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Inklusionsschule in Äthiopien : Diese Barriere überwinden sie

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Nicht „anders“, nur blind: Sekina (14, links) und die blinde Aster (15) sind Tandempartner an der German Church School. Bild: Cornelia Derichsweiler

Die German Church School in Addis Abbeba ist eine Modellschule für Inklusion. Sie gibt armen Schülern die Möglichkeit auf Schulbildung – und bereitet sie auf ein schweres Leben vor.

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          Äthiopien droht auseinanderzufallen. Die rivalisierenden Ethnien des Vielvölkerstaates zu einen scheint selbst über die Kräfte des von vielen Hoffnungen begleiteten und 2019 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten Ministerpräsidenten Abiy Ahmed zu gehen. Nach den tödlichen Schüssen auf den populären Sänger Hachalu Hundessa in diesem Sommer machten Milizen der Volksgruppe der Oromo Jagd auf Angehörige anderer Ethnien, es gab mindestens 200 Tote.

          Abiy selbst ist Sohn eines Oromo und einer Amharin. An der Macht erwarb er sich bald den Ruf eines Versöhners, Zehntausende politische Gefangene entließ er aus der Haft. Mit dem Friedensvertrag mit Eritrea gelang ihm etwas, das nicht für möglich gehalten worden war. Dennoch kommt das Land am Horn von Afrika nicht zu Ruhe. Das ethnisch zersplitterte Land wie seine Vorgänger mit harter Hand zusammenhalten will Abiy offenbar nicht, aber die Fliehkräfte zu bannen gelingt ihm nicht. Je mehr er den Griff lockert, desto entschlossener dringen einzelne Bevölkerungsgruppen auf Autonomie bis zur Sezession. Die Folge sind Aufstände im ganzen Land, Militär auf den Straßen, millionenfache Binnenflucht.

          Kurz vor seinem Tod hatte der Sänger Hachalu das Elend Äthiopiens ungewollt ausgedrückt, als er über Abiy sagte: „Er ist gar kein richtiger Oromo.“ Solange aber die Zugehörigkeit zu einer Volksgruppe alles ist, so lange wird nichts gut werden in Äthiopien. Im ganzen Land? Nein, in der Hauptstadt Addis Abeba gibt es einen Ort, der angesichts der grassierenden Gewalt wie eine Oase des Friedens anmutet: die German Church School. Hier kennen sie keine Ethnien, sondern nur Kinder.

          Jedes Kind zählt gleich viel

          Direktor Teklu Tafesse, seit fast einem Vierteljahrhundert an der Schule, ist ein zurückhaltender Mann, der auch seinen Stellvertreter zu Wort kommen lässt. Dafür hat er eine ebenso klare wie einfache Vorstellung: Jedes Kind zählt gleich viel, einerlei, woher es kommt, ob seine Eltern Aids haben, ob es von Geburt an blind ist oder es einen Rollstuhl braucht.

          Was selbstverständlich klingt, ist geradezu unerhört in einem Land, in dem Eltern behinderte Kinder nicht zur Schule schicken, aus Scham oder weil sie die Behinderung für eine Strafe Gottes halten. Nach Schätzung der Christoffel Blindenmission (CBM) mit Sitz in Bensheim geht in Äthiopien nur eines von zehn behinderten Kindern zur Schule, und wenn, dann in den Städten.

          Äthiopien ist auch das Land, in dem 40 Prozent aller Trachom-Erkrankungen auf der Welt vorkommen – eine bakterielle Augenentzündung, die zur Erblindung schon im Kindesalter führen kann. Deshalb nimmt die 1966 von evangelischen Gemeinden in Addis Abeba gegründete German Church School seit 1990 blinde und sehbehinderte Kinder in den Regelunterricht auf, 2019 öffnete sie sich auch für Kinder mit anderen Behinderungen. Finanziert wird sie von mehreren Hilfsorganisationen, unter ihnen ist die CBM.

          Inklusion statt Drill: An der German Church School lernen auch beeinträchtigte Kinder.
          Inklusion statt Drill: An der German Church School lernen auch beeinträchtigte Kinder. : Bild: Cornelia Derichsweiler

          Wie aus einem Mund begrüßt die Klasse 7b der German Church School ihren Lehrer im Stehen mit „Good Morning, Teacher!“ und „Thank You, Teacher!“, Jungen wie Mädchen in einheitlicher Schulkleidung. Dabei herrscht an der Schule alles andere als stumpfsinniger Drill.

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