https://www.faz.net/-gum-9ru3c

Staatsbegräbnis? : Wie die Tschechen um Karel Gott trauern

An der Villa des verstorbenen Sängers Karel Gott in Prag zünden Trauernde Kerzen an. Bild: EPA

Blumen, Kerzen, Fahnen auf Halbmast: Prag nimmt Abschied von Karel Gott. Der Sänger wurde in seinem Heimatland anders wahrgenommen als in Deutschland.

          3 Min.

          Die Frau im weiten roten Regenmantel hat ein großes Grablicht mitgebracht. Der Wind an diesem regnerischen Mittwochnachmittag bläst ihr aber sofort das Streichholz aus, erst im zweiten Versuch ist sie erfolgreich, mit Hilfe einer Fotografin. Es sind viele Journalisten unter den Menschen, die sich an diesem Tag vor der Prager Villa des in der Nacht auf Mittwoch gestorbenen Schlagersängers Karel Gott versammelt haben. Die Trauernden legen Blumen und Kerzen nieder, halten kurz inne, gehen weiter. Viele sind alleine, andere zu zweit, Mütter mit Kindern und Polizisten in voller Montur kondolieren. Das schlechte Wetter und der steile Aufstieg zu der Villa auf dem Hügel hält die Zahl derer, die dem beliebten Sänger die letzte Ehre erweisen, gering. 

          Doch die Trauer über den Tod von Karel Gott ist groß in der Tschechischen Republik. Ministerpräsident Andrej Babiš ließ die Flaggen an den Regierungsgebäuden auf Halbmast setzen und schlug ein Staatsbegräbnis für den Sänger vor. „Ich denke, Herr Gott verdient es, dass sich die Leute auf diese Weise verabschieden“, sagte Babiš am Mittwoch. Die Initiative des Regierungschefs wird von Staatspräsident Miloš Zeman unterstützt. „Karel Gott war ein wahrhafter Künstler“, sagte der Präsident. Am Donnerstag relativierte Ministerpräsident Babiš jedoch seinen Plan und reagierte auf zwischenzeitliche Kritik, wonach ein Staatsbegräbnis übertrieben sei. Ein „Begräbnis mit staatlichen Ehren“ auf der Prager Burg soll es aber schon sein.

          Karel Gott wurde in der Tschechischen Republik anders wahrgenommen als in Deutschland.

          Gewürdigt wird der im Alter von 80 Jahren verstorbene Karel Gott auch vom Wochenmagazin „Respekt“, das sonst meist in Opposition zu Staatspräsident Zeman und Regierungschef Babiš steht. Der Sänger sei das Symbol des musikalischen Aufbruchs der sechziger Jahre gewesen, heißt es in dem Nachruf. Zurecht bezeichne der polnische Schriftsteller Mariusz Szczygieł die Tschechische Republik als „Gottland“. Man dürfe aber nicht verschweigen, dass der 42-fache Gewinner des Publikumspreises „Die goldene Nachtigall“ in den siebziger Jahren zum Aushängeschild der sozialistischen „Normalisierung“ geworden sei. Der Begriff bezeichnet die Rückabwicklung des von Warschauer-Pakt-Truppen niedergeschlagenen Prager Reformfrühlings von 1968.

          Größter Star tschechoslowakischer Popkultur

          Auch der tschechische Musikjournalist Pavel Klusák erwartet, dass die damalige Rolle des Sängers zu einem späterem Zeitpunkt noch kontrovers diskutiert werden wird. Dennoch bezeichnet er Karel Gott als „größten Star der tschechoslowakischen Popkultur“. Sein Erfolg beruhe nicht nur auf seiner musikalischen Vita. Mit großen Hits habe Gott in den vergangenen 30 Jahren nicht mehr aufgewartet, sagt Klusák. Aber: „Jeder kennt ihn.“

          Für mehrere Generationen sei der Sänger auch ein Sexsymbol gewesen, sagt der Journalist. Noch vor wenigen Jahren habe Gott auf dem tschechischen Open-Air-Festival „Rock for People“ das jugendliche Publikum begeistert. Schließlich sei er in seinen musikalischen Anfängen ein Erneuerer gewesen. „Er war Botschafter eines westlichen Gefühls der Freiheit“, sagt Klusák über den Sänger, der sich in den sechziger Jahren an Frank Sinatra und Elvis Presley orientiert hatte.

          In den siebziger Jahren sei Karel Gott jedoch zunehmend in den Gegensatz zu aktuellen Trends geraten, sagt Klusák. „Er orientierte sich stets am Geschmack seines Publikums“, sagt der Musikjournalist. Das erkläre auch den Unterschied zwischen dem Karel Gott in der Tschechoslowakei und jenem für seine deutschsprachigen Fans. In seiner Heimat verkörperte er eher „Lady Carneval“ als „Biene Maja“. Swing hatte dort in seinem Repertoire ein stärkeres Gewicht als in Deutschland, wo Gott als klassischer Schlagersänger bekannt wurde.

          Keine politische Person

          Sein Pragmatismus bereitete dem Sänger aber auch Probleme. Er sei keine politische Person, sagte er, und Pavel Klusák hält diese Aussage für glaubwürdig. Karel Gott habe aber verkannt, dass er als größter tschechoslowakische Popstar, der während der „Normalisierung“ von seiner Präsenz in den staatlichen Medien lebte, nicht unpolitisch sein konnte. Gott unterzeichnete 1977 zudem die „Anticharta“, die von der Kommunistischen Partei als Antwort auf die „Charta 77“ der oppositionellen Künstler und Regimekritiker initiiert wurde. Zu Gotts Lebensweg gehört aber auch, dass er im Dezember 1989 auf einer Kundgebung der „Samtenen Revolution“ mit dem Liedermacher Karel Kryl, einem Dissidenten, die tschechische Nationalhymne anstimmte. Laut Klusák war dieser gemeinsame Auftritt ein starkes Signal.

          Karel Gott hatte Mitte September seine akute Leukämieerkrankung öffentlich gemacht. Ein Hinweis, dass er sich mit seinem nahen Tod befasste, war auch die Single „srdce nehasnou“  (Die Herzen erlöschen nicht), die er im Mai dieses Jahres im Duett mit seiner 13 Jahre alten Tochter Charlotte Ella Gottová aufnahm. „Manchmal weiß man, was der liebe Gott vorhat, und dass man nicht mehr alle Orte erreichen wird“, beginnt die erste Strophe des Lieds. Es sollte seine letzte Veröffentlichung bleiben.

          Weitere Themen

          König der Führerscheine vor Gericht

          Hunderte Kunden betrogen : König der Führerscheine vor Gericht

          Jahrelang hatte ein Paar Autofahrern, die in Deutschland ihren Führerschein abgeben mussten, Ersatz aus dem EU-Ausland beschafft. Doch das klappte nicht immer. Nun müssen Rolf H. und seine Frau sich wegen Betrugs vor Gericht verantworten.

          Topmeldungen

          Ist die Welt noch zu retten? Eine Frau bei einer Demo in Lissabon.

          Raus aus der Klimakrise : „Moralappelle bringen nichts“

          Der Kölner Spieltheoretiker und Verhaltensökonom Axel Ockenfels erklärt im Interview, wo der Knackpunkt im Klimakonflikt liegt – und auf welcher Grundlage das Problem von der Weltgemeinschaft gelöst werden könnte.

          Muhammad Bin Salmans Pläne : Der Ölprinz mit der Billion

          Er ist jung und braucht das Geld: Der saudische Kronprinz Muhammad Bin Salman bringt den weltgrößten Ölkonzern Saudi Aramco an die Börse. Damit will er nicht nur das Land reformieren, sondern auch die eigene Macht sichern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.