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Wahlkampf im Internet : Im Neuland angekommen

Attacke auf Macron war zu vorhersehbar

Während Günther Anfang Mai im Norden Deutschlands triumphierte, wurde in Frankreich Emmanuel Macron zum Präsidenten gewählt. Als Freund der EU und Gegner der rechtsextremen Kandidatin Marine Le Pen hatte er es im Netz besonders schwer: Laut Recherchen von „Le Monde“ wurden auf Facebook seit Jahresbeginn mehr als eine halbe Million Mal Fake News über ihn geteilt. Stunden vor der Öffnung der Wahllokale stellten Unbekannte dann Zehntausende Dokumente aus der internen Kommunikation von Macrons Bewegung „En Marche!“ ins Internet. Verbreitet wurden die Dokumente auch mit Hilfe von Bots.

Allerdings war diese Attacke etwas zu vorhersehbar. Spätestens seit der Wahl in Amerika wurde weltweit über Versuche russischer Geheimdienste berichtet, den Westen durch Online-Kampagnen kurz vor wichtigen Wahlen zu destabilisieren. Die „New York Times“ schrieb über den Angriff auf Macron: „Es war das klassische russische Drehbuch. Aber diesmal war die Welt bereit.“ Und die Franzosen zeigten, wie man am besten auf solche Enthüllungen reagiert: mit großer Gelassenheit. „Le Monde“ erklärte, man werde über die Enthüllungen vor dem Abschluss der Wahl nicht berichten.

Trotz massiver Kampagnen gegen ihn schaffte es Emmanuel Macron, zum Präsidenten von Frankreich gewählt zu werden.

Botswatch-Gründerin Wilke geht davon aus, dass auch in den zwei Wochen vor der Bundestagswahl im September mit Hilfe von Social Bots gezielt Negativmeldungen über Politiker oder Parteien verbreitet werden. Das Material könnte schon bereitliegen: Im Mai 2015 hatten Hacker das Computernetzwerk des Bundestags gekapert, 2016 wurden mehrere Parteien von Hackern attackiert. Wer dahintersteckte? Laut Bundesregierung gibt es „eine Vielzahl von Indizien“, die dafür sprechen, dass die Hackergruppen „Cozy Bear“ und „Fancy Bear“ für Angriffe auf deutsche Politiker verantwortlich sind.

Diese Gruppen sind laut amerikanischen Geheimdiensten mit „hoher Wahrscheinlichkeit“ im Auftrag russischer Geheimdienste unterwegs; Moskau weist das zurück. Die Hacker sollen Sicherheitsexperten zufolge auch hinter den Angriffen auf die Wahlkampfteams von Hillary Clinton und Macron stecken.

Gegenoffensive gegen Hacker im französischen Wahlkampf

Wilke sagt: „Durch die Hackerangriffe in Deutschland besteht die Möglichkeit, dass Dokumente gestohlen worden sind, um daraus wahre, halbwahre oder falsche Geschichten über Politiker oder Parteien zu entwickeln.“ Welche Wirkung diese Geschichten auf die deutsche Öffentlichkeit hätten, komme auf die Professionalität der Kampagnen an.

Macron-Wahlkämpfer Mounir Mahjoubi: „Wir haben unzählige falsche E-Mail-Accounts mit gefälschten Dokumenten eingerichtet.“

Auch hier könnte Frankreich als Vorbild dienen. Mounir Mahjoubi, Digitalchef der Macron-Kampagne, erzählte der „New York Times“, wie er die Angriffe erlebt hatte. Im Dezember hätten seine Wahlkämpfer plötzlich massenweise Phishing-Mails bekommen. In diesen gefälschten Nachrichten, die manchmal scheinbar von Mahjoubi selbst kamen, wurden die Empfänger aufgefordert, vertrauliche Daten wie Passwörter preiszugeben. So hatten Hacker 2015 auch das Bundestagsnetzwerk gekapert.

Weil sie hundertprozentige Sicherheit nicht garantieren konnten, gingen Macrons Leute zur Gegenoffensive über, ja, sie machten sich fast einen Spaß daraus: „Wir haben unzählige falsche E-Mail-Accounts mit gefälschten Dokumenten eingerichtet, um die Angreifer zu verwirren“, sagte Mahjoubi. Verhindern konnte man den Datendiebstahl so nicht. „Aber wenn die Hacker dadurch nur eine Minute verloren haben, freuen wir uns.“ Man wird hoffen müssen, dass die deutschen Parteien ähnlich clever sein werden, falls eines Tages die Hacker wieder attackieren.

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