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Polarnacht in Skandinavien : Wer wird denn da düster denken?

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Der Brunch ist vorbei. Draußen ist es dunkel. Zwischendurch muss es kurz gedämmert haben. Manchmal liest man, im Winter würde es niemals hell werden in Tromsø. Aber das stimmt nicht ganz: Es dämmert auch im hohen Norden, in Tromsø sogar für einige Stunden. Es ist eine Dämmerung, die das mitteleuropäische Gehirn verwirren mag: Gegen Vormittag kündigt sich die Sonne an. Das südöstliche Firmament wandelt sich von Pechschwarz zu Dunkelblau – bei gutem Wetter ist auch mal Grau drin. Die blaue Stunde beginnt. Das Dunkelblau wandert von Südosten nach Südwesten, bis es schon bald schwarz wird. Um 13 Uhr ist die seltsame Dämmerung vorbei. Der surreale Tag verwirrt nicht nur den mitteleuropäischen Kopf. Die Zeit schleicht und rennt gleichzeitig.

Innere Uhr streikt am Polarkreis

Marie-Metts Gäste sind allesamt zu spät gekommen. „Wir haben hier kein Zeitgefühl im Winter“, sagt sie scherzend. Der wahre Kern: Auf die innere Uhr kann man sich am Polarkreis nicht verlassen. Selbst wenn die Tage kürzer werden, gibt das Licht dem Mitteleuropäer noch den Takt vor. Hier aber sind Morgengrauen und Abenddämmerung ein und dasselbe. Vormittage scheint es nicht zu geben, die Nachmittage und Abende ziehen sich dafür ewig.

Kann das gesund sein? Besuch bei Oddgeir Friborg, Professor für Psychologie an der Arktischen Universität in Tromsø, die sich stolz als nördlichste Universität der Welt bezeichnet – ein gerne benutzter Superlativ hier oben. Friborg hat in den vergangenen Jahren einige Studien zur Schlafdauer der Tromsøer durchgeführt. Tatsächlich gehen die Bewohner der Stadt im Winter sogar etwas später zu Bett als während der Mittsommernacht. Auch Depressionen scheinen in Tromsø nicht wesentlich verbreiteter zu sein als in Regionen, die ohne die ewige Nacht leben müssen. „Das mag absonderlich klingen“, sagt Friborg, „aber wir glauben, eine Erklärung für das Phänomen gefunden zu haben.“ Die Tromsøer hätten ein „wintertime mindset“, also quasi die richtige Einstellung zum Winter gefunden. Sein Kollege am Institut Joar Vittersø hat vor ein paar Jahren herausgefunden, dass Menschen, die weiter nördlich in Norwegen leben, eine positivere Einstellung zum Winter haben als Menschen, die im Süden des Landes leben.

Und in der Tat: Wer die Menschen am nördlichsten Vorposten Europas fragt, wie sie durch die Dunkelheit kommen, dem schlägt zuweilen Verwirrung entgegen. Winter, Dunkelheit und Kälte sind hier keine Begriffe, die negativ konnotiert sind. Es gilt die Polarnacht nicht zu ertragen, es gilt sie zu genießen. Marie-Mett, die gebürtige Osloerin, leidet unter der ewigen Nacht. Doch die meisten Menschen, die hier geboren wurden, freuen sich geradezu auf die dunklen Monate.

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