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Schwul, lesbisch, katholisch : Die bunte Provokation

  • -Aktualisiert am

„Gott segne euch“: Altar mit Regenbogenflagge in der Frankfurter Kirche Maria Hilf Bild: Nerea Lakuntza

Thomas Pöschl hat gelernt, seinen Glauben und seine Homosexualität zu vereinbaren. Seine Kirche kann das auch nach 30 Jahren nicht. Wie eine queere Gemeinde dennoch ihren Platz in der katholischen Kirche sucht.

          10 Min.

          Der Ort, an dem die katholische Kirche herausgefordert wird, könnte kaum unscheinbarer sein. Von außen ist die Kirche Maria Hilf in Frankfurt ein schmuckloser Betonbau aus den Fünfzigerjahren. Drinnen stehen Holzbänke um einen Altar in der Mitte, gut 20 Männer sitzen in coronakonformem Abstand.

          Dass neben der Organistin nur eine Frau da ist und keine Kinder, das fällt auf. Es ist aber der Altar, der die Provokation darstellt: eingehüllt in eine Regenbogenflagge, das Symbol der sexuellen Minderheiten.

          Es ist der erste Sonntag im Monat, 18.30 Uhr, und zu dieser Zeit steht der Gottesdienst des Projekts „Schwul und katholisch“ im Plan. So bezeichnet sich die Gruppe offiziell, als „Projekt“, denn auch wenn sie hier als Gemeinde bezeichnet wird, ist sie das im kirchenrechtlichen Sinn nicht.

          Als Homosexualität noch als Krankheit galt

          In diesem Jahr feiert die Gemeinde ihr 30-Jähriges. Am 7. April 1991 war es, dem Weißen Sonntag, als eine Handvoll schwuler Gläubiger ihren ersten Gottesdienst feierte, in der Kapelle der katholischen Hochschulgemeinde. Der studierte Theologe Georg Trettin (Transparenzhinweis: damals bei der F.A.Z. beschäftigt) hatte die Idee, er fand Mitstreiter in zwei ehemaligen Kommilitonen. Schon zu Pfingsten zog die Initiative in die Kirche Maria Hilf um, wo sie von der Gemeinde akzeptiert wurde und auch deren Räume nutzen durfte. Sie blieb dort bis heute.

          In anderen Städten, in München oder Münster oder Stuttgart, gründeten sich danach ähnliche Gemeinden – die in Frankfurt war die erste ihrer Art in Deutschland. Einmal in der Woche wurde fortan ein schwuler katholischer Gottesdienst gefeiert; heute findet er noch einmal im Monat statt. Dass hier nur von schwul die Rede ist, entspricht den Tatsachen: Lesben oder Transsexuelle kamen kaum, etwa neun von zehn Teilnehmern waren schwule Männer. Sie kamen aus dem ganzen Umkreis, aus Darmstadt oder Heidelberg, Mainz oder Kassel; so berichtet eine 2012 erschienene Dissertation des Theologen Gregor Schorberger, der selbst Mitglied der Gemeinde ist.

           Hat keine Erwartungen mehr an die Kirche: Thomas Pöschl
          Hat keine Erwartungen mehr an die Kirche: Thomas Pöschl : Bild: Nerea Lakuntza

          Man muss diese Leistung anerkennen, Anfang der Neunziger eine solche Gemeinde zu gründen – nicht nur innerhalb der Kirche, sondern überhaupt. Das geschah in einer Zeit, als die Weltgesundheitsorganisation Homosexualität noch in ihrer Klassifikation der Krankheiten führte – und als in Deutschland noch der Paragraph 175 StGB galt, der sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte; 1969 und 1973 entschärft, wurde er erst 1994 ersatzlos gestrichen. „Homosexualität war damals etwas, über das schlicht nicht geredet wurde“, sagt Thomas Pöschl.

          Pöschl – 60, freundliche Augen hinter der roten Brille, der Bart mehr weiß als grau – ist unter den Aktiven in der Gemeinde mit am längsten dabei. Er sitzt in der Sakristei, an der Wand ein Kruzifix und ein Bild des Bischofs, als er seine Geschichte erzählt. Er wuchs im fränkischen Fürth auf, der Kirchgang gehörte in seiner Familie zum Sonntag wie das anschließende Mittagessen. Trotzdem sei er kein „Hardcore-Katholik“ gewesen, sagt er, er ging in keine Maiandacht, war kein Ministrant. Auf die nötige Distanz zur Kirche hätten die Eltern geachtet, schließlich hatten sie selbst ihre Konflikte mit ihr. Der Vater katholisch, die Mutter evangelisch – in den Sechzigern war das noch anstößig. Wenn der Vater sonntags mit den Söhnen die Messe besuchte, blieb die Mutter daheim und kochte.

          Herr Pöschl, wann haben Sie gemerkt, dass Sie sich für Männer interessieren?

          Das kann ich nicht mehr sagen. Es wird einem erst im Rückblick klar, dass man das schon immer getan hat. Als mein Bruder – er ist ein Jahr jünger – sich für Mädchen interessierte, da kam das bei mir gar nicht. Ich dachte immer, das sei Angeberei von ihm.

          Wie sind Sie mit diesem Gefühl umgegangen?

          Ich habe nicht darüber geredet. Wahrscheinlich lief ich auch vor mir selbst weg. Das hielt ich relativ lang durch, letztlich mein ganzes Studium durch. Irgendwann offenbarte ich mich dann einem guten Freund, er war der Erste. Wie alt war ich, vielleicht Ende zwanzig? Er sagte zu mir: „Mach dir nichts draus, mir geht’s genauso.“

          Nach der Messe noch ein Bier

          Pöschl, so formuliert er es, lebte damals zwei getrennte Leben: Er lebte seinen Glauben in einer Gemeinde in Nürnberg. Und er führte ein verstecktes Leben als Homosexueller. Es war ein innerliches Gespaltensein.

          Wissen war nie wertvoller

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          In Nürnberg gab es damals einen schwulen Buchladen. Nachdem er zuerst zwei- oder dreimal daran vorbeigelaufen war, beschämt und unsicher, ob ihn auch niemand sehen würde, traute sich Pöschl schließlich doch hinein. Fortan kaufte er dort regelmäßig „Magnus“, eine schwule Monatszeitschrift. Und stolperte darin bald über eine Kleinanzeige, der Text so nüchtern wie aufregend: „Schwuler katholischer Gottesdienst. Sonntags 19 Uhr – Maria Hilf“, dazu eine Telefonnummer. Das war 1994.

          Seinen ersten Gottesdienst, das weiß Pöschl noch, besuchte er an Pfingsten. Er wohnte damals in Nürnberg, also suchte er sich das lange Pfingstwochenende für den Gottesdienstbesuch aus, damit er sonntags noch spät nach Hause fahren konnte. Ihm war mulmig, als er sich auf den Weg machte, aber die Aufregung war unbegründet. Etwa 20 oder 30 Männer saßen zur Messe in einem Stuhlkreis neben der Orgel. Nachher tranken sie im Gemeindehaus noch ein Bier. Einer fragte, wie er es denn nun fand, erinnert sich Pöschl. „Eigentlich ganz normal“, habe er geantwortet.

          Ein riesiges „Aha-Erlebnis“

          Wenn man die Regenbogenflagge mal außer Acht lässt, ist der schwule Gottesdienst tatsächlich mehr Gottesdienst als schwul. Gelesen werden die Texte des jeweiligen Sonntags, an diesem Sonntag die Geschichte von Ezechiel, Ez 1,28c – 2,5. „Menschensohn, stell dich auf deine Füße; ich will mit dir reden“, sagt Gott zu Ezechiel, als der sich vor ihm zusammenkauert.

          Der Unterschied zum klassischen Gottesdienst ist, dass das Thema Homosexualität hier nicht ausgespart wird. An diesem Sonntag feiert Pater Ansgar Wucherpfennig die Messe; er hatte vor drei Jahren selbst seine Probleme mit dem Vatikan, als er in einem Interview den Umgang der Kirche mit Homosexualität kritisierte. Eine Predigt wie seine würde man jedenfalls nicht überall hören: „Vielleicht ist die religiöse Erfahrung Ezechiels die, die auch Menschen in einem Coming-out erleben. Dass Gott zu ihnen sagt: Stell dich auf deine eigenen Füße, nicht auf die deiner Familie, nicht auf die der Kirche.“ In seiner Predigt macht der Pater aus der Geschichte Ezechiels eine Ermächtigungsrede, zu sich und der eigenen Sexualität zu stehen.

          „Ich habe hier zum ersten Mal entdeckt, dass beide Seiten zusammen sein können“, sagt Thomas Pöschl, „dass hier auch Männer waren wie ich, christlich und schwul, die beides verbunden haben. Das war für mich ein riesiges Aha-Erlebnis.“

          Eine „schlimme Abirrung“

          Das genau war die Idee der Gemeinde. Wenn Mitglieder in den Anfangsjahren gefragt wurden, warum es überhaupt einen schwulen Gottesdienst brauche („Warum feiern die Schwulen denn nicht im normalen Gottesdienst?“), dann begründeten sie es so: Sie wollten einen Ort schaffen, an dem die Gläubigen ihr Schwulsein nicht verstecken mussten. Oder wie Pöschl es sagt: ein Ort, an dem Katholiken Gottesdienst feiern konnten, ohne diesen Teil ihres So-Seins abspalten zu müssen. Denn sich zur damaligen Zeit in einem herkömmlichen Sonntagsgottesdienst als schwules Paar zu erkennen zu geben, das war eher keine gute Idee.

          Viel ist seitdem passiert. 30 Jahre ist das her. Lesben und Schwule können heute heiraten, die Christopher Street Days in den Städten sind zu Kulturfestivals geworden, bei denen auch die heterosexuellen Freunde mitfeiern. Doch wenn das Projekt „Schwul und katholisch“ dort einen Stand hat, berichtet Pöschl, erntet es von vielen in der Community damals wie heute Unverständnis, mindestens: Was wollt ihr denn in der Kirche, diesem homophoben Verein?

          Schwul, lesbisch, katholisch: In der Maria Hilf Kirche findet alles zusammen.
          Schwul, lesbisch, katholisch: In der Maria Hilf Kirche findet alles zusammen. : Bild: Nerea Lakuntza

          „Schwul und katholisch“ ist noch immer ein Wortpaar, über das man stolpert, ein scheinbarer Gegensatz. Und das liegt nicht an den Schwulen, auch nicht an den Katholikinnen und Katholiken allgemein. Sondern an der katholischen Kirche. Im Katechismus, dritter Teil, zweiter Abschnitt, zweites Kapitel, Artikel sechs, heißt es unter der Überschrift „Berufung zur Keuschheit“, Homo­sexualität werde von der Heiligen Schrift als „schlimme Abirrung“ bezeichnet und sei ein Verstoß gegen das „natürliche Gesetz“; sie sei „in keinem Fall zu billigen“. Männer und Frauen mit homosexuellen Tendenzen stünden vor einer Prüfung. „Ihnen ist mit Achtung, Mitgefühl und Takt zu begegnen.“

          „Freundlich abwartend“ und „zugewandt und offen“

          An diese Handlungsanweisung halten sich manche Kirchenvertreter denkbar schlecht. Was es heißt, sich in der Kirche als Homosexueller zu erkennen zu geben, das bekämen auch Kirchenmitarbeiter zu spüren, sagt Thomas Pöschl – und zählt mehrere Bekannte auf, die von ihrer Position abgesetzt oder gar nicht erst eingestellt worden seien. „Da ging die Kirche mit solchen Menschen nicht anders um als mit ihren Laienmitarbeitern, die sexuellen Missbrauch begangen hatten. Nur haben die einen ein ehrliches Leben geführt. Die anderen haben ein Verbrechen begangen.“

          Wie sollte die Kirche also mit den Abweichlern aus Frankfurt umgehen? Theologe Schorberger schreibt in seiner Dissertation, das Bistum Limburg, eigentlich im „Ruf, einen liberalen Katholizismus zu verfolgen“, habe sich mit dem Projekt schwergetan. „Für einige Kleriker des Bischöflichen Ordinariates“, so die Doktorarbeit, sei es „ein Schock gewesen, zu hören, dass sich schwule Katholiken selbstbewusst in aller Öffentlichkeit sonntäglich zum Gottesdienst treffen, ohne das Bistum vorher um Erlaubnis gebeten zu haben“; mit „Befremden“ sei wahrgenommen worden, dass es dem Projekt in kurzer Zeit gelungen war, 17 Priester als Zelebranten für den Gottesdienst zu gewinnen.

          Als der damalige Bischof Franz Kamphaus sich 1996 mit der Gemeinde traf, erschien darüber kein Bericht, weder in der Tagespresse noch in der Bistumszeitung. Erst fünf Jahre nach der Gründung gab es eine offizielle Vereinbarung zwischen beiden Seiten, in der auch festgehalten wurde, dass das Projekt keinen Anspruch auf personelle oder finanzielle Unterstützung durch das Bistum habe. In diesem Papier wurde dessen offizieller Name festgeschrieben – wobei, so Schorberger, „die Kombination der Wörter schwul und katholisch wohl einmalig in der katholischen Amtssprache sind“.

          Ein Sprecher des Bistums beschreibt das Verhältnis in den ersten Jahren, den Mitgründer Trettin zitierend, als „freundlich abwartend“ und als „zugewandt und offen“. Im Rahmen der Visitation, so der Sprecher, habe der heutige Bischof Georg Bätzing selbst mit der Gruppe Gottesdienst gefeiert, und die Stadtkirche in Frankfurt habe das Projekt außerdem „immer wieder im überschaubaren Rahmen finanziell unterstützt, etwa bei der Erstellung von Drucksachen“.

          Verletzt vom Papst

          Besonders in der Anfangszeit gab es aber auch Menschen, die eine bunte Gemeinde wie die in Frankfurt nicht haben wollten. Die an das Bistum schrieben und sich beschwerten, wie bei Schorberger nachzulesen ist. Laut Bistum gibt es solche Beschwerden noch heute, etwa wenn an Kirchen Regenbogenflaggen wehen.

          Ablehnung kam also von Mitbrüdern und Mitschwestern, aber auch von Bischöfen, von Kardinälen. Etwa von Kardinal Joseph Ratzinger, der sich 2003 zum Thema Homosexualität äußerte. Zwei Jahre zuvor war in Deutschland die eingetragene Lebenspartnerschaft eingeführt worden. Ein katholischer Politiker, der einem Gesetz zur Gleichstellung Homosexueller zustimmt, so Ratzinger, helfe bei der „Legalisierung des Bösen“.

          Thomas Pöschl erinnert sich noch heute an diesen Satz. „Wenn er gesagt hätte: Schwule Männer, die Sex mit jedem haben oder gewalttätig sind oder was auch immer, dann sei dies das Böse, kann ich das vielleicht nachvollziehen. Aber wenn mein Mann und ich uns lieben und stützen . . . Dass er das so missachtet, das war für mich weder vom Herzen noch vom Verstand nachvollziehbar.“ Zwei Jahre später wurde Ratzinger zum Papst gewählt.

          Mehr als die Hälfte seines Lebens

          Vielleicht hat sich in den 18 Jahren danach doch etwas getan. Weniger in der Haltung des Vatikans. Aber in der Art, wie die Katholikinnen und Katholiken in den Gemeinden mit dem Thema umgehen. Die Reaktionen auf das Verbot der Segnung für homosexuelle Paare, das der Vatikan im Frühjahr aussprach, lassen sich jedenfalls mit einem „Aufschrei“ ganz gut beschreiben. Die römische Glaubenskongregation hatte sich mit der Frage auseinandergesetzt, ob gleichgeschlechtlichen Partnerschaften gesegnet werden dürfen. Im März dieses Jahres antwortete sie in einer „Responsum ad dubium“, einer Antwort auf einen Zweifel: Nein. Gott könne keine „Sünde“ segnen.

          Im Angesicht dieser Haltung der Kirchenhier­archie hätten manche Mitglieder der schwulen Gemeinde resigniert und ignorierten alles, was aus Rom komme, sagt Pöschl. Andere regten sich so sehr darüber auf, dass sie monatelang nicht mehr in den Gottesdienst gekommen seien.

          An jener Stelle im Gottesdienst, an der sonst die Fürbitten vorgetragen werden, ist es in der Frankfurter Gemeinde üblich, dass jeder aus der Runde sprechen kann. Einer betet für kranke Gemeindemitglieder, ein anderer für seinen Neffen, der gefirmt wird. Dann ergreift ein Gläubiger aus der vorderen Bank das Wort. In diesen Tagen sei er 29 Jahre mit seinem Partner zusammen, setzt er an, mehr als die Hälfte seines Lebens. „Wir wissen, dass für uns beide diese Beziehung ein Segen ist, auch wenn viele in der Kirche diesen Segen nicht erkennen können oder ihn sogar verweigern.“ Seine Stimme wird brüchig. Er spricht, als läse er den Text ab oder als habe er sich vorher mindestens zurechtgelegt, was er an dieser Stelle sagen will.

          „Weil ich daran glaube, dass das, was in mir ruht, nicht schlecht ist.“

          „Diese Aussagen aus Rom haben mich dermaßen betroffen gemacht wie noch keine Sache zuvor. Ich würde sogar meinem ärgsten Feind nicht den Segen verweigern, wenn er darum bitten würde. Ich war kurz davor, aus der Kirche auszutreten. Aber für mich besteht die Kirche auch immer aus den Menschen, denen ich in die Augen schaue. Und in diesen Beziehungen mit allen, die hier versammelt sind, sehe ich Gottesgegenwart.“ Stille. Dann ein „Christus, erhöre uns“.

          In solchen Momenten erklärt sich, warum die queeren Gläubigen der Kirche nicht schon den Rücken gekehrt haben: weil sie im Glauben und ihrem Schwulsein keinen Gegensatz sehen, weil es gerade ihr Glaube ist, der ihnen hilft. Da ist ­Andreas, er möchte seinen vollen Namen nicht nennen, der sich früher als „Sünder“ verstand, der sich darauf einstellte, dass er sein Leben allein verbringen müsse. Der sich erst mit Mitte 30 einem Pfarrer anvertraute und erst danach den Mut fasste, in die Frankfurter Gemeinde zu kommen. „Es war ein Gefühl wie frisch geschlüpft“, erinnert er sich. Erst hier habe er zu der Selbstakzeptanz gefunden, die es ihm möglich machte, danach eine Beziehung zu führen, sagt Andreas. „Weil ich daran glaube, dass das, was in mir ruht, nicht schlecht ist.“

          Herr Pöschl, haben Sie schon mal mit dem Gedanken gespielt, aus der Kirche auszutreten?

          Ja. Nach Ratzingers Äußerung dachte ich: Hier gehörst du nicht hin. Und doch bin ich geblieben. Wenn man mit jemandem im Streit ist, dann erwägt man vielleicht auch sowas wie eine Trennung. Dann schläft man eine Nacht darüber und denkt sich am nächsten Tag: Vielleicht gibst du ihm doch noch mal eine Chance.

          Haben Sie mitgezählt, wie viele Chancen Sie der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten schon gegeben haben?

          Nein. Ich habe für mich zu der Haltung ge­funden: Die Kirche gibt zwar Leitlinien vor, aber letztlich steht mein eigenes Gewissen höher. Wenn ich etwas von der Kirche verboten bekomme, dann kann ich es trotzdem tun, wenn ich es mit mir selbst und mit Gott aus­gemacht habe. Insofern habe ich nun einen Abstand zur Kirche, mit meinem Gewissen dazwischen. Und manches, was die Kirche sagt und was einem wahnsinnig wehtut, kann man besser ertragen.

          Wie haben Sie sich nach dem Segnungsverbot gefühlt?

          Ich habe zurzeit wenig Frust in mir. Weil ich ­einfach keinerlei Erwartung oder Hoffnung habe, dass sich diese Kirche ändert, sodass ich einfach dort verharre, wo ich bin. Und dann freue ich mich, wenn ich doch sehe, wie Gemeinden Regenbogenflaggen aufhängen oder sich gegen das Verbot stellen. Wenn selbst Gemeinden, die bisher gar nicht so viel mit dem Thema zu tun hatten, merken: Denen wird hier Unrecht getan.

          Vielerorts wäre es heute wohl kaum noch ein Problem, sich sonntags als schwules oder lesbisches Paar in die Messe zu setzen. „Und wenn dann jemand sagen würde, man riskiere die Spaltung der Kirche, wenn man Schwulen und Lesben mit mehr Akzeptanz begegnet“, sagt Thomas Pöschl, „dann wäre das Quatsch. Die Kirche ist schon gespalten.“

          An der Fassade von Maria Hilf hängt noch immer das Plakat, das in diesem Frühjahr dort aufgehängt wurde, direkt nach dem vom Vatikan ausgesprochenen Segnungsverbot. Darauf der Schriftzug „God Bless You“ – auf Regenbogenfarben. Das bedeutet: Die Kirche segnet euch vielleicht nicht. Gott schon.

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