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Straßen-Unis in Frankfurt : Shakespeare für Obdachlose

  • -Aktualisiert am

Essen im Franziskustreff: Davon allein kann niemand leben. Bild: Diana Cabrera Rojas

Jeder ist neugierig: In der Straßen-Uni kommen darum Ärmere und Obdachlose zusammen, um über wissenschaftliche Fragen zu debattieren. Auch wenn sie im Alltag ganz andere Probleme haben.

          3 Min.

          Johann ging es ein bisschen wie Goethe. Sagt Johann zumindest. Johann Wolfgang von Goethe, der große Dichter, verließ seine Heimat Frankfurt, um vor seiner bürgerlichen Karriere als Jurist zu fliehen und vor seinem Vater. Er wollte lieber in Weimar stürmen und drängen. Und der Frankfurter Johann, 67 Jahre alt, seine langen braunen Haare zu einem lockeren Zopf gebunden, hat auch seinen Vater verlassen. Für ihn folgte aber keine große Karriere als Naturforscher oder Literat.

          Mit 15 Jahren war Johann auf der Kerb erstmals mit Alkohol in Kontakt gekommen, so erzählt er es im Haus am Dom in der Frankfurter Innenstadt. Nach seinem Abitur begann Johann ein Studium zum Bauingenieur. Das brach er aber nach ein paar Semestern wieder ab, „wegen der Trinkerei“, wie er sagt. Nach einem stationären Entzug sei er dann weggegangen. Wieso Johann seinen Vater unbedingt verlassen wollte, will er nicht sagen.

          Bildungsveranstaltung für Wohnungslose

          Seit 18 Jahren sei er nun „trocken und clean“. Er lebt von 90 Euro Rente und Grundsicherung außerhalb von Frankfurt in einem verlassenen Haus, ohne Heizung und fließend Wasser. Aber er kommt regelmäßig nach Frankfurt zurück. Und zwar, um über wissenschaftliche Fragen zu diskutieren. Heute auf dem Programm der Straßen-Uni: „Goethe – Frankfurts größter Sohn“.

          Anne Bohnenkamp-Renken steht vor ihrem Auditorium und doziert. Die Direktorin des Freien Deutschen Hochstifts und des Frankfurter Goethe-Museums spricht vor etwa 20 Zuhörern über das Goethe-Haus, die Leiden des jungen Werther und Goethes Biographie.

          „War sein Lieblingsphilosoph nicht Spinoza?“, fragt eine Zuhörerin, „Wie war Goethes Verhältnis zur Aufklärung und zur Rationalität?“, ein anderer. Die Fragen klingen wie aus einer Universitätsvorlesung zur neueren deutschen Literatur. Gestellt werden sie von Menschen wie Johann. Die Straßen-Uni ist eine Bildungsveranstaltung für Wohnungs- und Obdachlose in Frankfurt.

          „Es ist ein Ausgleich“

          Johann hat von dem Programm über die Straßenambulanz erfahren, einem medizinischen Angebot für Menschen ohne Krankenversicherung. Seit Beginn ist er dabei, wenn die Stiftung Polytechnische Gesellschaft mit dem Franziskustreff und der Katholischen Erwachsenenbildung zur Vorlesung lädt. 2019 haben sie damit angefangen. „Es ist ein Ausgleich. Gut für den Kopf“, sagt Johann.

          In der Straßen-Uni geht es um grundsätzliche Themen: das Verhältnis von Judentum und Christentum, die Schuldenkrise. Aber auch frankfurtspezifische Vorlesungen gibt es, etwa zur Stadtgeschichte. Eingeladen sind die Besucher von Hilfseinrichtungen wie dem Franziskustreff oder der Straßenambulanz. Sie haben auch ein Vorschlagsrecht für Themen.

          Wissenschaftliche Vorträge für Obdachlose – braucht es das? Interessieren sich Menschen, die keine Wohnung haben, die genau überlegen müssen, ob sie sich einen Kaffee kaufen, dafür, warum Goethe schrieb, wie er schrieb? Ja, sagen die Organisatoren.

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          „Uns begeistert der Ansatz der zweckfreien Bildung“, sagt Bruder Michael vom Franziskustreff. Im Curriculum der Straßen-Uni stehen daher absichtlich keine alltäglichen Themen. „Jeder Mensch hat eine geistige Neugier. Den Kontakt zu dieser Neugier wollen wir herstellen“, sagt Roland Kaehlbrandt, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Polytechnische Gesellschaft in Frankfurt. Bildung zu fördern und zu erhalten sei eine Forderung, die sich aus der Würde des Menschen ergebe. Mit ihrem Bildungsangebot nähmen sie die Würde des Menschen ernst, sagt Markus Breuer, Leiter der Katholischen Erwachsenenbildung Frankfurt.

          Die Zuhörer sehen das offenbar genauso. Während des Vortrags zu Goethe ist es still. Einige schreiben mit, eine Frau macht Fotos der Folien von Bohnenkamp-Renken. Die Professorin für Literaturwissenschaft sagt, dass Goethe als Erster aus der Perspektive einfacher Leute geschrieben habe, mit einem emotionalen Protagonisten, mit dem sich die Leser identifizieren könnten.

          Shakespeare, Goethe und die Gefühle

          Als sie von dieser revolutionären Wirkung von Goethes Literatur erzählt, die das Ende des Barocks und den Beginn des Sturm und Drang einläutet, meldet sich Johann wieder einmal. „Aber Shakespeare hat doch schon vor Goethe über Gefühle geschrieben“, sagt er. Die Professorin pflichtet bei. Goethe beschreibe das Lesen von Shakespeare als Erweckungserlebnis, sagt sie. „Auch der Faust ist ohne Shakespeare nicht vorstellbar. Mephisto singt ein Lied aus Hamlet.“

          Anke, die die Folien mit ihrer Digitalkamera fotografiert hat, kommt so gern zu den Vorträgen wie Johann. „Es ist eine Mischung aus Herzlichkeit und fachlichem Inhalt“, sagt sie.

          Im Alltag kämpft auch sie mit anderen Herausforderungen. Als Mitte der 1990erJahre ihre Stelle als Druckformherstellerin wegfällt, schult sie um und landet im Vertrieb. „Das war nie meine Welt“, sagt sie. Seit 2002 sei sie krankheitsbedingt Frührentnerin. Die Rente liege aber nur knapp über Hartz-IV-Niveau.

          Menschen brauchen auch geistige Auseinandersetzung

          Nach dem Vortrag humpelt die schlanke Frau mit kurzen blonden Haaren mit ihrer Kamera aus dem Raum. Sie kann nicht lange stehen. Seit 40 Jahren habe sie Muskelprobleme. Eine Diagnose gibt es nicht. Nach mehreren Arztbesuchen in der Jugend fehle ihr nun die Kraft zum Nachfragen.

          Anke kommt manchmal in den Franziskustreff zum Frühstücken. Das reiche ihr dann immer für zwei bis drei Tage. „Man kann so viel Brot mitnehmen, wie man will. Dann muss man sich nur den Aufschnitt gut einteilen“, sagt sie. Eines Tages lag dort neben Käse und Kaffee ein Flyer für die Straßen-Uni. Seitdem geht Anke hin. Denn Essen und Trinken allein reichten nicht. Anke meint: Menschen brauchen auch Kultur und geistige Auseinandersetzung. Der nächste Termin der Straßen-Uni steht schon: ein Vortrag über die Rolle Frankfurts als Schauplatz in der deutschen Geschichte. Anke hat ihn vorgemerkt. Sie will mehr Nahrung für den Kopf.

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