https://www.faz.net/-gum-8w1cr

Ein Gespräch über das Gehirn : „Gefühle können anstecken“

  • -Aktualisiert am

Manchmal treffen uns empathische Gefühle wie ein Blitz. Bild: Department of Biology, Stanford University

Unser Gehirn beeinflusst stärker als wir denken unser Miteinander. Wir haben mit einer Wissenschaftlerin über Missverständnisse in unserer Denkzentrale gesprochen.

          Was Franca Parianen macht, ist gar nicht so einfach in Worte zu fassen, und dann muss sie sich gelegentlich auch noch anhören, dass das ja nun nicht so dolle sei. Etwa dieses Forschungsergebnis: Liebe macht glücklich. „Wer hätte das gedacht“, sagt Parianen selbst. Die Wissenschaftlerin forscht am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig an den Übergängen von Biologie und Soziologie, und das Seltsame ist: Viele Erkenntnisse dieser Disziplin erscheinen banal, eben wie das tägliche Leben – trotzdem nutzen wir sie nur selten, um das Leben besser zu machen. Das will Parianen ändern, und sie hat ein Buch geschrieben, darüber, wie das Hirn unser Sozialverhalten bestimmt. Die gute Nachricht: Das Organ will grundsätzlich unser Bestes. Die schlechte: Wir missverstehen das manchmal ganz erheblich.

          Frau Parianen, bevor wir zu allem anderen kommen, müssen wir über Spiegelneuronen reden.

          Dieses Phänomen ist Pop. Jeder hat davon gehört. Es hat tatsächlich die Neurowissenschaften revolutioniert.

          Wie das?

          In den Neunzigern sollte eigentlich die Gehirnaktivität von Affen gemessen werden, während sie nach etwas greifen. Wohl zufällig war ein Affe schon verkabelt, als er zusah, wie ein Mensch beim Essen nach etwas griff. Die Aktivierung war in einigen Zellen fast dieselbe, wie wenn er selbst nach etwas greift. Spätere Studien bestätigten dieses Ergebnis im menschlichen Gehirn.

          Und ist das jetzt wirklich so wichtig für unser Zusammenleben?

          Die sogenannte soziale Ansteckung kann Großereignisse provozieren. Studien zufolge braucht es etwa 17 Menschen, um die halbe Fußgängerzone nach oben schauen zu lassen, und 30 für eine La-Ola-Welle im Stadion. Menschen, die stärker spiegeln, werden als intelligenter und liebenswerter wahrgenommen. Dazu kommt die Gefühlsansteckung. Die hat Vor- und Nachteile: Sie hilft uns mitzufühlen, doch wenn wir jemanden sehen, der gestresst ist, ist die Gefahr groß, dass wir es auch sind.

          Sie beschäftigen sich beruflich damit. Sind Sie deswegen immun gegen Gefühlsansteckung?

          Das wäre traurig, wenn alle Neurowissenschaftler so psychopathische Tendenzen entwickeln würden. Wir können zwar identifizieren, wie unser Gehirn unser Sozialverhalten beeinflusst. Aber wir dürfen nicht überschätzen, wie gut wir das verändern können. Viele soziale Probleme entstehen ja dadurch, dass wir vorschnell Urteile treffen und keine Zeit haben, unsere Reaktionen zu steuern. In solchen Situationen werden wir wahrscheinlich überfordert bleiben. Gut wäre es, sich eine halbe Stunde später über die Dinge bewusst zu werden.

          Zum Beispiel?

          Zum Beispiel die Tendenz, sich zu stark auf die eigene Perspektive zu stützen. Also anzunehmen, dass jeder im Raum meine Bedürfnisse und mein Wissen teilt. Dann glaubt man, der andere versteht, was man andeutet, ironisch meint oder erschwindelt, nur weil man es selbst weiß. Es ist hilfreich, sich ab und zu mal bewusst zu machen, welche kleine Rolle man eigentlich spielt in den Gedanken von anderen Leuten.

          Auch bei nahestehenden Menschen?

          Auf gewisse Weise ja. Nur weil ich mich daran erinnere, was ich gesagt habe, heißt das nicht, dass mein Partner sich daran noch erinnert oder es für ihn die gleiche Wichtigkeit hat.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.