https://www.faz.net/-gum-89nan

Trauerbewältigung : Kiste für Kiste ein Abschied

  • -Aktualisiert am

Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs. Automatisch zählen die Enkel in Gedanken mit, als sie an den einzeln beleuchteten Vitrinen, in denen die Mikrofone aufgereiht sind, entlanglaufen. Vergebens. Wenn die Augen nicht schnell genug mitziehen, verliert man den Überblick.

Sie weiß aus dem Kopf, wie viele da stehen. Wochenlang hat sie gezählt und Listen geschrieben, eine Excel-Tabelle erstellt, fein säuberlich mit der Hilfe von Fachmännern und eigenen Recherchen. 104 Stück.

Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

Mehr erfahren

Der Gang durch den Keller ist wie der durch ein Museum für Tontechnik, durch das sie wie die Führerin des Hauses schreitet, in dem sie den Inhalt höchstpersönlich kuratiert hat. Jede Wand säumen meterlange Einbauschränke aus furniertem Holz. Auf einige der Tonbandgeräte hat sie schützend Küchenhandtücher gelegt. Sie lacht, als sie eines davon sanft anhebt und über die Armatur fährt. Wenn er wüsste, dass auf seinen teuren Geräten heute diese Staubfänger liegen, sagt sie.

In manchen von ihnen sind Bänder eingelegt, bespielte aus den Siebzigern, Achtzigern, Neunzigern und so weiter. Sie drückt auf einen Knopf, wartet, lauscht aufmerksam dem fiependen Geräusch, dem Zeichen, dass sich die Elektronik aufwärmt. Dann drückt sie behutsam die Taste daneben. Musik. Der Takt pendelt sich ein, das Band kommt langsam in Fahrt.

Sie wiegt ihren Körper, unmerklich, doch man erkennt eine leichte Bewegung. Ein Mann beginnt, mit gurgelnder Stimme zu singen. Country-Musik nennt sie den Klang, solchen, den man vor vierzig Jahren gehört hat. Und Klassik, das war seine Musik. Sie stellt sich vor zwei der riesigen Boxen, die auf einem der Kelim-Teppiche in der Mitte des Raums stehen.

Heute ist Basar. Kinder und Enkel dürfen durch den Nachlass stöbern. Nicht graben, bitte, die Ordnung muss bleiben, und nicht alles, das Wertvollste darf nicht mitgenommen werden, sagt sie. Braucht jemand ein Mischpult? Adapter? Mehrfachsteckdosen? Unzählige baumeln über ihrem Arm. Kugelschreiber? Hunderte in einer Schublade. Vieles von dem, was er über Jahrzehnte gesammelt hat, findet jetzt ein neues Zuhause in der eigenen Familie. Das beruhigt sie.

Enkel und Kinder helfen am Computer

Aber was ist mit dem Rest? Im Internet verkaufen, schlagen die Kinder vor. So unpersönlich! Ist das nicht unwürdig? Er mochte das Internet nicht, sie schon. Vielleicht ist das aber der beste Weg?

Sie beginnt, Fotos zu machen. Die erste Anzeige. „Schönes Vintage-Tonbandgerät, sehr gut erhalten, Automatik, integrierte Lautsprecher, Riemenantrieb, Telefunken.“

Enkel und Kinder helfen am Computer. Andere Rentner lernen Sprachen, sie das Versteigern im Internet. Es wird geboten, sie beantwortet Fragen, sie packt ein, verklebt, verschickt.

In der linken Ecke des alten Kinderzimmers stapeln sich Kartons und Schachteln – rechteckige, quadratische, runde, flache, hohe –, für jede Form etwas Passendes. Auf dem langen Tisch am Fenster liegt ein Pegelmessgerät, so drapiert, wie es am besten fotografiert werden kann. Ohne Schatten, ohne Reflexion, bestmögliche Verkaufswahrscheinlichkeit. Sie ist mittlerweile Profi. Ihre Anzeigen werden mit vielen Sternchen gelobt. Pünktlich, sorgfältig, zuverlässig.

Ich kann heute leider nicht, sagt sie am Telefon zur Schwiegertochter, eventuell nur kurz, bevor ich zur Post gehe, ich bin etwas im Stress, drei Pakete müssen heute noch weg.

Nun verteilt die Frau den Nachlass ihres Mannes in die ganze Welt, aber nicht jeder potentielle Käufer ist ihr gut genug für ein Teil von ihm.
Nun verteilt die Frau den Nachlass ihres Mannes in die ganze Welt, aber nicht jeder potentielle Käufer ist ihr gut genug für ein Teil von ihm. : Bild: Jens Gyarmaty

Auf abgehefteten Blättern stehen Notizen zu jedem Stück, detailliert eruierte Informationen - Maße, Baujahr, Seriennummer. Es mag noch so klein sein, sie will jedem einzelnen Teil gerecht werden. Die Kinder sind lange aus dem Haus, die Enkel groß, der Mann ist weg, die Technik bleibt.

Weitere Themen

Heute fühle ich mich morsch

Kinderbuch von Anna Woltz : Heute fühle ich mich morsch

Erst will die elf Jahre alte Atlanta in „Haifischzähne“, dem neuen Kinderbuch von Anna Woltz, von der Krebserkrankung ihrer Mutter nichts wissen. Dann startet sie durch.

Topmeldungen

Pandemie-Bekämpfung : Das Versagen der Schweiz

In der Regierung in der Schweiz sitzen sieben Vertreter von vier Parteien, die ausgeprägt gegensätzliche Strategien zur Corona-Bewältigung verfolgen. Das Ergebnis ist eine einzige Peinlichkeit – und hat tödliche Folgen.
Ihm war augenscheinlich kalt: Tom Hanks bei der Inaugurationsshow.

Joe Bidens Inaugurationsfest : Die große Feier

Statt des großen Balls wurde nach der Inauguration des neuen amerikanischen Präsidenten im Fernsehen gefeiert. Moderator Tom Hanks trug Fäustlinge und fror. Es war eine Selbstfeier der besonderen Art. Aber war Joe Biden eigentlich dabei?
Ausnahmen für Abschlussklassen: Schüler eines geteilten Kurses der Oberstufe sitzen in einem Klassenraum der Graf-Anton-Günther-Schule in Oldenburg

Beschluss der Kultusminister : Kein Rütteln am Abitur

Abitur und andere Prüfungen finden statt, darauf einigen sich die Kultusminister – gegenseitig will man die Abschlüsse anerkennen. Weniger Prüfungen können für mehr Lernzeit sorgen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.