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Fußball-Trainer unter Druck : Machtlos an der Seitenlinie

  • -Aktualisiert am

Im Spiel gegen Mexiko war Löw mehrfach der Verzweiflung nahe. Bild: Imago

Fußball-Trainer stehen unter hohem Druck. Nicht nur bei der WM verfolgen oftmals Millionen Menschen jede ihrer Handbewegungen. Joachim Löw bewältige das aber gut – meinen Experten. Und wie genau macht er das?

          So hatte sich das unser Bundestrainer Joachim Löw sicherlich nicht vorgestellt. Mit der Auftaktniederlage der deutschen Fußball-Nationalmannschaft vor einer Woche gegen Mexiko ging das erste Mal seit 1982 wieder ein deutsches Erstrundenmatch bei einer Weltmeisterschaft gründlich daneben. „Das ist eine nicht gewohnte Situation für uns“, sagte Löw kurz nach dem Abpfiff in ein ZDF-Mikrofon und vertröstete die Zuschauer und Fans auf das kommende Spiel gegen Schweden, wo man eine passende Reaktion zeigen werde – und in der fünften Minute der Nachspielzeit dann ja auch zeigte. Was aber klar war, Joachim Löw hatte richtig Stress die vergangene Woche. Der Blick der Medien richtete sich zwar meist auf die Mannschaft: Wie geht sie mit der Auftaktniederlage um? Aber auch am Spielfeldrand regiert nach einer solchen Pleite der Druck. Wie bewältigen Trainer eigentlich ein solches Turnier über Wochen? Auf was sollten sie für ihre Gesundheit achten, auch wenn diese nicht von Verletzungen durch Fouls oder unachtsame Bewegungen bedroht ist?

          Im Sommer 2018 ist Joachim Löw sicherlich Deutschlands bestbeobachteter und meistbewerteter Arbeitnehmer. Den allgemeinen Erwartungsdruck hat er selbst noch angeheizt, indem er als Turnierziel die Titelverteidigung ausrief. Während des ersten Spieles sah man ihm durchaus auch den Druck an, er schrie sich am Spielfeldrand die Lunge aus dem Hals, er gestikulierte, er schlug die Hände vors Gesicht. Viel besser wurde es gegen Schweden nicht, der dramatische Spielverlauf zehrte auch an Löws Nerven. Das ist nichts Außergewöhnliches, beobachtete man die Spiele der Vorrunde; viele Trainer reagieren so an der Seitenlinie.

          Osorio hat eine kurze Lunte

          Und wo Erwartungsdruck ist, da ist mentaler Druck nicht weit. Der ehemalige Nationalspieler Per Mertesacker sorgte im März für reichlich Aufmerksamkeit, als er bekannte, dass ihm vor Spielen regelmäßig übel sei, da er die Anspannung kaum ertragen könne. Es habe ihn sehr belastet, als er in einer frühen Phase seiner Karriere begriff, dass es nicht mehr um Spaß am Spiel, sondern nur noch ums Abliefern der Leistung ging, ohne Wenn und Aber.

          Trainer müssen sich nicht auf dem Platz beweisen, sondern sind zum Agieren an der Seitenlinie verdammt – zumindest während des Spiels. Doch auch oder gerade diese vermeintlich passive Rolle birgt ihre Herausforderungen. Der Sportpsychologe Sebastian Altfeld arbeitet unter anderem mit Trainern zusammen und weiß, was sie stresst. Vor drei Jahren promovierte er mit einer Forschungsarbeit über Burnout bei Trainern. Seiner Erfahrung nach haben viele daran zu knabbern, dass sie anhand von Leistungen bewertet werden, an denen sie nicht direkt beteiligt sind und die sie nur begrenzt beeinflussen können. Altfeld sagt: „Als Trainer muss ich während des Spiels relativ tatenlos hinnehmen, was meine Sportler fabrizieren. Ich kann vorher exzellente Arbeit geleistet haben. Wenn die Spieler das nicht abrufen, bleiben mir nur begrenzte Mittel, um einzugreifen.“

          Der mexikanische Trainer Juan Carlos Osorio gilt als sehr emotional.

          Genau das hat Joachim Löw zum Auftakt erlebt. Für den erfahrenen Coach, der seine Nerven generell gut im Griff hat, stellt eine solche Situation offensichtlich keine besondere Belastung dar. Von einem anderen Kaliber ist da der Nationaltrainer der Mexikaner, Juan Carlos Osorio. Ihm reichte im vergangenen Jahr eine solche ohnmächtige Situation, um von der Fifa wegen massiver Schiedsrichterbeleidigung und Aggressivität für sechs Spiele gesperrt zu werden. Trainer verhalten sich unter Stress unterschiedlich: Es gibt jene, die nach innen reagieren, wie es Altfeld nennt, also eher ruhig werden, aber auch jene, die „eine kurze Lunte haben“. Osorio scheint zur zweiten Kategorie zu zählen.

          Ein deutliches Anzeichen für Löws überdurchschnittliche Ausgeglichenheit ist eine Verhaltensweise des 58 Jahre alten Trainers, die Hans-Dieter Hermann, der Sportpsychologe des DFB-Teams, als außergewöhnlich bezeichnet. Über Löw sagt er in einem gerade erschienenen Porträt: Er habe an ihm etwas beobachtet, was sehr selten sei. Obwohl er selbst unter immensem Druck stehe, gebe er diesen Druck nie an andere weiter. Dies sei „eine demütige Art des Führens“. Löw gelinge es, auch in den Hochleistungsphasen einer Weltmeisterschaft, in denen er unter maximalem Druck stehe, im Gleichgewicht zu bleiben. Dadurch sei er klar bei Entscheidungen, und auch die Spieler erlebten ihn als starke Führungskraft. Das sei enorm wichtig in zugespitzten sportlichen Situationen.

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