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Polarnacht in Skandinavien : Wer wird denn da düster denken?

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Auch die Aurora borealis hilft: Das Nordlicht erleuchtet Tromsø in Zeiten des Eises und der Finsternis. Bild: dpa

Ganz im Norden Europas geht die Sonne zwei Monate lang nicht auf. In diesen Tagen ist es am längsten dunkel. Wie stehen die Menschen in Norwegen das durch? Ein nächtlicher Besuch in Tromsø.

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          Gute Nachrichten: Die Talsohle ist erreicht! Es ist Wintersonnenwende, der kürzeste Tag des Jahres ist angebrochen. Am Bodensee geht die Sonne heute, am 21. Dezember, um 16.35 Uhr unter. In Frankfurt um 16.25 Uhr, in Hamburg schon um 16.02 Uhr. Das tut nicht jedem gut: Millionen Deutsche klagen über den Winterblues, einige macht die Finsternis sogar depressiv, und je weiter nördlich man schaut, desto kürzer wird der Tag. Flensburg 15.57 Uhr, Göteborg 15.26 Uhr, Oslo 15.12 Uhr. Die Sonne hat den Süden im Blick, so sehr, dass sie im Norden kaum noch aufgeht. Ab etwa 66,5 Grad nördlicher Breite herrscht Dunkelheit. Zwei Monate lang Polarnacht. Seit November leben die wenigen Bewohner des äußersten Endes Europas ohne direktes Sonnenlicht. Im Sommer geht die Sonne dafür zwei Monate lang nicht unter: die Mittsommernacht.

          Weihnachtsbrunch gegen Depression

          Seit Wochen schon liegt Schnee in Tromsø. Zentimeterdicke Eisschichten überziehen die Straßen, am Straßenrand türmen sich meterhohe Schneeberge. Die Sonne haben die Tromsøer zuletzt am 26.November gesehen, um 12.02 Uhr, um genau zu sein, denn da ist sie ein letztes Mal untergegangen. Erst Ende Januar soll sie wieder zurückkommen. Das muss fürchterlich sein! Es ist 9.30 Uhr, und draußen ist es stockduster. Die Stadt dagegen ist hell: In fast allen Häusern brennt schon Licht, üppige Weihnachtsbäume, wohin man schaut. Marie-Mett Graff reißt die Tür mit einem Grinsen auf. „Hiiiiii“, ruft sie mit heller Stimme. Eigentlich, so sagt sie unumwunden, täten ihr die Kälte, die Dunkelheit, die ewige Nacht nicht gut. In den Zimmern stehen besondere Lampen. Sie lassen die Wohnung mit 10.000 Lux taghell werden. So hell, dass man die Lichter am Tannenbaum kaum noch sieht.

          Marie-Mett wurde in Oslo geboren, mehr als 1000 Kilometer weiter im Süden, wo es auch im Winter noch Tageszeiten gibt. Vor knapp 40 Jahren ist sie mit ihren Eltern in den hohen Norden gezogen, weil die Regierung Prämien dafür zahlte, wenn Norweger die entlegene Region bevölkerten. Marie-Mett richtet einen Weihnachtsbrunch aus – um keine Depression zu bekommen, wie sie sagt. Zu dieser Jahreszeit tun ihr die Knochen weh, erzählt sie. Marie-Mett steht jeden Morgen um sechs Uhr auf. Am Wochenende höchstens zwei Stunden später, um nicht aus dem Rhythmus zu kommen. Wie hält sie das aus? „Niemals allein sein – Regel Nummer eins im Winter.“ Morgens aufzustehen ist hart. Andererseits ist es auch egal, wann man aufsteht, wenn es ohnehin ständig Nacht ist.

          Sie können noch lachen: Die Menschen im Norden von Norwegen scheinen sich nicht viel aus der Düsternis zu machen. Marie-Mett (Mitte) lädt Freunde zum ausgiebigen Brunch ein.
          Sie können noch lachen: Die Menschen im Norden von Norwegen scheinen sich nicht viel aus der Düsternis zu machen. Marie-Mett (Mitte) lädt Freunde zum ausgiebigen Brunch ein. : Bild: Yves Bellinghausen

          15 Norweger hat Marie-Mett eingeladen: Kollegen, die mit ihr in der Kirche arbeiten, Freunde ihres Mannes und Klassenkameraden ihrer Tochter. Jammern hier also 15 Norweger kollektiv über das schlimme Wetter und die Dunkelheit? Nichts davon. Hier sitzen 15 Tromsøer und erzählen von ihren wichtigsten Regeln, um die ewige Dunkelheit zu überleben: viel Sport machen, früher aufstehen, mehr ausgehen, Freunde treffen. Am wichtigsten: Man soll es sich immer schön koselig machen – ein Wort, das wohl kaum einer Übersetzung bedarf.

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