung : Kiste für Kiste ein Abschied

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Die „Nagra“ war neulich bei der Reparatur. Tonbänder von „BASF“, ja, davon liegen unzählige unten. „Saba“. „Revox“. „Brüel & Kjaer“. Die Familie nickt. NAB-Adapter. Alu-Wickelteller für Studiobänder. XLR. Scart. Audio-Kabel. Großtuchel, Kleintuchel, Dreifachstecker rot, Einfachstecker gelb. Sie liest alles von ihren Zetteln ab. Skizzen helfen ihr, Hunderte Kabel auseinanderzuhalten. Als wäre hier ein Fachhandel für Elektriker gewesen, hängen sie ohne einen einzigen Knoten über extra dafür konzipierte Vorrichtungen. Wer braucht davon so viel? Ihre Enkel schütteln ungläubig den Kopf. Alles von ihm hatte seinen Sinn, sagt sie.

Kennt ihr die Band?, fragt sie bei Kaffee und Kuchen. Sie zeigt den Enkeln ein Bild einer Musikgruppe auf dem iPad. Mögt ihr, was die machen? Der Gitarrist hat Interesse angemeldet. Sie tippt Namen und Adresse der Interessenten ins Internet ein. Das macht sie immer so. Dann schaut sie per Satellit, ob dieser Ort ein gutes neues Zuhause wäre. Nicht jeder darf haben, was ihr Mann liebte.

„Altes, sehr gut erhaltenes Kofferradio aus Tonstudio, sehr gepflegter Zustand, Liebhaberstück, Jahrgang 1978.“

Ein herzliches Dankeschön per Mail aus der Ferne. Nette Menschen, sagt sie. China, Schweden, Japan. Amerika, Ungarn, England. Sie verstreut ihn in die Welt.

Die Vergangenheit zieht in Tönen an ihr vorbei

Schwer wird es dann, wenn sie sich durch die einzelnen Tonbänder hört, die hier unten lagern. Ihr Mann hat sie über Jahrzehnte hinweg bespielt. Musik, Gespräche, Tontests. Durch diese Kisten voller aufgewickelter Spulen muss sie sich auch kämpfen. In Tönen zieht die Vergangenheit dann an ihr vorbei. In diesen Momenten überwältigen sie nicht nur die Stapel vor sich, sondern auch die Bilder eines gemeinsamen Lebens. Tränen. Dann verabscheut sie all diese Rationalität, die ihren Alltag jetzt ausmacht.

Das große, hölzerne Radio behalte ich, sagt sie. „Spitze erhaltene Studiolautsprecher, direkt aus Tonstudio, Original, geprüft, gepflegter Zustand, Jahrgang 1970.“

Wieder drückt sie die Taste eines Plattenspielers. Sidney Bechets Klarinette spielt „Petite Fleur“. Dann Bob Dylans „Forever Young“. Sie sieht, wie sie sich erstmals begegnen, zum ersten Mal tanzen, mit einem Bus durch Deutschland touren - Tonaufnahmen auch im Urlaub - oder auf dem eigenen Segelboot.

Nix da, niemand bleibt für immer jung, denkt sie schnell. Ab zurück nach oben. Sie verpackt den portablen Lautsprecher, der muss heute dringend weg.

Eingepackt für die Post: Tonträger mit Mitschnitten aus dem Radio
Eingepackt für die Post: Tonträger mit Mitschnitten aus dem Radio : Bild: Jens Gyarmaty

Nach vier Jahren könnte man nun sagen, der Keller ist leer. Ist er aber nicht. Seit einiger Zeit laufen die Verkäufe schleppend. Das hat Sinn, sagt sie, damit das alles nicht so schnell vorbeigeht.

Die 300. Anzeige: „35 unbespielte Tonbänder, trocken gelagert, BASF.“

Vergangenheitsbewältigung durch Verkaufswahnsinn. Und Ablenkung. Braunes Klebeband, Kartons, Post, Porto. Und immer noch muss sie zurück zu all dem, was sie nicht loslässt und ihn nicht gehen lässt. Ein Tonband. Auf dem Karton steht 1955. Das Gerät fährt hoch, wieder das Fiepen. Erwartungsvoll hört sie. Nichts. Dann ein Motorengeräusch, ein Bremsen, ein Beschleunigen. Und dann seine Stimme - ewig in das Magnetband geprägt: Ich nehme Fahrgeräusch auf - ich biege um die Ecke - unter mir liegt die Autobahn - ich fahre Richtung Wald - ich nehme den Gesang der Nachtigall auf.

Das „Schlagen“ der Nachtigall. Richtig! Das mochte er. Manchmal, wenn es dunkel wird, probiert sie es auch: den Vogel heraushören. Ihm gelang das, er hatte ein feines Gehör.

Sie stellt das Gerät aus. Und wieder ist es still.

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