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Tanztrends 2018 : Mach mir die Zahnseide

Siegestanz und Trend in einem: Bevor „The Floss“ kam, war es dieser Tanzschritt, der in Anlehnung an den Clown Pennywise, der in der neuen Verfilmung von Spielbergs „It“ eine markante Tanzeinlage bietet, die Welt begeisterte. Hier ausgeführt von Callum Peterson (Cardiff City). Bild: Imago

Tänze wie der „Floss“ sind auch in deutschen Kindergärten und Schulen der Sommerhit. Doch er ist nicht der einzige, der sich gegen die Internetfilterblasen unserer Zeit durchsetzen konnte.

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          Auch die Unterhaltungsindustrie leidet unter Internetfilterblasen: Denn einen globalen Trend zu kreieren ist in dieser unübersichtlichen Welt schwer geworden. Wollte man 1983 aus dem Supertalent Michael Jackson einen Superstar machen, drehte man ein aufwendiges Werwolf-Video, ließ dazu seine jüngste Single („Thriller“) laufen und promotete es auf MTV. So sah es jeder in der westlichen Welt. Einige „Lambadas“, „Mambo No. 5s“ und „Ketch-up Songs“ später reicht das aber nicht mehr. Und so muss für den wahren Sommerhit des Jahres schon die geballte Vertriebsmacht des Videospielmarkts, des globalisierten Spitzenfußballs und des Pops zusammenwirken, um Erfolg zu haben – übrigens ohne jeglichen Plan.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Der Sommerhit des Jahres klingt nicht und lässt sich somit auch nicht so einfach verkaufen: Es sind die Tänze, mit denen die Krieger im Online-Ballerspiel Fortnite ihre Siege im blutigen Zweikampf feiern. Inzwischen werden sie von Millionen Kindern und Jugendlichen in Kindergärten und Schulen nachgeahmt. Das Gratis-Spiel wird von mehr als 100 Millionen Konsumenten gespielt. Ein Teil seines Kults sind Dutzende Tänze. Bekennende Fans wie der französische Weltmeister Antoine Griezmann oder der englische WM-Vierte Dele Alli haben sie als Torjubel in die Stadien der Welt gebracht. Griezmann zum Beispiel bejubelte seine vier Treffer mit dem L-Tanz, wobei L für Loser steht. Inspiriert durch die Verfilmung des „Es“-Romans von Stephen King, formt er mit den Fingern ein L und springt vom einen aufs andere Bein.

          Beschäftigung für die Kinder, positiver Effekt für Pädagogen

          Doch der absolute Renner ist der „Zahnseiden“-Tanz (The Floss). Der Tänzer bewegt die Arme in drei Schritten parallel vor und hinter den Körper und schüttelt gegenläufig dazu seine Hüften. Mit etwas Phantasie kann man dabei an die Bewegung der Pflege mit Zahnseide denken. Geübte Kinder bekommen das in atemberaubender Geschwindigkeit hin. Der Engländer Dele Alli suchte sich diesen Tanz für sich aus. In England berichteten Zeitungen im April von einem Floss-Wahn, der über die Schulhöfe hinwegfege. Grundschullehrer Simon Hunt aus dem Raum Manchester wurde im Frühjahr zu einem kleinen Facebook-Star, als er ein Video veröffentlichte, das zeigte, wie er den Tanz von seinen Schülern lernte. In Deutschland freuen sich Kindergartenerzieher, dass aktive Kinder endlich eine passende Bewegung gefunden haben, wenn sie mal nichts mit den Armen anzufangen wissen.

          Urheber des Trends darf sich der 16 Jahre alte im amerikanischen Bundesstaat Georgia lebende Schüler Russell Horning nennen. Im Jahr 2014 begann er, aktuelle Songs mit eigenen Tanzkreationen zu begleiten und Videos davon ins Internet zu stellen. Dabei trug er meist einen Rucksack, was ihm den Spitznamen „Backpack Kid“ einbrachte. Allmählich wuchs seine Follower-Zahl auf der Video- und Fotoplattform Instagram auf eine halbe Million – unter ihnen einflussreiche Popmusiker wie Rihanna. Auf diesem Weg gelangte ein Video des Floss-Tanzes zur Sängerin Katy Perry. Zu einem Auftritt mit ihrer Single „Swish Swish“ im vergangenen Jahr bei „Saturday Night Life“ lud sie Horning ein. Auf der Bühne tanzte er ein rund 20 Sekunden langes Solo im nationalen Fernsehprogramm und erfreute damit offenbar auch die Fortnite-Entwickler auf der Suche nach neuen Tanzideen.

          Inzwischen können Erwachsene (meist etwas langsamer) und Kinder (sehr schnell) den Tanz längst in speziellen Youtube-Tutorials lernen. In diesem sonnigen Sommer 2018 dürfte es aber auch genügend Gelegenheit gegeben haben, die Bewegungen irgendwo draußen aufzuschnappen. Trotz dieses globalen Hits will Horning übrigens kein professioneller Tänzer werden. „Das war eine einmalige Erfahrung“, sagte er nach seinem Auftritt bei Saturday Night Life.

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