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Auf dem roten Teppich: Monica Lewinsky bei einem Event zum Start der Serie „Impeachment“ in Hollywood Anfang September Bild: Reuters

„MeToo“ und die Folgen : Die Clinton-Lewinsky-Affäre wird neu erzählt

Der Präsident und die Praktikantin: Die Clinton-Lewinsky-Affäre wird in der Serie „Impeachment“ neu erzählt. Doch nicht nur im Fernsehen. Eine Neubewertung war nach der Missbrauchsdebatte der letzten Jahre längst überfällig.

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          Im Januar 1998 erschien in der ­kleinen, alternativen Wochenzeitung Washington City Paper eine Titelgeschichte: „I Dated Monica Lewinsky“ – Mein Rendezvous mit Monica Lewinsky. Den Namen zu erklären war unnötig; es gab damals wohl nur wenige Menschen auf dem Planeten oder doch zumindest in dessen westlicher Hemisphäre, die noch nichts von der 21-jährigen Praktikantin des Weißen Hauses gehört hatten, die angeblich Sex mit dem Präsidenten gehabt hatte und deren Bild gerade allgegenwärtig war.

          Bertram Eisenhauer
          Verantwortlich für das Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          (Eine Untertreibung: Bis in kleinste Details hinein sollte bekannt werden, was genau sich wann, wo und wie zwischen the intern und Bill ­Clinton abgespielt hatte, nicht zuletzt weil die Affäre Weiterungen bis hin zu einem Amtsenthebungsverfahren gegen Clinton haben und einen Sonderermittler beschäftigen würde, in dessen Abschlussbericht das Wort Oralsex 85 Mal vorkam.)

          City Paper-Autor Jake Tapper, damals Ende 20 (und heute bei CNN einer der renommiertesten Fernsehjournalisten des Landes), beschrieb ausführlich das Date, das nur wenige Wochen, bevor Lewinsky notorisch wurde, stattgefunden hatte. Wie es der Zufall wollte – aber auch nicht überraschend in einer Stadt, deren Bewohner in der Mehrzahl einem einzigen Geschäft, der Politik, nachgehen oder ihr zuliefern –, hatten sich die beiden auf einer Party kennengelernt; da war sie noch eine von vermutlich Hunderten völlig unbekannten Praktikantinnen in der Hauptstadt.

          Lewinsky wurde „diese Frau“

          Für das Rendezvous führte er sie in ein „nettes Restaurant, das Texmex servierte“. Ihm gefiel gleich an ihr, dass sie anders als andere seiner Verabredungen mehr als nur einen Salat aß – eigene Vorspeisen und ein eigenes Hauptgericht! (Ihr Angebot, für ihr Essen selbst zu zahlen, lehnte er ab – Teil des Dating-Rituals.) Sein dominierender Eindruck von Lewinsky: Sie sei fröhlich und offen gewesen, mit „an almost childlike sweetness“ – was mit „beinahe kindlicher Unschuld“ sicher nicht falsch übersetzt ist. Sein Resümee: „Meiner Mom hätte sie gefallen. Meinem Dad auch.“

          Offizielle Pose für ein Foto zu ihrem Geburtstag: Clinton und Lewinsky im Oval Office vor dem Skandal
          Offizielle Pose für ein Foto zu ihrem Geburtstag: Clinton und Lewinsky im Oval Office vor dem Skandal : Bild: picture-alliance / dpa

          Freilich: Das Date blieb folgenlos, zu einem zweiten kam es nicht, und Tappers Reminiszenz war am Ende ja nur ein winziger Teil in einem Tsunami öffentlicher Aufmerksamkeit, getriggert durch das Zusammenwirken zweier unwiderstehlicher Faktoren: Macht und Sex. Doch zeigt die Geschichte von Monica Lewinsky auch, was geschieht, wenn der gesellschaftliche Diskurs sich des Körpers einer Frau bemächtigt, und in diesen Tagen wird diese Geschichte buchstäblich neu erzählt – in einer zehnteiligen Fernsehserie. Ko-Produzentin von „Impeachment“ beim Bezahlsender FX: Lewinsky, heute 48. Die Aggregator-Seite Rotten Tomatoes zählte für die gerade ausgestrahlte erste Folge achtbare 69 Prozent positive Rezensionen. Wichtiger aber noch: Die Serie ist die Fortsetzung einer grundlegenden Neubewertung der Affäre, die sich in dem größeren Zusammenhang einer kulturell-mentalen und gesellschaftlichen Bewegung der letzten Jahre ereignet, welche mächtige Männer zur Rechenschaft zieht, die ihre Position missbrauchen. Nur zwei Stichworte: #metoo, Harvey Weinstein.

          Doch damals, 1998, war Lewinsky selbst für zahlreiche Feministinnen „diese Frau“, in Clintons herablassend-verächtlicher For­mulierung „Ich hatte keinen Sex mit dieser Frau“. Viele der politisch Linken nahmen ihr übel, dass sie ihren Darling Clinton gefährdete. Der Skandal entfaltete sich inmitten des Kulturkampfes und der Polarisierung, die sich bis heute in den Vereinigten Staaten noch weiter verschärft haben. Mit den Clintons hatte jene Generation das Weiße Haus erobert, die in den Sechzigerjahren politisch formatiert worden war, und die Reaktion der amerikanischen Rechten war eine beispiellose parteipolitische Bösartigkeit; für sie, die zuvor allerlei angebliches und tatsächliches Fehlverhalten des Paars aus Arkansas zu skandalisieren versucht hatte, war so eine Sexaffäre ein Traum. Die Linke hielt wie aus Trotz dagegen; bei vielen dort verfing Clintons Argument, das Ganze sei eine private Angelegenheit. Manch ein Progressiver empfahl seinen Landsleuten, sich doch an den in Fragen des Geschlechtslebens nonchalanteren Franzosen ein Beispiel zu nehmen.

          Und selbst wenn die Affäre in feministischen Kreisen eine hitzige Debatte über Sex und Macht und Prioritäten entfachte, war Clinton gerade für prominente Frauenrechtlerinnen doch vor allem ein politischer Alliierter, den es zu verteidigen galt, so unwohl einem dabei womöglich war. Patricia Ireland, Präsidentin der einflussreichen „National Organisation for Women“ (NOW), beschrieb den Frontverlauf so: „Er steht in Frauenfragen auf der richtigen Seite.“ Lewinsky sollte noch 2014 in einem Artikel für das Glamourmagazin Vanity Fair darauf bestehen: „Es war eine Beziehung im gegenseitigen Einverständnis.“

          Doch kann man von echtem Einverständnis reden, wenn das Machtgefälle zwischen den Beteiligten so extrem ist wie in diesem Fall: hier die Frau von Anfang 20, dort der sprichwörtlich „mächtigste Mann der Welt“? Lewinsky selbst relativierte ihr Urteil später denn auch. Inzwischen hat sich bei vielen das Gefühl breitgemacht, dass die Nation in den Jahren 1998 und folgenden die Gelegenheit zu einer dringend notwendigen Debatte verpasst hat. „Worüber wir damals hätten reden sollen“, so stellte das linksliberale Onlineportal Vox 2017 fest, „ist, wie Männer ihre soziale und wirtschaftliche Macht über jüngere und weniger mächtige Frauen missbrauchen“. Das Fazit sogar: „Bill Clinton hätte zurücktreten müssen.“

          Anfragen für Interviews lehnte sie jahrelang ab

          Für Monica Lewinsky ist diese größere Debatte sehr persönlich: Teil ihrer persönlichen Rehabilitation, wie die New York Times in einem Porträt schrieb. „(Meine) Geschichte“, so sagte Lewinsky einer Reporterin der Zeitung, „ist seit 20 Jahren Teil einer nationalen Konversation, und während ich mich weiterentwickele, während die Welt sich weiterentwickelt, nimmt diese Geschichte unterschiedliche Bedeutungen an.“ Lewinsky hat lange gebraucht, um nach dem Skandal halbwegs wieder Tritt zu fassen. Ein Magazin hat mal durchgezählt: Ihr Name wird in 128 Rap-Songs erwähnt. Nach 1998 wurde bei ihr ein Trauma diagnostiziert; bis heute ist sie in Behandlung bei einem Therapeuten. Anfragen für Interviews oder ein Buch lehnte sie viele Jahre lang ab.

          Sie versuchte sich als Handtaschendesignerin, im Reality-TV, zog 2005 nach London, um einen Master in Sozialpsychologie zu machen, schließlich nach L.A., wo sie aufgewachsen war: „Ich wollte einen Job, ich wollte einen Ehemann, ich wollte Kinder, ich wollte normal behandelt werden.” Der Schauspieler Alan Cumming, seit 2000 mit ihr befreundet, sagte der Times: „Wenn man versteht, was sie durchgemacht hat, ist der Umstand, dass sie die ist, die sie ist – diese warme, gütige, ausgelassene, geistreiche Person —, einfach bemerkenswert.“ Es wäre Lewinsky lieber gewesen, es hätte keine Fernsehserie gegeben; da sie aber wusste, dass so oder so eine kommen würde, entschloss sie sich, als Produzentin mitzuwirken.

          Als „Impeachment“ im Juli in New York einem prominenten Publikum präsentiert wurde, ersparte Lewinsky sich die Vorführung und erschien erst zum anschließenden Empfang im vornehmen Restaurant „Four Seasons“; es gebe keine Notwendigkeit, die schmerzhafteste Zeit ihres Lebens in einem Raum voller Fremder noch einmal zu erleben, scherzte sie gegenüber der Times. Stattdessen hatte sie derweil eine Videositzung mit ihrem Therapeuten.

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