https://www.faz.net/-gum-8xt7f

Wahlkampf im Internet : Im Neuland angekommen

Nach seinem Sieg wurde dieser datengestützte Wahlkampf zum Mythos: Eine kleine Marketingfirma habe den Außenseiter mit Hilfe von Big Data, Psychographie und Microtargeting unterstützt, schrieb „Das Magazin“. Schon diese Begriffe machten vielen Angst. Es sei ein Programm entwickelt worden, das dank gekaufter Daten und der Analyse von Facebook-Likes die Persönlichkeit jedes Erwachsenen in Amerika berechnen könne, hieß es. Daran sei die Wahlwerbung angepasst worden, und deswegen sitze Trump jetzt im Oval Office.

Nicht nur van de Laar hält das für eine „Verschwörungstheorie“: „Alle sind davon ausgegangen, dass Clinton gewinnt. Nach der Niederlage haben viele Menschen die Welt nicht mehr verstanden. Und das war dann eine Erklärung für das Unerklärliche.“

„Facebook gibt Politikern sogar einen Leitfaden an die Hand“

In Deutschland sei so ein Big Data-Wahlkampf sowieso „völlig unvorstellbar“: „Die Grundlage dafür ist der direkte Zugriff auf ein umfassendes Wählerregister, das Parteien in Deutschland nicht haben.“ Und selbst wenn es ginge: „Für jede einzelne Zielgruppe müssten unterschiedliche Inhalte konzipiert werden. Das wäre ein Aufwand, den sich keine Partei leisten kann.“

Leisten können sich die Deutschen dagegen Anzeigen auf Facebook. Dort kann man immerhin grob auswählen, welche Zielgruppen man mit einer Kampagne ansprechen will. „Facebook gibt Politikern sogar einen Leitfaden an die Hand“, sagt van de Laar. „Wer aber die 225.000 potentiellen Wählerinnen und Wähler in seinem Wahlkreis erreichen will, muss einiges an Geld investieren.“ Beiträge, die nichts kosten und somit auch nicht beworben werden, fänden quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Der große Vorteil im Internet ist für die Parteien vor allem, dass sie schnell auf Ereignisse reagieren und Stimmung machen können. Ein Mitglied der Jungen Union, Thomas Eusterfeldhaus, twitterte im NRW-Wahlkampf ein Foto, das zeigte, wie die Spitzenkandidatin der Grünen, Sylvia Löhrmann, vor einem Wahlkampftermin ihren „dicken Audi A8“ gegen ein „umweltfreundliches Hybrid-Auto“ tauschte. „Grüne Doppelmoral“, schrieb er. Die stellvertretende Ministerpräsidentin reagierte auf Twitter: „Saubere Trennung zwischen Ministerinnen-Dienstwagen und Wahlkampfauto. Wie sich das gehört.“

Grüne versuchen, „digitale Brände“ zu löschen

Schnell sprangen der Grünen viele Nutzer scheinbar zufällig zur Seite. Sie machten sich über die Kritik lustig, indem sie bearbeitete Bilder twitterten, auf denen der Dienstwagen durch Heißluftballons, Pferde oder ein Raumschiff ersetzt worden war, und kramten schließlich auch ein Foto hervor, auf dem das „Wahlkampfauto“ von CDU-Spitzenkandidat Armin Laschet zu sehen war: ein riesiger Reisebus. Van de Laar sagt dazu: „Gut gemacht von beiden Seiten.“

Was auf den ersten Blick wie eine spontane Unterstützungsaktion für die Grünen aussah, hat oft System: Die Partei versucht den Kampagnen, die gegen sie online laufen, mit einer über 2300 Menschen starken „Grünen Feuerwehr“ zu begegnen. Die in einer geschlossenen Facebook-Gruppe organisierten Aktivisten sollen „auch ohne das Signal aus der Zentrale in den Leiterwagen springen und eilen, um die digitalen Brände zu löschen“, heißt es auf der Homepage der Partei.

Weitere Themen

Topmeldungen

Bergbau im Erzgebirge : Die Jagd nach dem Milliarden-Schatz

Im Erzgebirge wird an der ersten deutschen Erzmine seit dem Krieg gebaut. Ein Investor verspricht sichere Rohstoffe und Hunderte Arbeitsplätze. Doch Politiker interessiert es nicht, Behörden mauern und Anwohner rebellieren.

Pläne der neuen Ministerin : Was die Bundeswehr braucht

Die Streitkräfte müssen bereit und fähig für den Einsatz sein. Die bisherigen Bemühungen müssen deshalb fortgesetzt und verstärkt werden – daran wird man die neue Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer messen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.