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Illegales Autorennen : Mit Tempo 170 von Küste zu Küste

  • -Aktualisiert am

Raserei mit Geschichte: Der „Cannonball Run“ (hier in einer Filmszene von 1984) existiert schon seit den Siebzigern. Bild: Allstar/Warner Bros.

Beim illegalen Cannonball-Rennen durch Amerika gibt es einen neuen Rekord. Allerdings streitet sich die Szene darüber, wie der Erfolg des unbekannten Teams in Zeiten von Corona zu bewerten ist.

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          Nein, Ed Bolian saß dieses Mal nicht am Steuer. Der Autohändler aus dem amerikanischen Südstaat Georgia, der das Cannonball-Rennen vor sieben Jahren gewonnen hatte, hat aber einen neuen Rekord bestätigt. Wie Bolian jetzt bei Youtube verriet, brach ein bislang anonymes Team bei dem ebenso legendären wie illegalen Rennen von New York nach Los Angeles den Rekord von Arne Toman und Doug Tabutt aus dem vergangenen November.

          Während die beiden Fahrer und ihr Helfer Berkely Chadwick vor fünf Monaten für die fast 4550 Kilometer lange Strecke 27 Stunden und 25 Minuten gebraucht hatten, erreichte das unbekannte Team das Hotel Portofino Inn in Redondo Beach südlich von Los Angeles am 6. April bereits nach 26 Stunden und 38 Minuten. Bolian selbst hatte die Strecke im Jahr 2013 in 28 Stunden und 50 Minuten zurückgelegt und galt bis zum vergangenen Herbst als schnellster „Cannonballer“.

          „Wir werden die Zeit nicht veröffentlichen“

          „Ob ich glaube, dass es eine gute Idee ist, das Rennen zu fahren, wenn das ganze Land wegen einer Pandemie zu Hause bleibt? Eher nicht“, sagte Bolian dem Fachblatt „Race & Track“. „Aber wenn ich mich aufschwinge, ist es, als würde ein Kokaindealer über einen Heroindealer herziehen.“ Wie Bolian monierten auch andere Fahrer den Rekord in Corona-Zeiten. Alex Roy, der im Jahr 2006 in 31 Stunden und vier Minuten von Küste zu Küste gerast war, nannte die Leistung seines unbekannten Nachfolgers unpatriotisch. „Was wäre gewesen, wenn er einen Lastwagen mit medizinischem Gerät angefahren hätte und Leute gestorben wären? Die Menschen sind in dieser Zeit darauf angewiesen, dass Lastwagen ihnen Equipment bringen. Das ist kein Spaß“, wetterte Roy in sozialen Medien – ganz so, als gefährde die Raserei in normalen Zeiten keine Menschenleben.

          Angeblich hatten mehrere Fahrer für Anfang April ein Cannonball-Rennen geplant. Wegen der Corona-Krise, Tausender Toter und Lockdowns in den meisten amerikanischen Bundesstaaten hatten sie den traditionellen Start an der Red-Ball-Garage in Manhattan aber verschoben. Mit Blick auf die vermeintliche Unsportlichkeit der neuen Rekordhalter, die sich durch Corona-leere Straßen einen Vorteil verschafft hätten, verweigerten viele Cannonball-Insider Roys Nachfolger nun die Anerkennung. „Wir werden die Zeit nicht veröffentlichen, denn eine Fahrt in Covid-19-Zeiten entwertet die Schwierigkeit des Rennens“, schrieben die Organisatoren bei Instagram.

          Als Hommage an das Netz amerikanischer Interstate-Autobahnen und gleichzeitig als Protest gegen ihre rigiden Tempolimits waren Anfang der Siebziger die ersten Fahrer zu sogenannten Cannonball Runs aufgebrochen. Während damals schon Zeiten unter 36 Stunden für Rekorde taugten, wurden die Fahrer in den vergangenen Jahren durch Radarwarner, Funk und Wärmebildkameras, die vor zeitintensiven Begegnungen mit der Polizei schützten, immer schneller. Auch geht ihnen der Ruf voraus, Strecke und Tankstopps bis ins kleinste Detail zu planen. Bolian soll bei seiner Rekordfahrt vor sieben Jahren in seinem Mercedes zudem eine Bettpfanne bemüht haben, um auf Toilettenpausen verzichten zu können.

          Sein Nachfolger soll am 4. April gegen Mitternacht vor der Autowerkstatt Red Ball Garage an der East 31st Street in Manhattan aufgebrochen sein. Fotos in sozialen Medien zeigen einen weißen Audi A8, Baujahr 2019, mit zwei roten Ersatztanks im Kofferraum. Ein Tablet, das an Klebestreifen eher provisorisch an der Rückseite des Fahrersitzes hing, registrierte Entfernung und Zeit. Obwohl Bolian und andere Fahrer den Rekord mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 171 Kilometern in der Stunde per App verfolgten, blieb die Strecke vorerst geheim. Auch ob die Justizbehörden in den mindestens 13 Bundesstaaten, die die Unbekannten jenseits aller Geschwindigkeitsbegrenzungen durchquerten, Ermittlungen eingeleitet haben, ist nicht bekannt.

          Der Cannonball-Fan John Ficarra, Organisator eines ähnlichen Rennens von New York nach San Francisco, brach derweil eine Lanze für die neuen Rekordhalter. „Wie wollen wir etwas verurteilen, das schon illegal ist und von den meisten Leuten abgelehnt wird? Sollen wir jetzt einen Cannonball-Rat bilden und Verbote aussprechen? Das sind doch kleine Fische!“

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