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Wahlkampf im Internet : Im Neuland angekommen

Für die SPD kam die Niederlage in Nordrhein-Westfalen einem Erdbeben gleich. Die Partei hat jetzt unter dem Parteivorsitzenden Martin Schulz drei Landtagswahlen in Folge krachend verloren, darunter mit Nordrhein-Westfalen das Kernland der Genossen. Lauer verwies am Samstag per Twitter noch darauf, dass die bundesweiten Umfragewerte der SPD immer noch besser als in der Vor-Schulz-Zeit seien. Am Sonntagabend schrieb er ironisch: „Ich übernehme die politische Verantwortung!“

Online kann jeder punkten

Hätte die SPD online etwas besser machen können? Politikwissenschaftler Bieber wundert zum Beispiel, dass man online nichts von den vielen Tausend Mitgliedern merke, die die Partei durch den Schulz-Hype gewonnen habe. „Die hätte man mobilisieren müssen.“ Während es ins Fernsehen nur prominente Politik-Kandidaten schaffen, kann online jeder punkten.

Zum Beispiel Ibrahim Yetim. Er ist gelernter Bergmechaniker, arbeitete früher unter Tage, heute sitzt er für die SPD in Nordrhein-Westfalen im Landtag. Mit einer Persiflage des mittlerweile berühmten Wahlkampf-Videos von FDP-Chef Christian Lindner fand Yetim Zehntausende Zuschauer auf Youtube. Lindner sitzt in seinem Schwarzweiß-Clip unter anderem im Unterhemd (und mit Smartphone) auf der Couch und sinniert darüber, wie toll es doch sei, dass er gegen allen Widerstand immer weiter für eine liberale Politik kämpfe.

Geht so digitaler Wahlkampf? Christian Lindner im FDP-Video

Das, so Bieber, „ist eher ein Werbespot fürs Kino“. Internettypisch sei dagegen die Antwort von Yetim gewesen, ein Remix, der mit der Botschaft endete: „Es geht um unser Land. Deshalb möchte ich Nordrhein-Westfalen in den kommenden fünf Jahren mitgestalten und nicht schon übermorgen nach Berlin wechseln. Christian, es geht nicht um Dich!“ Zu der Video-Parodie sagt Bieber: „So funktioniert Online-Wahlkampf.“ Der ganz auf Lindner ausgerichtet Wahlkampf der FDP funktionierte am Ende aber besser: Die Partei erreichte das beste Ergebnis ihrer Geschichte in dem Bundesland.

Nicht nur Lindner, auch die Konkurrenz hat sich in diesem Jahr schon tief ins „Neuland“ (Angela Merkel 2013 über das Internet) gewagt: Die CDU ließ auf Basis früherer Wahlergebnisse, gekaufter Adressdaten und soziodemographischer Informationen die App „Connect17“ programmieren, die Wahlkämpfern genau anzeigt, wo CDU-affine Wähler leben. Vor der Saarland-Wahl klingelten CDU-Helfer an 75000 Türen, in Schleswig-Holstein waren es 65540. In die App trugen die Wahlkämpfer ein, für welche Themen sich die Leute interessierten. Auch in NRW wurde mit der App gearbeitet – und sogar ein Wettkampf ausgerufen. Für jeden Kontakt gab es 50 virtuelle Punkte, die fleißigsten Wahlkämpfer wurden mit einem Anruf von Merkel belohnt. Nach dem Triumph in Nordrhein-Westfalen twitterte CDU-Generalsekretär Peter Tauber: „Übrigens wirkt!“

Datengestützter Wahlkampf wurde zum Mythos

Mit dieser modernen, spielerischen Herangehensweise überraschte die Partei auch den Kampagnenberater Julius van de Laar, der eigentlich der SPD nähersteht. Er arbeitete 2008 im legendären „Yes we can“-Wahlkampf für Barack Obama und sagt: „Lange war Wahlkampf per App in Deutschland unvorstellbar.“ In Amerika ist das seit Obama übliche Praxis: Auch Trump-Unterstützer bekamen 2016 auf Smartphones angezeigt, wo es sich lohnte zu klingeln.

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