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Kreativer Automatenladen : Ein Tante-Emma-Laden ohne Tante Emma

  • -Aktualisiert am

Außen Gartenhäuschen, innen sechs Lebensmittelautomaten: das Limescenter Bild: Rainer Wohlfahrt

Zwei Drittel der Einzelhändler, die es vor 40 Jahren gab, sind verschwunden – das verändert vor allem kleine Orte auf dem Land. Kann ein Automaten-Shop die Nahversorgung retten?

          Stefan Hartmann hat immer Gelierzucker im Handschuhfach. Gelierzucker hat der „Aldi“ nämlich nicht. Zwei Päckchen davon holt der 28 Jahre alte Landwirtschaftsmeister aus seinem Auto. Das Hemd spannt, im Ärmel sind Löcher. In seinem Laden in Sindringen, einem Ortsteil von Forchtenberg im nördlichen Baden-Württemberg, wartet allerdings kein Regal darauf, gefüllt zu werden, sondern ein 1,90 Meter hoher Automat.

          In Hartmanns Tante-Emma-Laden, den er mit seiner Frau Maria, einer ausgebildeten Hauswirtschaftsleiterin, eröffnet hat, wird man nicht von einer Krämerin bedient, stattdessen zieht man sich die Lebensmittel selbst aus einem der sechs Trommelautomaten. Kaum hat Hartmann den mit den Backzutaten aufgefüllt, steht davor eine 90-Jährige in Hochwasserhosen und mit zwei Schals um den Hals, einem gepunkteten und einem mit Leopardenmuster.

          „Ich will das alleine schaffen“, sagt sie, noch bevor Hartmann seine Hilfe anbieten kann. Ihre faltigen Finger zittern zum Münzschlitz. Sie lässt ein drittes 50-Cent-Stück hineinfallen. Ganz langsam. Aber im Automaten bewegt sich nichts. „,Press Buttons‘ steht da.“ Ihr „P“ klingt wie ein „B“. Sie schüttelt den Kopf. „Ja, welche Buttons denn?“ „Hier, die Pfeiltasten“, sagt Hartmann und drückt auf den Pfeil, der nach rechts zeigt. Klick. Zurrr, macht der graue Trommelautomat. Hinter dem Glas dreht sich eine Scheibe. Eine Tüte Natron erscheint im Fenster mit der Schiebetür. Klick. Zurrrr. Ein Päckchen Salz. Klick. Zurrrr. Endlich, der Gelierzucker. „Und jetzt?“

          „Am besten mit zwei Händen zupacken“, sagt Hartmann. „Mit einer die Tür aufhalten, mit der anderen die Ware rausnehmen.“ Und ergänzt dann: „,Buttons‘ müssen wir vielleicht noch auf Deutsch draufschreiben.“

          Eine Idee rettet die Nahversorgung

          In ihrem früheren Leben waren die sechs Maschinen Snack-Automaten auf einer Fähre auf dem Ärmelkanal. Seit Anfang August stehen sie mitten in Sindringen, in einem kleinen Haus, das Hartmann extra für sie gebaut hat. Von außen sieht der Laden aus wie ein Gartenhäuschen, mit einem Tisch und zwei Stühlen vor der Tür. Im Inneren nehmen die Automaten die Hälfte des weiß gefliesten Raums ein, in den durch ein kleines Fenster kaum Tageslicht gelangt. Kein Tante-Emma-Kitsch, keine Romantisierung. Stattdessen: nüchterner Pragmatismus und das monotone Brummen der Kühlung der Apparate.

          Vom Kondom bis zur Zahnbürste: 230 Produkte haben die Automaten im Angebot.

          Hartmann wollte eigentlich nur einen Direktvermarktungsautomaten für seine Hofmolkereiprodukte aufstellen, wie es sie oft in der Gegend gibt. Dann zog sich die Baugenehmigung für seine Molkerei hin. Vorbauten bis zu 40 Kubikmeter dürfe man ohne Erlaubnis bauen, sagt er. Der Laden hat 39,9. „Allein um das Landratsamt zu ärgern, haben wir den gebaut.“ Vor drei Jahren hat der letzte Laden im Ort geschlossen. Die nächste Einkaufsmöglichkeit, eine „Aldi“-Filiale, liegt sechs Kilometer entfernt und hat ein eingeschränktes Sortiment. Gelierzucker zum Beispiel gibt es dort nur während ein kleinen Zeitfensters im Jahr, wenn er im Angebot ist. Zum nächsten Supermarkt mit Vollsortiment sind es 16 Kilometer.

          Im Rest des Landes ein ähnliches Bild: Zwei Drittel der Lebensmittel-Einzelhändler, die es vor 40 Jahren gab, sind heute verschwunden. Das Institut für Handelsforschung schätzt, dass 45.000 Ladengeschäfte bis 2020 dichtmachen könnten – mehr als jeder zehnte Laden. Betroffen sind vor allem ländliche Regionen und kleine Städte. Derweil sehnen sich Städter nach Beratung und persönlichem Kontakt sehnen, und in den Fußgängerzonen eröffnen Tante-Emma-Läden mit analogen Ladenwaagen.

          In seinem eigenen Umfeld sah Hartmann, wie ein Schulfreund nach dem anderen wegzog. Mit den Leuten verschwanden Gastronomie, Einkaufsmöglichkeiten, Perspektiven. „Wir brauchen ein Lebensmittelgeschäft“, sagt Hartmann. Seine Idee rettet die Nahversorgung des Ortes, und ein bisschen auch den Ort selbst.

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