https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/wie-die-anwaeltin-christina-clemm-gegen-gewalt-an-frauen-kaempft-16657683.html

Gewalt gegen Frauen : Wir müssen reden!

Demonstrantinnen protestieren in Mexiko-Stadt gegen Gewalt gegen Frauen. Im Durchschnitt werden jeden Tag 10 Frauen in Mexiko ermordet. Bild: dpa

Ihre Wut wächst: Anwältin Christina Clemm vertritt Frauen, die von ihren Männern geschlagen werden. Laut Statistik gibt es in jedem Freundeskreis Täter und Opfer. Aber niemand fragt nach.

          8 Min.

          Im Büro von Christina Clemm steht ein kleiner runder Holztisch mit vier weißen Stühlen. Lehrerinnen sitzen hier normalerweise, Erzieherinnen, Hausfrauen, Bankangestellte. Manche Frauen sind jung, fast noch Mädchen, andere um die siebzig. Viele kommen direkt aus dem Frauenhaus in die Kanzlei. Mandantinnen mit Einfamilienhaus in den bürgerlichen Bezirken Berlins haben sich in der Regel zu Freundinnen oder den Eltern geflüchtet. Hin und wieder sind Verletzungen sichtbar. Hier ein Arm im Gips. Dort eine Narbe. Anderen ist äußerlich wenig anzumerken. Dann aber schaffen sie es kaum, über ihre Lage zu sprechen, ohne dass ein Zusammenbruch droht.

          Julia Schaaf
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Auf dem kleinen runden Tisch stehen eine teichgrüne Kerze, eine Wasserkaraffe und eine Holzfigur: ein Handschmeichler von der Form einer zu klein geratenen Birne. Viele Frauen greifen danach, unbewusst, wie Christina Clemm erzählt, aus Nervosität. Erst wenn ihnen auffällt, dass sie das Holzstück schon seit geraumer Zeit hin- und herwenden, erkundigen sie sich, was es sei. „Ein Stehaufmännchen“, sagt die Anwältin dann, drückt den oberen Teil in Richtung Tischplatte und lässt los, woraufhin die Birne wieder nach oben schnellt und sich in der Senkrechten einpendelt. „So wie Sie“, fügt Clemm hinzu.

          Die Zweiundfünfzigjährige mag es nicht, wenn sie als „Opferanwältin“ bezeichnet wird, weil das oft despektierlich gemeint ist und nach wenig juristischem Sachverstand klingt – als bestünde ihr Job darin, im richtigen Moment das Taschentuch zu reichen. Als Fachanwältin für Straf- und Familienrecht ist Clemm regelmäßig auch als Verteidigerin vor Gericht. Außerdem sagt sie: „Ich mach auch gerne mal eine ganz normale Scheidung“, worüber sie selbst lachen muss, so lapidar, wie das klingt. Aber natürlich ist es vergleichsweise entspannend, wenn es nur um das Ende einer Beziehung und nicht um Leib und Leben geht.

          „Wir leben immer noch im Patriarchat.“

          Denn seit fast 25 Jahren ist die Anwältin als Nebenklagevertreterin auf die Opfer von Taten spezialisiert, die gemeinhin unter Überschriften wie „Häusliche Gewalt“, „Partnerschaftsgewalt“ oder „Familiendrama“ verhandelt werden. Clemm spricht lieber von „geschlechtsspezifischer Gewalt“, weil alles andere so wirkt, als handelte es sich um eine Privatangelegenheit, was die gesellschaftliche, strukturelle Dimension eines Deliktfelds ausblendet, auf dem fast ausschließlich Frauen zu Schaden kommen. „Das ist jetzt ein bisschen platt“, sagt Clemm wie zur Entschuldigung für ihren nächsten Satz, der zwangsläufig eine Spur zu plakativ und grundsätzlich klingt: „Wir leben immer noch im Patriarchat.“

          Clemm ist Anwältin geworden, weil sie Frauen in solchen Fällen Beistand leisten wollte, und sie sagt bis heute, sie liebe ihren Beruf. Jetzt hat sie ein Buch geschrieben, das unter dem Titel „AktenEinsicht. Geschichten von Frauen und Gewalt“ am Dienstag erscheint und in dem sie zum Ende hin bilanziert: „Vielleicht sind es die Ignoranz und die Apathie großer Teile der Gesellschaft, die mich im Laufe der Jahre wütender werden lassen.“

          Dabei ist in den vergangenen 25 Jahren gerade in rechtlicher Hinsicht eine Menge passiert: Erst ist die Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe gestellt, dann das Recht auf gewaltfreie Erziehung verankert worden. Das Gewaltschutzgesetz wurde verabschiedet, das es ermöglicht, gewalttätige Partner mit einem Kontaktverbot zu belegen. Die Opferrechte wurden ausgebaut. Der Schutz der sexuellen Selbstbestimmung folgt inzwischen dem Grundsatz „Nein heißt Nein“. Und wenn jedes Jahr am 25.November – dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen – die Sonderauswertung der Kriminalstatistik veröffentlicht wird, aus der hervorgeht, dass in Deutschland jeden dritten Tag eine Frau von ihrem Lebensgefährten, Ehemann oder Expartner getötet wird, ist der öffentliche Aufschrei groß.

          In den Gerichtssälen hat sich wenig geändert

          Den Rest des Jahres jedoch, schimpft Christina Clemm, halte sie Vorträge vor einem rein weiblichen Publikum aus Sozialarbeiterinnen, Jugendamtsmitarbeiterinnen oder Fachkräften in Frauenhäusern – dabei „ist geschlechtsspezifische Gewalt vor allem ein Männerproblem“. Dunkelfeldstudien zufolge ist jede dritte Frau mindestens einmal im Leben von Gewalt (nicht nur Partnerschaftsgewalt) betroffen. In jedem Freundeskreis muss es folglich sowohl Täter als auch Opfer geben, in jeder Schulklasse werden Kinder sitzen, die zu Hause miterleben, wie der Vater die Mutter schlägt.

          „Wir müssen reden“, sagt Clemm. Für die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs führt die Anwältin Anhörungen von Missbrauchsopfern durch. Auch daher weiß sie um die hohen Hürden, über eigene Gewalterfahrungen zu sprechen. Ihre Mandantinnen unterdessen, sagt sie, machten alle dieselbe Erfahrung: Ganz gleich, in welcher Lautstärke ein Streit eskaliere, ob Schreie oder auch Gewalt eindeutig zu hören gewesen seien – nie würden sie anschließend im Treppenhaus gefragt: Wie geht es dir? Ist eigentlich alles in Ordnung? Kann ich helfen?

          Auch in den Gerichtssälen hat sich Clemm zufolge wenig geändert. Noch immer gebe es Richter und Richterinnen, die so etwas wie Sensibilität im Umgang mit einem mutmaßlichen Opfer vermissen ließen. Sobald darüber gestritten werde, ob sich eine Tat überhaupt zugetragen habe, würden ihre Mandantinnen im Zeugenstand von der Verteidigung mit Fragen bedrängt, die sie vor allem verunsichern sollten à la „Wie war denn der Sex sonst so in Ihrem Leben?“. Das Gericht, findet Clemm, schreite in solchen Fällen viel zu selten ein, aus Überlastung, mutmaßt sie, weil es schneller gehe, unbotmäßige Fragen beantworten zu lassen, als sich mit jeder einzelnen auseinanderzusetzen.

          Politische Plakate im Büro

          „Wenn ich mich zurückhalte, sage ich: ,Ich beanstande die Frage. Sie hat nichts mit der Sache zu tun.‘ Wenn ich mich nicht zurückhalte, frage ich zurück: ,Wie ist denn Ihr Sex zu Hause?‘“

          Wenn die Anwältin an ihrem kleinen runden Holztisch sitzt, um über ihre Arbeit und ihr Buch, man könnte auch sagen, über ihre Mission zu sprechen, passt sie auf den ersten Blick perfekt ins Klischee einer frauenbewegten Aktivistin aus Berlin-Kreuzberg: ungeschminkt, eine rotgefärbte wilde Mähne, Ethnoperlen am Handgelenk. In der Vase auf dem Regal stecken frische Tulpen zwischen ausladenden Weidenzweigen, ein paar Aktenstapel liegen auf dem abgezogenen Dielenbogen an der Wand – alternativ-geschmackvoll, könnte man diesen Stil nennen. Im Flur der Gemeinschaftskanzlei hängen aktuelle Plakate von den einschlägigen Großdemonstrationen der linken Szene. Auf der Ecke von Clemms Laptop klebt der Antifa-Aufkleber „FCK NZS“ – „Fuck Nazis“. Wobei Clemm, für die es zu ihrem Selbstverständnis gehört, bei Ereignissen wie dem G-20-Gipfel in Hamburg für die Gegendemonstranten sogenannte anwaltliche Notdienste zu übernehmen, sich weniger von der Antifa distanzieren würde als von dem vulgären Vokabular. Gewalt gegen Polizisten, ist die Anwältin überzeugt, werde in Deutschland unverhältnismäßig scharf bestraft.

          Clemm stammt aus einer bildungsbürgerlichen Familie in Süddeutschland. Schon im Studium in Freiburg war sie in der Hochschulpolitik und der sogenannten Frauenszene aktiv. Auf den zweiten Blick jedoch, sobald sie über ihre Mandantinnen spricht, verblasst jedes Klischee angesichts der Tatsache, wie interessant und kenntnisreich sie von ihren Erfahrungen erzählt. Stichwort Falschanzeigen zum Beispiel, also die nicht erst seit dem Kachelmann-Prozess und Gina-Lisa Lohfink kursierende Unterstellung, Frauen würden sich typischerweise an ihrem Ex zu rächen versuchen, indem sie ihm eine Gewalttat anhängten.

          Gewalttätige Väter

          Clemm würde niemals abstreiten, dass es Falschanzeigen gibt. „Ich erlebe das genau umgekehrt“, sagt sie allerdings. „Ich habe sehr viele Mandantinnen, die schreckliche Dinge erlebt haben, die sie nie anzeigen werden.“ Oft sei einfach die Angst zu groß. Außerdem gehe es den allerwenigsten Frauen darum, dass der Täter hart bestraft werde. „Meistens wollen sie einfach nur, dass es aufhört.“

          Dann erzählt die Anwältin von den Hürden, die zu bewältigen sind, wenn eine Frau sich aus einer gewalttätigen Beziehung löst. Wie es zum Beispiel vor dem Familiengericht weitergeht, wenn Kinder da sind. Für ihre Mandantinnen, sagt Clemm, sei das der gefährlichste Ort. Einmal hat sie erlebt, wie ein Vater plötzlich den Tisch vor sich hochhob und auf seine Exfrau werfen wollte. Immer wieder muss sie nach Verhandlungsende mit ihren Mandantinnen fluchtartig den Saal verlassen und ins rettende Taxi springen.

          Geradezu unverantwortlich ist es aus ihrer Sicht auch, wie wenig Gewalt gegen Mütter eine Rolle spielt, wenn Männer auf ihr Sorge- und Umgangsrecht pochen. Dabei, sagt Clemm, habe miterlebte Gewalt für Kinder ähnlich langfristige Folgen wie eigene Gewalterfahrungen. „Ich finde, dass gewalttätige Väter nur eingeschränkt erziehungsfähig sind“, sagt sie. „Wenn ich meine Frau schlage, habe ich ein grundsätzliches Aggressionsproblem und übe Macht in einer Form aus, die besonders degradieren soll.“ Nicht, dass die Anwältin glauben würde, Menschen könnten sich nicht ändern. Aber gerade deshalb ist sie überzeugt: „Die müssen erst mal gezwungen werden, an sich zu arbeiten.“

          Sie redet frei und spricht sehr klar

          Landgericht Berlin, Saal B206. Angeklagt sind zwei junge Männer, die einen anderen aus Schwulenhass so gequält und gedemütigt haben, dass sie später zu hohen Haftstrafen verurteilt werden. Es ist der Tag der Plädoyers. Clemm, die regelmäßig auch Opfer von homophober oder rassistischer Gewalt vertritt, steht auf. Die Robe über dem schwarzen T-Shirt trägt sie offen. Sie redet frei und spricht sehr klar. Und in dem nüchternen Saal, in dem es die gesamte Verhandlung über, so wie es das Strafrecht aus gutem Grund will, vor allem um die mutmaßlichen Täter ging, wird auf einmal die Todesangst des Opfers spürbar, sein Leiden an der Tat bis heute, aber auch seine Persönlichkeit, seine Haltung, seine Wünsche für die Zukunft.

          Wie immer in solchen Fällen hat die Anwältin ihren Mandanten gefragt, was er sich von dem Prozess und dem Urteil erhofft. Schließlich ist es das Wesen der Nebenklage, Opfern eine Stimme zu geben und sie vom Objekt zum Subjekt des Strafverfahrens zu machen. Clemm macht das so warmherzig und kompetent, dass man es beinahe mütterlich nennen würde, jedenfalls mit der sprichwörtlichen Löwenmutter im Kopf, wenn so eine Zuschreibung sich nicht selbst disqualifizieren würde in einem Kontext, in dem es zwangsläufig auch darum gehen muss, stereotype Geschlechterrollen zu überwinden. Clemm selbst, Mutter von drei Kindern, hat übrigens immer mindestens Vollzeit gearbeitet, während ihr Partner sich mehr Zeit für die Familie nahm.

          „Geschlechtsspezifische Gewalt hat etwas mit den Machtverhältnissen zu tun“: Clemm in ihrer Kanzlei in 
Berlin-Kreuzberg.
          „Geschlechtsspezifische Gewalt hat etwas mit den Machtverhältnissen zu tun“: Clemm in ihrer Kanzlei in Berlin-Kreuzberg. : Bild: Julia Zimmermann

          In jedem Gespräch mit Clemm, auch in ihrem Buch steckt gleich eine ganze Reihe in Geschichten verpackter Forderungen. Ähnlich wie die Unschuldsvermutung für den Angeklagten wünscht sich die Rechtsanwältin beispielsweise eine „Opfervermutung“, die einen respektvolleren Umgang mit Belastungszeuginnen zum Standard machen könnte. Für ein reiches Land wie Deutschland beschämend findet sie, dass immer wieder Frauenhäuser aus Kapazitätsgründen Betroffene abweisen müssen und dass es gerade im ländlichen Raum nicht ausreichend Beratungsstellen gibt. Darüber hinaus, sagt sie, müsste jenseits von Erster Hilfe über Wohnraum, Kita- und Schulplätze für gewaltbetroffene Frauen und ihre Kinder nachgedacht werden. Denn sosehr es sie auch berühre, wie schlecht es ihren Mandantinnen oft gehe, so sehr berühre es sie auch, wie gut viele davon ihr Leben perspektivisch meistern würden, wenn sie die notwendige Unterstützung bekämen.

          Wie haltet ihr es mit der Gewalt?

          Zuallererst jedoch geht es Clemm um die gesellschaftliche Debatte über eine gemeingefährliche, alltägliche, noch immer unterschätzte Form der Gewalt: Eifersucht, Angst vor der Trennung und dem Alleinsein oder das Gefühl der Degradierung, weil die Partnerin einen anderen hat – natürlich, sagt Clemm, gebe es die verschiedensten Motive, aus denen heraus ein Mann seine Frau attackiere. Dass aber Männer – und eben nur Männer – überhaupt auf die Idee kämen, ihre Partnerin wie einen Besitz zu betrachten, den sie notfalls mit Gewalt daran hinderten, eigener Wege zu gehen, „das hat etwas mit den Machtverhältnissen zu tun“, sagt Clemm. Sie plädiert dafür, wie in Lateinamerika oder Italien, auch hierzulande endlich von Femizid oder Frauenmord zu sprechen. „Wir brauchen die Bezeichnung des Phänomens, um es bekämpfen zu können“, sagt sie. Außerdem warnt sie davor, wenige Tage nach den Anschlägen von Hanau, „weil mir das wirklich wichtig ist“, wie sehr Frauenhass ein Grundbestandteil rechtsextremen Denkens sei.

          In ihrem Alltag unterdessen pflegt sie inzwischen eine ungewöhnliche Strategie. Auf jeder Party, wann immer sich ein Moment zum Plaudern ergibt, fragt Clemm in ihrem Umfeld gerade auch die Männer: Wie haltet ihr es mit der Gewalt? Was kriegt ihr mit? Und redet ihr mit euren Kumpels über dieses Thema? Clemm lächelt entspannt. „Ich versuche, das einfach sprechbar zu machen“, sagt sie.

          „AktenEinsicht. Geschichten von Frauen und Gewalt“ von Christina Clemm, Verlag Antje Kunstmann, 206 Seiten, 20 Euro, erscheint am 3. März.

          Jetzt mit F+ lesen

          Schule für das Leben: Ball der Waffenbrüderschaft im November 1987 in der MfS-Bezirksverwaltung Dresden

          Putin in der DDR : Eine gute Schule für das Leben

          Fünf Jahre arbeitete Wladimir Putin als KGB-Offizier in Dresden. Stasi-Unterlagen aus dieser Zeit verraten mehr über den russischen Präsidenten, als diesem lieb sein dürfte. Ein Gastbeitrag.
          In Deutschland können die Partner ihren künftigen Namen nicht frei auswählen – wie es zum Beispiel in Schweden der Fall ist.

          Hochzeitsserie – Teil 10 : Ein Relikt des Patriarchats

          Noch immer tappen viele Frauen bei der Heirat in die Traditionsfalle und geben ihren Mädchennamen ab. Paare mit hoher Bildung entscheiden sich aber immer häufiger anders – und eine neue Option ist in Sicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.