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Eine Familie lebt klimaneutral : Früher flogen wir öfter nach Kreta

Sie haben ihren ökologischen Fußabdruck geändert: Jakob und Franziska, 17 und 14 Jahre alt. Bild: Andreas Pein

Ein Jahr lang als Familie klimaneutral leben – wie kann man das hinkriegen? Die Geschwister Jakob und Franziska über limitiertes Duschen, Radfahren bei Regen und Äpfel aus Übersee.

          5 Min.

          Jakob, duschst du heute weniger lang als vor einem Jahr?

          Julia Schaaf
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Jakob: Ich probiere es.

          Franziska: Sonst wird unten eh das Wasser aufgedreht ...

          Jakob: Wie bitte?

          Franziska: Wenn man in der Küche das Wasser aufdreht, wird es oben kalt (lacht).

          Jakob: Ich wusste nicht, dass ihr das mit Vorsatz macht!

          Kürzer unter der Dusche zu stehen, war Teil eines Experiments: Ihr habt als Familie ein Jahr lang probiert, so klimaneutral wie möglich zu leben. Wie kam das?

          Franziska: Wir hatten im Ethikunterricht über das Klima gesprochen und sollten als Hausaufgabe unseren persönlichen CO2-Fußabdruck ausrechnen mit so einem Klimarechner vom WWF. Als Familie waren das 42 Tonnen im Jahr, pro Person ungefähr elf.

          Ist das viel?

          Franziska: Im Vergleich zu anderen Schülern war es wenig. Aber an sich stehen jedem nur zwei Tonnen zu.

          Wieso?

          Jakob: Will die Menschheit irgendwann klimaneutral leben, darf jeder im Moment nicht mehr als zwei Tonnen CO2 pro Jahr emittieren. Das kann man nicht schaffen, weil ein relativ großer Anteil von der Gesellschaft auf den Einzelnen umgelegt wird. Was so allgemein entsteht für Straßen, Schulen und so weiter. Aber das ist kein Argument, es nicht zu versuchen.

          Könnt ihr mir erklären, wie der Klimawandel zustande kommt?

          Franziska: Mach du!

          Jakob: Jeder Mensch emittiert klimaschädliche Gase. Die sammeln sich in der Atmosphäre. Wenn dann die Sonneneinstrahlung ganz normal die Erde erwärmt, kann die Wärme nicht mehr so gut ins Weltall entweichen. Wie in einem Treibhaus. Das führt zu einer langsamen Veränderung des Klimas und damit zu starken Wetterphänomenen und abschmelzenden Polkappen. Weil das eine massive Bedrohung darstellt, probiert man, den Temperaturanstieg bis zum Jahr 2050 auf zwei Grad zu begrenzen. Das heißt aber, dass wir alle versuchen müssen, klimaneutral zu leben: Das sind diese zwei Tonnen.

          Nach und nach habt ihr als Familie deshalb eure Gewohnheiten auf den Prüfstand gestellt.

          Jakob: Wir haben probiert, im Alltagsleben zu gucken, wo man was verändern kann. Das fing beim Autofahren an und ging über Lichtanlassen und Duschen bis hin zu Fragen der Urlaubsplanung und Ernährung.

          Eure Familie isst sehr gerne Äpfel. Macht es für das Klima einen Unterschied, was das für Äpfel sind?

          Jakob: Erstaunlicherweise ja. Man sollte das Obst von Streuobstwiesen aus der Region kaufen. Das Problem ist: Wenn man die komplette Berliner Bevölkerung mit Streuobstwiesenäpfeln versorgen wollte, müsste man, glaube ich, halb Deutschland zur Streuobstwiese machen... (lacht) Deshalb kommt danach relativ bald der regionale Apfel, wobei auch der nur bis zu einem gewissen Zeitpunkt die klimabessere Variante ist, etwa bis März. Danach haben Äpfel aus Neuseeland die bessere Bilanz.

          Franziska: Weil durch die Lagerung dann so viel CO2 produziert wird, dass es fürs Klima günstiger wird, wenn man Äpfel per Schiff hierher bringt. Und bevor man mit dem Auto zu einer Streuobstwiese fährt, die relativ weit weg ist, sollte man lieber zum Biosupermarkt radeln.

          Jakob: Weil man sonst alles, was man bei der Äpfelklimabilanz aufspart, wieder kaputtmacht. Am allerbesten sind übrigens die Äpfel aus unserem Garten.

          Wieso tragen auch die Blusen eurer Mutter und jede Freizeitaktivität zum Treibhauseffekt bei?

          Franziska: Auch Baumwolle muss angebaut werden. Dann der Transport. Die Lagerung. Das Nähen. Die Personen, die nähen, der Transport hier nach Deutschland. Und wenn man mit einem Ball im Garten spielen will, muss auch der Ball irgendwie produziert werden.

          Du als Vegetarier, Jakob, bist fein raus, hast du gemerkt: Warum?

          Jakob: Ich spare mir all die Emissionen, die bei der Fleischproduktion entstehen, angefangen mit den Nahrungsmitteln, um die Tiere zu versorgen. Wenn man übrigens schon nicht ganz auf Fleisch verzichten will, dann doch wenigstens auf Rindfleisch, weil das Methangas, das Rinder ausrülpsen, sehr stark beteiligt ist am weltweiten Ausstoß von Treibhausgasen. Aber nur, weil ich als Vegetarier etwas spare, kann ich nicht sagen, ich muss woanders nichts machen. Das wäre eine falsche Haltung. Weil es unser Planet ist. Jeder ist in der Verantwortung: Wo kann ich persönlich verzichten, ohne dass es – und das muss man immer mitdenken – signifikant meine Lebensqualität verringert?

          Wo ist da eure Grenze?

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