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Marlee Matlin im Interview : „In Hollywood sind viele zu ängstlich“

„Ich wurde gezwungen, sehr schnell erwachsen zu werden, und das war gut“: Marlee Matlin, Schauspielerin Bild: Apple

Bereits im Jugendalter stand die Ausnahmeschauspielerin Marlee Matlin im Scheinwerferlicht: Im Interview spricht sie über ihre Gehörlosigkeit, den Kampf um gute Rollen und ihren Drogenentzug zwischen zwei Filmpreisen.

          7 Min.

          Vor Interviews mit amerikanischen Schauspielern ist es schon länger üblich, dass die zuständige Agentur eine Reihe von Instruktionen verschickt. In Zeiten, da viele dieser Interviews am Bildschirm stattfinden, hat das nicht nachgelassen, im Gegenteil: Neben – zum Beispiel – der höflichen, aber nachdrücklichen Bitte, keine heiklen Themen wie Politik anzusprechen, erhält man nun Anweisungen, welches Konferenzprogramm man herunterladen und wann man sich in welchem virtuellem Empfangszimmer einfinden möge.

          Jörg Thomann
          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Noch etwas ganz anderes aber ist es, wenn man eine Hollywood-Schauspielerin sprechen möchte, welche gehörlos ist. Vor dem Interview mit Marlee Matlin, die 1987 mit gerade 21 Jahren den Oscar als beste Hauptdarstellerin in dem Liebesdrama „Gottes vergessene Kinder“ gewann, ist das durchaus willkommen, wenn man sich ohnehin gefragt hat, wie so ein Gespräch ablaufen wird. So wird es einen Dolmetscher geben, um die Gebärden der Schauspielerin in Worte zu fassen. Der Interviewer soll langsam und klar sprechen, darauf achten, dass sein Gesicht gut ausgeleuchtet ist, und sich stets direkt an die Interviewte wenden und nicht etwa an den Übersetzer. Auch auf die Wortwahl gilt es achtzugeben: Völlig in Ordnung sei deaf, taub, negativ besetzt hingegen hearing im­paired, hörgeschädigt.

          Solchermaßen sensibilisiert, schaut man sich vielleicht noch ein paar Youtube-Videos an, in denen Gehörlose von für sie befremdlichen Fragen berichten, die hörende Mitmenschen an sie richten: Kannst du Lippen lesen, was habe ich gerade gesagt? Darfst du Auto fahren? Kannst du lesen und schreiben? Schließlich fühlt man sich halbwegs gerüstet, begibt sich ins virtuelle Gesprächszimmer, in dem Matlin und ihr Stammdolmetscher, Freund und Geschäftspartner Jack Jason warten – und dann entfährt einem als Erstes ein Satz, der dank zahlloser Videokonferenzen zur Gewohnheit geworden ist: „Können Sie mich hören?“

          Wenn aber jemand mit solchen kleinen Peinlichkeiten umgehen kann, dann Marlee Matlin. „I’ll Scream Later“ (Ich schreie später) hat sie 2009 selbstironisch ihre Autobiographie betitelt. Sie war 18 Monate, als sie ihr Gehör verlor, beim rechten Ohr komplett, beim linken zu 80 Prozent; als Grund vermutet Matlin einen Gendefekt. In manchen ihrer Rollen hört man sie sprechen, in ihrem neuen Film „Coda“ kommuniziert sie ausschließlich über Gebärdensprache. Das Akronym CODA steht für children of deaf adults – Kinder, deren Eltern taub sind. Ein solches Kind ist die Filmheldin Ruby, die ihrer gehörlosen Familie beim Fischen hilft, eines Tages ihr Gesangstalent entdeckt und sich entscheiden muss, ob sie weiter ihrer Familie als Draht zur hörenden Welt dienen oder ihren eigenen Weg gehen wird. Das erinnert nicht nur an den deutschen Film „Jenseits der Stille“ (1996), sondern ist eine Neuverfilmung der französischen Tragikomödie „Verstehen Sie die Béliers?“ von 2014.

          Ms. Matlin, Ihre Filmtochter Emilia Jones, die eine ziemlich spektakuläre Leistung zeigt, ist ungefähr in dem Alter, in welchem Sie selbst „Gottes vergessene Kinder“ drehten. Hat Sie das ein wenig an die Zeit erinnert, als Sie Ihren Durchbruch schafften?

          Emilia war 17, als sie „Coda“ gedreht hat. Ich bin vierfache Mutter, und eine meiner Töchter ist in ihrem Alter, weshalb ich mich weniger mit Emilia identifiziert als einen Mutterinstinkt verspürt habe: Ich achtete darauf, ob es ihr gut ging, ob sie richtig aß und genug Schlaf bekam. Auf der anderen Seite ist Emilia schon viel länger im Entertainment-Business als ich zu der Zeit, als ich „Gottes vergessene Kinder“ drehte. Sie kam als Profi ans Set und wusste genau, was vor sich ging. Ich wusste das damals nicht, für mich war es mein erster Film.

          Für den Sie gleich einen Oscar und einen Golden Globe bekamen. Wie hat das Ihr Leben verändert?

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