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Haftungsdilemma in Kassel : Wie der Klimawandel einen Blindenpfad gefährdet

Ein Holzgeländer am Wegesrand hilft Blinden, sich im Wald zurechtzufinden. Bild: Aders, Hannah

Per Busch kämpft für den Erhalt eines Blindenpfads im Wald bei Kassel. Hinter dem Streit steht die Frage, wer für die Gefahren des Waldes haftet, die wegen des Klimawandels steigen.

          6 Min.

          Es sei das erste Mal, sagt Per Busch, dass er öffentlich Radau schlage. Busch wohnt am Stadtrand von Kassel. Er ist 52 Jahre alt und liebt es, im Wald spazieren zu gehen. Und weil genau dieses Hobby nun erschwert werden könnte, wird Busch nun laut. Er schreibt an Zeitungen und hat eine Petition gestartet.

          Anna Vollmer
          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Als Busch vor fast 20 Jahren nach Kassel zog, wusste er zunächst nicht, wohin: „Wenn man als Blinder in eine Stadt zieht, die man nicht kennt – wie entscheidet man sich? Soll man nach oben, unten, rechts, links auf der Karte?“ Eine Freundin zog auf dem Stadtplan die großen Straßen mit einer Heißklebepistole nach. An den linken Rand klebte sie ein Stück Filz, da ging der Wald los. Busch wusste sofort, dass er sich das ansehen musste, denn er war nicht gern unter Menschen, nicht gern in der Stadt.

          Nachdem er im Alter von 24 Jahren durch eine Explosion erblindet war, habe er sich anfangs für seinen Blindenstock geschämt, sich gefühlt „wie ein Zootier auf Freigang“, sagt er. „Ich bin blind geworden, und auf einmal konnte jeder mich sehen, aber ich konnte niemanden mehr sehen.“ Im Wald aber, da war Busch für sich. Wenn er doch Menschen traf, begegnete er ihnen „auf Augenhöhe“.

          Wer ist für Unfälle im Wald verantwortlich?

          Mit Freunden fuhr Busch nach Kassel, um die Gegend zu erkunden. In jenem Wald am Stadtrand, den er auf der Karte schon entdeckt hatte, erlebte er eine Überraschung: Hier gab es tatsächlich, was für ein Zufall, einen Blindenpfad. Einen Waldweg, der vor Jahrzehnten geschaffen worden war, um den Bewohnern eines Blindenheims bei der Orientierung im Wald zu helfen. Buschs Entscheidung stand sofort fest: Möglichst nah am Pfad wollte er wohnen. Er zog hin und will seitdem nicht mehr von dort weg: „Hier muss man mich in der Kiste wegtragen.“ Der Blindenpfad, sagt Busch, habe sein Leben „auf die Füße gestellt“.

          Mit seinem Blindenhund fühlt sich Per Busch im Kasseler Wald sicher.
          Mit seinem Blindenhund fühlt sich Per Busch im Kasseler Wald sicher. : Bild: Aders, Hannah

          Den Blindenpfad könnte es aber bald nicht mehr geben. Die Waldverwaltung hat bereits begonnen, ihn abzubauen. Als Grund nennt sie die „Verkehrssicherungspflicht“. Ein abstraktes Wort für eine komplizierte Angelegenheit. Vom Waldsterben ist viel die Rede in diesen Tagen, man denkt an Borkenkäfer und die immer heißer werdende Luft, die uns tropische Nächte und Erschöpfung beschert. Es bedeutet aber auch: Bäume sterben, Äste stürzen herab, manchmal ganze Kronen. Wenn die jemanden treffen, die Person verletzt wird, im schlimmsten Fall stirbt – wer trägt die Schuld? Der Naturpark, in dem sich der Pfad befindet, fürchtet Jürgen Depenbrock, Geschäftsführer des Zweckverbands Naturpark Habichtswald. Er also. Und das, sagt Depenbrock, „ist mir zu heikel“.

          Eigentlich sind Spaziergänger im Wald für ihre eigene Sicherheit verantwortlich. Der Gesetzgeber spricht in diesem Fall von „typischen Gefahren des Waldes“, auch herabstürzende Äste sind damit gemeint. Wer im Wald ist, muss wissen, in welche Gefahr er sich begibt, auch wenn er auf festgeschriebenen Wanderwegen unterwegs ist.

          Juristische Lage unklar

          Es gibt aber eine Ausnahme, sie bezieht sich auf „atypische Gefahren“, Dinge, die normalerweise nicht einfach so im Wald zu finden sind: Schutzhütten, Infoschilder und Bänke zum Beispiel. Oder eben ein Blindenpfad. Denn dieser gehört zu den sogenannten „Erholungseinrichtungen“, erklärt Rainer Hilsberg, nebenamtlich Dozent für Verkehrssicherungspflicht von Bäumen an der Bayerischen Verwaltungsschule. „Die führen dazu, dass Menschen sich hier länger aufhalten und auch von einer Verkehrssicherung ausgehen dürfen. Das fängt schon bei einer Ruhebank an.“

          Wer diese Strukturen aufgebaut habe, in diesem Fall der Naturpark Habichtswald, könne unter Umständen auch für waldtypische Gefahren haften. Ein einschlägiges Urteil gebe es noch nicht, es komme immer auf den Einzelfall an, und der sei schwer vorhersehbar. Es sei schon vorgekommen, dass im selben Fall verschiedene Gerichte ein anderes Urteil gefällt hätten. Der Bürgermeister des gut 50 Kilometer weiter südlich gelegenen Dorfs Neukirchen ist im Februar wegen fahrlässiger Tötung wegen Unterlassens verurteilt worden, nachdem in einem ungesicherten Teich dort drei Kinder ertrunken waren. „Wenn hier etwas passiert, dann bin ich der Bürgermeister – da will sicher keiner mit mir tauschen“, sagt Depenbrock.

          Seit bald zwanzig Jahren geht Per Busch täglich auf dem Blindenpfad spazieren. Wenn möglich auch zweimal, aber Peggy, sein in die Jahre gekommener Blindenführhund, will nicht mehr recht mitmachen. Wer mit ihm unterwegs ist, merkt sofort, dass Busch den Wald in- und auswendig kennt. Immer wieder hält er an, um etwas zu zeigen: eine Rille im Boden, einen Nagel im Holz – all die Hinweise, die ihm Orientierung geben. An einer Stelle zeigt er nach oben und fragt: „Wollen Sie nicht die Buche hier fotografieren? Die muss ja sehr eindrucksvoll sein.“

          Ein Blinder als Wegweiser

          Der Weg, der in den Wald führt, ist breit. Hier, sagt Busch, brauche er eigentlich nicht einmal einen Blindenstock. Hier brauchte er auch die Orientierungshilfe des Blindenpfades nicht, die helfe ihm vor allem bei schlechten Wetterbedingungen und auf schmalen Wegen, denn dort fühle sich der Weg genauso an wie der Waldboden. Busch sagt „Orientierungshilfe“, weil die Holzkonstruktion, die den Pfad säumt, kein Geländer ist, auch wenn sie so aussieht. Sie ist nicht zum Festhalten, dafür ist sie an vielen Stellen auch zu niedrig. Busch legt stattdessen seinen Blindenstock auf das Holz, nur um zu wissen: Da ist noch ein Balken, da ist noch ein Weg, keine Hindernisse zu erwarten. Hört die Orientierungshilfe auf, weiß Busch: Jetzt kommt eine Abzweigung, danach geht es in eine andere Richtung weiter. So könne er den Kopf abschalten und seinen Gedanken freien Lauf lassen. Er muss niemanden um Hilfe bitten, oft komme es sogar vor, dass er anderen helfe: „Da staunen die natürlich, dass der Blinde ihnen den Weg zeigt.“ Das gebe ihm ein enormes Selbstbewusstsein.

          Busch kennt nicht nur den Wald, er kennt auch seine Geschichte und seine Geschichten. Er schreibt davon in einem Blog, und er erzählt sie gern: von Napoleon und den Wildschweinen und natürlich auch von der Geschichte des Blindenpfads. Der Pfad ist nicht der einzige in Deutschland, aber der erste. Gerade deshalb sei er besonders, sagt Busch.

          Anfang der siebziger Jahre, als der damalige Forstamtsleiter Claus Eichel, der Bruder des SPD-Politikers Hans Eichel, den Blindenpfad eröffnete, sei von Inklusion noch keine Rede gewesen, sagt Busch: „Da war das Denkmodell: Um Behinderte wird sich gekümmert, Behinderte werden versorgt, aber Behinderte machen selber nichts.“ Eichels Handeln sei für die damalige Zeit „visionär“ gewesen, ähnliche Projekte habe es erst sehr viel später gegeben.

          Diskriminierung oder Verhältnismäßigkeit?

          Es sei eine Diskriminierung, den Pfad abzubauen, sagt Busch: „Dieses Wort habe ich bisher nie verwendet, so bin ich nicht.“ Wäre der Pfad einfach verfallen, ohne erneuert zu werden, sei das das eine. Ihn einfach abzubauen sei aber eine andere Sache. Busch glaubt nicht, dass es der Waldverwaltung tatsächlich um die Verkehrssicherung gehe. Mehrfach habe er in der Vergangenheit Hilfe angeboten, Spenden gesammelt, um den Pfad zu erhalten. Depenbrock sei auf seine Angebote aber nicht eingegangen.

          Durch die Waldschäden habe sich die Gelegenheit ergeben, und Depenbrock habe zugegriffen: „Das ist wie im Fußball: Jemand spielt mir einen Pass zu, ich nutze die Chance und hau den rein.“ Die Verkehrssicherungspflicht ist der Pass, oder wie Busch es an anderer Stelle doppeldeutig formuliert, das „Totschlagargument“. Das Urteil gegen den Bürgermeister von Neukirchen wegen fahrlässiger Tötung sei für ihn kein Argument, sagt Busch, man könne schließlich nicht alles sichern. Auch jetzt, nach dem Urteil, sei schließlich nicht jeder Teich abgesperrt.

          Es gehe nicht nur um die Haftung, sagt Depenbrock, obwohl dieser Aspekt am schwersten wiege. Um die Sicherheit zu gewährleisten, sei auch ein enormer Personalaufwand nötig. Die Spenden, die Busch gesammelt habe, reichten dafür bei weitem nicht aus. Und auch der Naturschutz spiele eine Rolle: „Wenn wir das Geländer erhalten wollen, müssten sicher 20 alte Bäume gefällt werden. Was meinen Sie, was dann los wäre?“ Es gehe um die Verhältnismäßigkeit. Das Blindenheim, für das der Pfad einst gedacht war, sei inzwischen ein normales Altersheim, der Blindenpfad, so Depenbrock, werde daher nur noch von Busch genutzt. Er wolle, sagt Depenbrock, den Wald aber für so viele Menschen wie möglich erlebbar machen. Wenn er alle benötigten Ressourcen in die Absicherung des Pfades stecken würde, bliebe deutlich weniger Geld und Personal für andere Angebote. Busch dagegen sagt, nicht nur er, auch demente und ältere Menschen könnten den Pfad nutzen.

          Klimawandel gefährdet Waldbesucher

          Der Streit um den Blindenpfad reicht weit über Kassel hinaus. Denn Sicherheit im Wald zu gewährleisten werde zunehmend zum Problem, sagt Depenbrock. Es gebe wahrlich dankbarere Aufgaben, als einen Blindenpfad abzubauen. Im Übrigen sei nicht nur dieser betroffen, auch andere Angebote seien inzwischen entfernt worden. Er tue das nicht gern, aber eine andere Lösung sehe er nicht. Rainer Hilsberg, der Dozent für Verkehrssicherungspflicht von Bäumen, sagt: Auch ein Schild, auf dem Besucher vor den Gefahren des Weges gewarnt würden, entbinde nicht von der Haftung. Die Verkehrssicherungspflicht gelte trotzdem: „Das ist wie im Winter: Auf Gehwegen müssen Sie streuen, da können Sie auch kein Schild aufbauen.“

          Die Situation habe sich geändert, sagt Depenbrock, der Wald sei durch den Klimawandel gefährlicher geworden. In Zukunft müsse man „sehr, sehr aufmerksam“ sein: „Wir können keine Bank mehr irgendwo aufstellen, weil wir denken: Ach, schön schattig hier. Der Blick muss immer zuerst nach oben gehen.“ Auch an Depenbrock gehen diese Veränderungen nicht vorbei, als er kürzlich eine Radtour im Frankfurter Stadtwald gemacht habe, seien ihm „fast die Tränen gekommen“, so schlimm sei dessen Zustand.

          Genau betrachtet sind Busch und Depenbrock sich in gewisser Weise sogar einig: Sie lieben den Wald, und sie wollen ihn erhalten. Beide sagen, sie seien froh, dass durch den Blindenpfad endlich eine Diskussion angestoßen werde, die vielleicht dafür sorgen könne, dass man sich in Zukunft noch mehr um den Wald kümmere, ihm mehr Aufmerksamkeit widme, auch finanziell. Das könnte tatsächlich passieren. Der FDP-Bundestagsabgeordnete Matthias Nölke, der auch Stadtverordneter in Kassel ist, hat nun angekündigt, seine Fraktion werde „alles dafür tun“, damit die Stadt Kassel finanzielle Mittel für den Erhalt des Blindenpfads bereitstelle.

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