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Polarnacht in Skandinavien : Wer wird denn da düster denken?

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Sonntagnachmittag: Es hat wieder mal angefangen zu schneien. Der Schnee zerschmilzt direkt zu Eiswasser, wenn er auf die beheizten Bürgersteige der Stadt fällt. Ingrid Synnøve Aunegård und ihr Mann Sven sind gerade von einer Wanderung in den Bergen zurückgekommen. Überall in ihrer Wohnung stehen Kerzen, im Wohnzimmer läuft der Holzofen. Schön koselig haben sie es sich gemacht. Sven und Ingrid sind die Inkarnation der Wintertime-Mindset-Theorie. Ingrids Augen sind weit aufgerissen, wenn sie von ihrer Wanderung erzählt. Ganz toll sei das gewesen! Eine wunderbare Aussicht hätten sie gehabt! „Ja, natürlich war es dunkel in den Bergen“, sagt sie. Aber diese Farben, als die Sonne fast aufgegangen ist: „Blau, Gelb und Rot: phänomenal!“ Ihr Mann Sven war vor ein paar Tagen Ski fahren. Im Dunkeln? „Ja klar“, sagt er. „Mit einer riesigen Lampe auf dem Helm.“ Oberhalb von Tromsø liegt ein See, der Prestvannet. Noch nach Mitternacht sind die Wanderwege entlang des Ufers voll von Skilangläufern.

Mit der App zum Polarlicht

Der Tourismusverband des Landes hat eine App rausgegeben, die vorhersagen soll, in welchen Nächten man das Polarlicht sehen kann, die Aurora borealis. Chinesen fliegen vom anderen Ende der Welt hierher, um das Spektakel zu sehen. Für Norweger ist es nichts Ungewöhnliches. Trotzdem versuchen besonders Familien mit Kindern regelmäßig ihr Glück. Grüne und lilafarbene Streifen ziehen sich dann durch den Himmel. Auf Fotos sind die Farben zumeist wesentlich intensiver als in echt. Trotzdem ist es ein erhabener Anblick, wenn sie langsam über das Firmament schleichen. Wahrscheinlich muss man aus Nordnorwegen kommen, um in das „Wintertime Mindset“ zu kommen. Hier, wo im Gegensatz zu Deutschland der Winter ein Spektakel ist, wo kein Nieselregen vom Himmel fällt, sondern buntes Licht, wo kein brauner Matsch die Straßengräben säumt, sondern fast täglich frischer Schnee fällt. Skipisten, Fjorde, Berge, Meer – alles vor der Tür. Hier ist es wohl leichter, sich mit der Natur zu vertragen.

Zurück in der Innenstadt von Tromsø: Das Rathaus der Stadt ist so gar nicht koselig. Der klobige Glasbau will nicht recht zu der kuscheligen Stadt passen. Im Atrium versucht ein verlorener Weihnachtsbaum die Stimmung zu retten. Die Bürgermeisterin der Stadt, Kristin Røymo, hat ein vollverglastes Eckbüro im obersten Stock. Zufrieden lehnt sie in ihrer Couch. Sie ist in einer komfortablen Situation, kann über die Erfolgsgeschichte der Stadt referieren: Tromsø verzeichne immer mehr Einwohner, der Tourismus wachse. „Hätte man noch vor zehn Jahren gesagt, dass Tromsøs Hotels im Winter voll werden: Man hätte uns ausgelacht.“

Das ist auch das Ergebnis von offensivem Marketing. Aber nicht nur. Denn wie ihre Bürger, so will auch die Stadt den Winter nicht verschlafen. „Vor ein paar Jahrzehnten ist die Stadt zwischen November und Januar in einen Winterblues verfallen“, sagt Røymo. Doch dann habe man Festivals angelockt: Musikfeste, ein Filmfestival und Sportveranstaltungen – alles in der Dunkelheit. Die Stadt wurde internationaler, neue Bars und Restaurants wurden eröffnet. Tatsächlich wirkt Tromsø für 75.000 Einwohner heute überraschend lebendig. „Im Gegensatz zu anderen Regionen haben wir uns nicht mit der Dunkelheit arrangiert“, sagt die Bürgermeisterin, „wir haben sie umarmt!“ Nicht jedem, der unter einer Winterdepression leidet, hilft der Hinweis, ihm fehle nur die richtige Haltung. Vielmehr ist Tromsø eine Stadt, die zeigt, warum der Mensch die ganze Erde bevölkert: nicht nur, weil er seine Umwelt kultiviert, sondern auch, weil er seine Kultur der Umwelt anpasst. Der Kälte begegnet er mit Wärme und der Dunkelheit mit Festen. Das Bewusstsein bestimmt das Sein, sozusagen.

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