https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/wie-der-klimawandel-einen-blindenpfad-gefaehrdet-16907662.html

Haftungsdilemma in Kassel : Wie der Klimawandel einen Blindenpfad gefährdet

  • -Aktualisiert am

Ein Holzgeländer am Wegesrand hilft Blinden, sich im Wald zurechtzufinden. Bild: Aders, Hannah

Per Busch kämpft für den Erhalt eines Blindenpfads im Wald bei Kassel. Hinter dem Streit steht die Frage, wer für die Gefahren des Waldes haftet, die wegen des Klimawandels steigen.

          6 Min.

          Es sei das erste Mal, sagt Per Busch, dass er öffentlich Radau schlage. Busch wohnt am Stadtrand von Kassel. Er ist 52 Jahre alt und liebt es, im Wald spazieren zu gehen. Und weil genau dieses Hobby nun erschwert werden könnte, wird Busch nun laut. Er schreibt an Zeitungen und hat eine Petition gestartet.

          Als Busch vor fast 20 Jahren nach Kassel zog, wusste er zunächst nicht, wohin: „Wenn man als Blinder in eine Stadt zieht, die man nicht kennt – wie entscheidet man sich? Soll man nach oben, unten, rechts, links auf der Karte?“ Eine Freundin zog auf dem Stadtplan die großen Straßen mit einer Heißklebepistole nach. An den linken Rand klebte sie ein Stück Filz, da ging der Wald los. Busch wusste sofort, dass er sich das ansehen musste, denn er war nicht gern unter Menschen, nicht gern in der Stadt.

          Nachdem er im Alter von 24 Jahren durch eine Explosion erblindet war, habe er sich anfangs für seinen Blindenstock geschämt, sich gefühlt „wie ein Zootier auf Freigang“, sagt er. „Ich bin blind geworden, und auf einmal konnte jeder mich sehen, aber ich konnte niemanden mehr sehen.“ Im Wald aber, da war Busch für sich. Wenn er doch Menschen traf, begegnete er ihnen „auf Augenhöhe“.

          Wer ist für Unfälle im Wald verantwortlich?

          Mit Freunden fuhr Busch nach Kassel, um die Gegend zu erkunden. In jenem Wald am Stadtrand, den er auf der Karte schon entdeckt hatte, erlebte er eine Überraschung: Hier gab es tatsächlich, was für ein Zufall, einen Blindenpfad. Einen Waldweg, der vor Jahrzehnten geschaffen worden war, um den Bewohnern eines Blindenheims bei der Orientierung im Wald zu helfen. Buschs Entscheidung stand sofort fest: Möglichst nah am Pfad wollte er wohnen. Er zog hin und will seitdem nicht mehr von dort weg: „Hier muss man mich in der Kiste wegtragen.“ Der Blindenpfad, sagt Busch, habe sein Leben „auf die Füße gestellt“.

          Mit seinem Blindenhund fühlt sich Per Busch im Kasseler Wald sicher.
          Mit seinem Blindenhund fühlt sich Per Busch im Kasseler Wald sicher. : Bild: Aders, Hannah

          Den Blindenpfad könnte es aber bald nicht mehr geben. Die Waldverwaltung hat bereits begonnen, ihn abzubauen. Als Grund nennt sie die „Verkehrssicherungspflicht“. Ein abstraktes Wort für eine komplizierte Angelegenheit. Vom Waldsterben ist viel die Rede in diesen Tagen, man denkt an Borkenkäfer und die immer heißer werdende Luft, die uns tropische Nächte und Erschöpfung beschert. Es bedeutet aber auch: Bäume sterben, Äste stürzen herab, manchmal ganze Kronen. Wenn die jemanden treffen, die Person verletzt wird, im schlimmsten Fall stirbt – wer trägt die Schuld? Der Naturpark, in dem sich der Pfad befindet, fürchtet Jürgen Depenbrock, Geschäftsführer des Zweckverbands Naturpark Habichtswald. Er also. Und das, sagt Depenbrock, „ist mir zu heikel“.

          Eigentlich sind Spaziergänger im Wald für ihre eigene Sicherheit verantwortlich. Der Gesetzgeber spricht in diesem Fall von „typischen Gefahren des Waldes“, auch herabstürzende Äste sind damit gemeint. Wer im Wald ist, muss wissen, in welche Gefahr er sich begibt, auch wenn er auf festgeschriebenen Wanderwegen unterwegs ist.

          Juristische Lage unklar

          Es gibt aber eine Ausnahme, sie bezieht sich auf „atypische Gefahren“, Dinge, die normalerweise nicht einfach so im Wald zu finden sind: Schutzhütten, Infoschilder und Bänke zum Beispiel. Oder eben ein Blindenpfad. Denn dieser gehört zu den sogenannten „Erholungseinrichtungen“, erklärt Rainer Hilsberg, nebenamtlich Dozent für Verkehrssicherungspflicht von Bäumen an der Bayerischen Verwaltungsschule. „Die führen dazu, dass Menschen sich hier länger aufhalten und auch von einer Verkehrssicherung ausgehen dürfen. Das fängt schon bei einer Ruhebank an.“

          Weitere Themen

          Licht in der Finsternis

          Der Wandertipp : Licht in der Finsternis

          Die „Gnade Gottes“ und die Gnade des Landgrafen: Wo einst nach Silbererz geschürft wurde, fanden später Glaubensflüchtlinge Aufnahme. Auf den Spuren der Waldenser geht es ins Modautal.

          Topmeldungen

          „Helden Russlands“: Putin stößt mit Soldaten nach ihrer Auszeichnung am 08. Dezember 2022 im Kreml an.

          Russlands Ukrainekrieg : Prosit für Putin

          Moskaus Gerichte verurteilen einen Oppositionellen nach dem anderen. Und Russlands Präsident verleiht Auszeichnungen wie am Fließband. Weiterhin behauptet der Kreml, auf dem einzig richtigen Kurs zu sein.
          Im Vergleich: Welche Bank zahlt jetzt wie viel Zinsen?

          Zinswende : Welche Bank jetzt wie viel Zinsen zahlt

          So langsam kommt auch bei den großen Banken Fahrt in die Zinswende. Zahlen Commerzbank und Deutsche Bank für Tages- und Festgeld mehr als die Sparkasse von nebenan?
          „Choking under Pressure“: Der spanische Weltstar Sergio Busquets scheitert im Elfmeterschießen gegen Marokko.

          Umgang mit Drucksituationen : Wie beim Elfmeterschießen

          Wie besteht man in extremen Drucksituationen wie etwa im Elfmeterschießen? Fachleute haben einige wertvolle Tipps, die weiterhelfen – nicht nur bei der Fußball-Weltmeisterschaft.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.